Die Völkerwanderung

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Der große Wirbel

"Völkerwanderung" klingt harmlos - ein bisschen wie "Harzwanderung" oder "Osterspaziergang". Tatsächlich ähnelt der Ausdruck aber dem Versuch "die Kriege der Neuzeit“ in einem Begriff zusammenzufassen.
Mit "Völkerwanderung" wird die Migration (von lateinisch migrare, auswandern) überwiegend germanischer Gruppen im Zeitraum vom Einbruch der Hunnen nach Ostmitteleuropa ca. 375/376 n. Chr., bis zum Einfall der Langobarden in Italien 568 zusammengefasst. Allerdings geht die heutige Forschung nicht mehr davon aus, dass abgeschlossene Völker von einem Ort zum anderen zogen, um dort neue Reiche oder Regna (von lateinisch regnum, Herrschaftsbereich) zu gründen. Vielmehr sollte man Völkerwanderung als einen komplexen Vorgang ansehen, bei dem sich Populationen aus Europa (aber auch aus Asien und Afrika) durchmischten und an dessen Ende sich neue ethnische Identitäten gebildet hatten.

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Es war schon ein großer historischer Wirbel,  der dutzende ethnische Gruppen zwischen Schwarzem Meer, Britischen Inseln und dem nordafrikanischen Mauritania in komplexen Zügen bewegte, das römische Imperium in sich aufsog und am Ende das mittelalterliche Europa auspuckte. Ihn auf einen Blick zu erfassen, kann nicht gelingen. Die wichtigen Linien der großen Völker - der Goten, der Vandalen, der Langobarden, der Franken, und natürlich der Hunnen - nachzuziehen, eröffnet aber einen ersten Zugang.

In ihrem Verlauf fegte die Vökerwanderung die Kelten - die erste größere, in Europa historisch fassbare, Ethnie - an den Rand der Landkarte: bewohnten die Kelten zu Beginn der Zeitrechnung weite Teile Zentraleuropas und der britischen Inseln, so sprechen heute nur noch in Wales und der Bretagne größer Bevölkerungsguppen Sprachen mit keltischen Wurzeln.

Ursprünglich waren die meisten Germanen Heiden. Während der Völkerwanderung bekannten sich viele zum arianischen Christentum. Der Arianismus lehnt die römisch-katholische Lehre der Dreieinigkeit von Heiligem Geist, Vater und Sohn (Jesus Christus) ab. Nach der Völkerwanderung waren die meisten Gläubigen katholisch geworden - was für die europäische Entwicklung im Mittelalter eine zentrale Rolle spielen sollte.

Der Bericht des römischen Geschichtsschreibers Ammianus Marcellinus, ist die einzige zusammenhängende Darstellung des Einfalls der Hunnen. Ammianus wusste aber nur aus zweiter Hand von den Ereignissen, die sich um 375  außerhalb des römischen Blickfelds ereigneten. Er schildert, wie die Hunnen zunächst die Alanen niederwarfen und dann das gotische Greutungenreich in der heutigen Ukraine vernichteten. Als gesichert gilt, dass die Hunnen ausgezeichnet ritten und dass ihre aus verschiedenen Materialien (Holz, Horn und Tiersehnen) zusammengesetzten Kompositbögen den germanischen Waffen weit überlegen waren. In der Mitte des 4. Jahrhunderts siedelten die Hunnen in Zentralasien zwischen Don und Wolga. Woher die Hunnen ursprünglich stammten, ist aber bis heute nicht eindeutig geklärt.

Letzteres lässt sich auch über die Goten sagen: Ihre Herkunft aus Skandinavien ist Spekulation; dass sie im ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhundert am Unterlauf der Weichsel im heutigen Polen siedelten, gilt schon als wahrscheinlicher und einigen können sich die Historiker darauf, dass die mittlerweile in zwei Fraktionen getrennten Goten im 3. Jahrhundert am Nordwestufer des Mittelmeeres angekommen waren: die Westgoten oder Terwingen nördlich der Donau im heutigen Rumänien und die Ostgoten oder Greutungen dürften entlang der nördlichen Mittelmeerküste bis zur Halbinsel Krim in der heutigen Ukraine gesiedelt haben.

