Aus Preußen wird Deutschland, der späte Start in den Nationalstaat

Der Weg von der misslungenen Revolution zum deutschen Nationalstaat verlief entlang wirtschaftlicher Interessen. Zunächst gründete man ein Staatengebilde mit dem sehr deutschen Namen Zollverein. Unter preußischer Führung schlossen sich von 1834 bis 1842 achtundzwanzig deutsche Staaten zu einem Binnenmarkt zusammen. Weil Österreich nicht dazugehörte, zeichnete sich für den kommenden Staat die sogenannte kleindeutsche Lösung unter Ausschluss der Habsburger Monarchie ab. (Als Adolf Hitler 1938 seine österreichische Heimat an Deutschland anschloss, nannte er das Ergebnis in Anspielung daran „Großdeutschland“.)
Innerhalb des Zollvereins kam es wie in England, dem Mutterland der industriellen Revolution, durch den Einsatz der Dampfmaschine und einer verbesserten Infrastruktur (wie die erste deutsche Eisenbahnlinie von Nürnberg nach Fürth 1835) zu erheblichem wirtschaftlichen Wachstum. Zur militärischen Hebamme des neuen deutschen Reiches wurde Dänemark (der deutsche Staat, den Sie nun kennenlernen werden, wird in Abgrenzung zum Heiligen Römischen Reich oft Deutsches Kaiserreich genannt). Als die Dänen das Herzogtum Schleswig besetzten, ergriffen zwei konservative preußische Politiker die Initiative. Seit 1860 regierte in Preußen König Wilhelm I. (der Bruder Friedrich Wilhelms IV., der die Kaiserkrone aus der Paulskirche abgelehnt hatte) und der hatte 1862 Otto von Bismarck (1815 - 1898) zum Ministerpräsidenten ernannt. Bismarck organisiert 1864 den Krieg des Deutschen Bundes gegen Dänemark. Nach dem Sieg wurde Schleswig unter preußische und das südlich angrenzende Holstein unter österreichische Aufsicht gestellt. Dies gab Anlass zu neuen Querelen.
1866 kam es zum innerdeutschen Krieg, bei dem Preußen Österreich und dessen Verbündete besiegte. Nun konnten Bismarck und Wilhelm den Norddeutschen Bund gründen, der etwa das Territorium des heutigen Deutschlands ohne Bayern, die Pfalz und Baden-Württemberg, dafür aber mit großen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie umfasste. Der Norddeutsche Bund erhielt 1867 eine Verfassung und den preußischen König als Oberhaupt. Für die Gründung eines deutschen Nationalstaates bedurfte es dann aber noch einer militärischen Unbedarftheit Frankreichs.
Kaiser Napoleon III. hatte einen Diplomaten zu Wilhelm I. geschickt, um ihm das Versprechen abzuringen, für alle Zeit auf die Besetzung des spanischen Throns durch habsburgische oder preußische Sprösslinge zu verzichten - was dieser ablehnte. Bismarck gab die französische Forderung in pointiert verschärfter Form an die Presse weiter (Emser Depesche), was in Frankreich und Deutschland für erhebliche Empörung sorgte und schließlich zur französische Kriegserklärung führte. Nun zeigte sich erstmals Bismarcks Geschick, wirkungsvolle Bündnisse zu schmieden. Ohne Österreich marschierten die süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg und Baden - durch Geheimverträge gebunden - mit den Norddeutschen nach Frankreich. Diese kleindeutsche Allianz besiegte die französischen Truppen in mehreren Schlachten, in deren Verlauf auch der französische Kaiser (bei Sedan) in Gefangenschaft geriet.
Napoleon III. dankte ab, Frankreich wurde Republik und musste das Elsass an Deutschland abtreten. Dessen Fürsten nutzten den Sieg um in Versailles - dem Schloss Ludwig XIV. - den König von Preußen im Januar 1871 zum deutschen Kaiser auszurufen.
Das neue Kaiserreich bekam eine Verfassung, die moderne Elemente enthielt, aber schließlich versagte. Denn zum einen wurde der Reichstag in freier Wahl von allen Männern über 25 Jahren gewählt und das Parlament durfte auch Gesetzte beschließen und über den Reichshaushalt abstimmen. Zum anderen aber wurde der Reichskanzler als Regierungschef vom Kaiser ernannt und war dem Reichstag keine Rechenschaft schuldig. So erlangten die Parteien keine entscheidende politische Bedeutung und die Wahlen zum Reichstag dienten eher als Stimmungsbarometer für Kaiser und Kanzler. Dieser Kanzler war bis 1890 Otto von Bismarck (1815 - 1898).

Durch die Industrialisierung entstand vor allem in den Städten die immer größer werdende Gruppe der Arbeiter. Sie schufen sich Organisationen und Parteien, die Bismarck als seine politischen Feinde betrachtete. Die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (1875) aus zwei Vorläuferorganisationen gilt als Geburtsstunde der SPD, welche diesen Namen (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) aber erst 1890 annahm. Die Sozialistengesetze von 1878 (Aufhänger waren zwei misslungene Attentate auf den Kaiser) ließen zwar sozialdemokratische Kandidaten für den Reichstag zu, verboten aber sozialistische Vereine und Versammlungen. Zugleich schuf Bismarck die - in ihren Grundzügen bis heute bestehende - soziale Gesetzgebung (Kranken- und Altersversicherung) und kam der lohnabhängigen Bevölkerung so entgegen.

In der Außenpolitik schuf Bismarck ein Geflecht aus Verträgen, in das er Österreich, Italien und Russland einbinden und so Frankreich isolieren konnte. Mit England bestanden zwar keine Verträge, aber auch keine Feindschaft.

Dann starb im Jahr 1988 der alte Kaiser und die Monarchie zeigte einmal mehr ihren Systemfehler: das Volk konnte sich den Kronfolger nicht aussuchen. Wilhelms Sohn Friedrich III., liberal gesinnt und mit der englischen Königstochter verheiratet, starb nach drei Monaten an Krebs. Das von der Regierungsgewalt ausgeschlossene Volk erhielt nun als nächsten Hohenzollernsohn den 29jährigen Wilhelm II. zum Kaiser. Der verspielte in den folgenden 24 Jahren bis zum Ersten Weltkrieg Preußens und Deutschlands letzte Chance, ein geachtetes und bedeutendes Mitglied der Staatengemeinschaft zu werden.

Die Voraussetzungen für einen verspäteten aber erfolgreichen Start gab es: Das Kaiserreich erstreckte sich vom Rhein bis zur Memel über ein Territorium, das um ein Drittel größer als die heutige Bundesrepublik war, breiten Zugang zu Nord- und Ostsee und mit Stein- und Braunkohle auch Bodenschätze besaß. Deutschland verfügte über eine leistungsfähige und schon damals exportorientierte Industrie, hatte eine fortschrittliche Sozialgesetzgebung und in den Universitäten forschte man auf hohem Niveau. Dazu gab es schon seit 1884 afrikanische Kolonien, die zwar im Vergleich zum britischen Weltreich eher bescheiden, aber keineswegs unbedeutend waren.  Bildungsblitz 

 
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