Über die Ursachen der hunnischen Wanderungsbewegung kann nur spekuliert werden.  In den antiken Quellen wird übereinstimmend ihre Grausamkeit und Kulturlosigkeit herausgestellt, wobei der Begriff „Hunnen“ später von westlichen Autoren allgemein benutzt wurde, um Völkergruppen zu bezeichnen, die aus der zentralasiatischen Steppe auftauchten.

Westgoten

Der hunnische Druck hatte auch die Flucht des Großteils der Westgoten an der Donau zur Folge. Unter ihrem Anführer Fritigern baten sie den römischen Kaiser Valens um die Erlaubnis, sich auf römisches Gebiet begeben zu dürfen.  Im Jahr 376 strömten mehrere Tausend Terwingen und andere Flüchtlinge über die Donau ins Römische Reich. Anfang 377 erhoben sie sich gegen die Römer und Kaiser Valens sah sich zu einem Feldzug gezwungen. Am 9. August 378 kam es dann in Thrakien, im europäischen Teil der heutigen Türkei, zur Schlacht von Adrianopel zwischen Goten und Römern in deren Verlauf etwa zwei drittel der römischen Soldaten und auch Kaiser Valens selbst umkamen. Schließlich durften sich die Goten auf Reichsboden an der unteren Donau ansiedeln (Gotenvertrag von 382). Sie wurden zu Reichsangehörigen und von der Steuer befreit. Sie durften allerdings keine Ehen mit römischen Bürgern eingehen und das von ihnen besiedelte Land blieb weiterhin römisches Staatsgebiet.

Als Gegenleistung mussten die Goten in Kriegszeiten unter eigenen Anführern - aber römischen Oberkommando - dienen. Nach der Teilung in ein aus Ravenna regiertes Weströmisches - und ein aus Konstantinopel regiertes Oströmisches Reich (395) ließen sich die Goten nicht mehr einbinden. Auch unter dem Druck der Hunnen zogen die Westgoten unter Ihrem Heerführer Alarich bis nach Rom und verwüsteten es 410. Die Westgoten zogen sich zurück und wurden schließlich zu Föderaten oder Foederati (von lateinsch foedus, Vertrag) also Verbündeten der Römer, die als Gegenleistung für ihren Wehrdienst Land zugesprochen bekamen.

Unter dem römischen Feldherren Constantius wurden die Westgoten im Jahre 418 in Aquitanien (heute Südwest-Frankreich) angesiedelt. Hier begründeten die Westgoten Reiche, die mit der Schwäche und schließlich dem Ende des (west)-römischen Reiches schnell unabhängig wurden: Das Tolosanische Reich nördlich von Toulouse bestand von 418 bis 507. Das zwischen den Pyrenäen und dem hispanischen Toledo gelegene Toledanische Reich existierte im 6. Und 7. Jahrhundert. König Rekkared I. (586 - 601) stabilisierte das Reich und trat zum Katholizismus über.

Im Jahr 711 überquerte eine muslimische Streitmacht die Straße von Gibraltar, eroberte schließlich die gesamte iberische Halbinsel und beendete damit endgültig die staatliche Existenz der Westgoten.

Die Hunnen in Europa

Der erste historisch fassbare Hunnenherrscher ist Uldin; er herrschte um 400 über die Hunnen im heutigen Rumänien. Im Westen reichte sein Machtbereich wohl bis in das heutige Ungarn. Er herrschte allerdings zu keinem Zeitpunkt über alle Hunnen. Im Winter 404/405 griff Uldin oströmisches Gebiet an, 408 wiederholte er dies, wurde allerdings zurückgeschlagen und ist kurz darauf gestorben.

Anschließend scheint sich, nachdem die Westbewegung der Hunnen teils auf entschiedenen Widerstand anderer barbarischer Gruppen stieß, langsam ein überregionales hunnisches Herrschaftszentrum im östlichen Karpatenraum entwickelt zu haben, wenngleich Einzelheiten darüber praktisch nicht bekannt sind. Immer wieder werden in den Quellen hunnische Kämpfer in römischen Diensten erwähnt. 433 erhielt der zu den Hunnen geflohene weströmische General Flavius Aëtius  hunnische Truppen, mit deren Hilfe er zum wichtigsten Mann Westroms wurde. Mit hunnischer Hilfe vernichtete er 436 das Burgundenreich am Mittelrhein, was den historischen Kern des Nibelungenlieds darstellt.[97] Die zeitgenössischen Quellen verzeichnen dazu, dass die Burgunden faktisch völlig ausgelöscht worden seien, was aber wohl übertrieben sein dürfte, denn Aëtius siedelte 443 ihre Reste in der Sapaudia an (deren Lokalisation unsicher ist; wohl das heutige Savoyen).

Trotz seines Nachruhms in der europäischen Geschichte liegen viele Details über die Person Attilas im Dunkeln. Speziell über seine frühen Jahre Attilas ist kaum etwas bekannt. Nachdem er und sein Bruder Bleda die Herrschaft antraten, setzten sie den Kurs der Konsolidierung des „hunnischen Reiches“ fort. So forderten sie etwa vom oströmischen Kaiser die Auslieferung hunnischer Flüchtlinge. 441 bzw. 442 richtete sich eine Militäraktion beider Brüder gegen das oströmische Reich, die unter anderem zur Einnahme der Städte Singidunum und Sirmium durch die Hunnen führte. Mit der Ermordung Bledas (wohl 445) gewann Attila die Führung über die Hunnen im Donauraum, wobei aber hervorzuheben ist, dass auch Attila zu keinem Zeitpunkt Herr aller Hunnen war. Um seine Herrschaft über das immer noch nur locker aufgebaute Hunnenreich zu stabilisieren, unternahm Attila in der Folgezeit immer wieder Feldzüge, die sich vor allem gegen Ostrom richteten. So stießen die Hunnen 447, nachdem der oströmische Kaiser Theodosius II. die Tribute verweigert hatte, tief in den Balkanraum und bis nach Griechenland vor.

Zu den Völkern, die Attila Heerfolge leisten mussten, gehörten unter anderem die Goten, die unter hunnischer Herrschaft standen. Bald darauf sah sich der oströmische Kaiser gezwungen, Frieden mit Attila zu schließen, wobei den Hunnen gewaltige Zahlungen geleistet werden mussten.

Nachdem sich der neue oströmische Kaiser Markian jedoch geweigert hatte, die Zahlungen an den Hunnenkönig fortzusetzen, zog Attila in Richtung Westen. Attila, der stets darum bemüht war, auf Augenhöhe mit West- und Ostrom zu verkehren, forderte Honoria, die Schwester des weströmischen Kaisers zur Frau und mit ihr einen Anteil am Imperium, um so seine Ranggleichheit, vielleicht sogar seine Oberhoheit zu demonstrieren. Damit wäre aber gleichzeitig die Position des Aëtius erschüttert worden, der denn auch den Widerstand organisierte.

451 fiel Attila mit einem starken Heer, das neben Hunnen unzählige Heeresabteilungen unterworfener oder den Hunnen tributpflichtiger Völker umfasste, in Gallien ein. Aëtius zog ihm mit den Resten des regulären weströmischen Heeres, das immer mehr durch Föderaten ersetzt wurde, und mehreren Verbündeten, darunter Westgoten, Franken, Sarmaten und Alanen, entgegen. Die bis heute nicht genau lokalisierte Schlacht auf den Katalaunischen Feldern bei Troyes endete unentschieden, Attila musste sich zurückziehen. Der Nimbus der Unbesiegbarkeit der Hunnen war ein für alle Mal gebrochen. Attila sah sich daher gezwungen, 452 in Italien einzufallen wo er aber keine entscheidenden Siege erringen konnte. Geschwächt durch Hunger und Seuchen im Heer zog sich Attila wieder zurück. Im Osten hatte Kaiser Markian Angriffe auf hunnisches Territorium befohlen. Die koordinierte Offensive, wenn sie vielleicht auch nicht formal abgesprochen war, verfehlte nicht ihre Wirkung und trug maßgeblich zur hunnischen Niederlage in Italien bei. Attila bereitete daraufhin einen Feldzug gegen das Ostreich vor, doch starb er 453 während seiner Hochzeit mit der Fürstentochter Ildikó.

Der plötzliche Tod Attilas wirkte wie ein Fanal und die meisten unterworfenen Völker warfen das hunnische Joch ab, deren Reich noch rascher unterging als es errichtet worden war. Das Haupt des Attilasohnes Dengizich wurde 469 sogar in Konstantinopel zur Schau gestellt. Die Reste der Hunnen zerstreuten sich, einige dienten aber noch im 6. Jahrhundert im oströmischen Militär.

Ostgoten

Auch die Ostgoten konnten ein Reich begründen, dem aber - anders als den Reichen der Franken und Westgoten - wenig historische Strahlkraft beschieden war.

Nach dem Einbruch der Hunnen um 375 geriet die Masse der Ostgoten (Greutungen) unter deren Herrschaft. Nur wenige Gruppen konnten sich dem hunnischen Zugriff entziehen. Gotisch scheint dann eine der Verkehrssprachen im Hunnenreich Attilas geworden zu sein und mehrere gotische Namen sind für Hunnen bezeugt.

Im Zuge des Niedergangs der Hunnenherrschaft nach dem Tode Attilas gewannen auch die Ostgoten die Unabhängigkeit (nach Ansicht einiger Forscher bildeten sich erst jetzt die Ostgoten als eigene Gruppe). Während sich die Reste der Hunnen in den Osten zurückzogen, schlossen die Ostgoten schließlich einen Föderatenvertrag mit dem Römerreich und siedelten sich in Pannonien (die Region östlich der Alpen) an. 469 schlugen sie eine Allianz mehrerer feindlicher Stämme unter Führung des Skiren Edekon in der Schlacht an der Bolia. Der Sohn des Ostgotenkönigs Thiudimir, Theoderich, kam als Geisel an den Hof in Konstantinopel (wohl von 459 bis 469). Nach seiner Entlassung erkämpfte er sich die Herrschaft über einen Teil der Ostgoten auf dem Balkan und wurde 474 deren König.

Im Auftrag des oströmischen Kaisers Zenon zog Theoderich 488 mit dem Großteil der Ostgoten nach Italien, um Odoaker zu vertreiben, welcher 476 Romulus Augustulus abgesetzt und damit das Weströmische Reich beendet hatte. Die Goten marschierten 489 in Italien ein. Theoderich sollte Rom und Italien für das Imperium zurückerobern, bis der Kaiser selbst in den Westen kommen würde. 493 ermordete Theoderich Odoaker in der ehemaligen weströmischen Hauptstadt Ravenna bei einem gemeinsamen Abendmal. Fortan herrschte Theoderich als princeps Romanus und „an Stelle des Kaisers“ über Italien – Ostrom musste dies wohl oder übel hinnehmen.

Nach Ausschaltung der Konkurrenz im eigenen Lager war die Herrschaft Theoderichs gekennzeichnet von der Anknüpfung an die spätantike Verwaltungspraxis in Italien, vom Bestreben um einen Ausgleich zwischen Goten und Römern und die Konsolidierung seiner Macht. Er konnte jedoch nicht die Etablierung der fränkischen Herrschaft über Gallien verhindern; nur die Mittelmeerküste blieb auch nach 507 zunächst gotisch. 511 machte er sich zum König über die vier Jahre zuvor von den Franken besiegten Westgoten, während es im Inneren zu einer kulturellen Spätblüte Italiens kam. Die letzten Jahre des Theoderich wurden überschattet von Fehlleistungen, wie der Hinrichtung des Boethius. Theoderich starb schließlich am 30. August 526, wobei zahlreiche Legenden über seinen Tod entstanden. Sein Grab in Ravenna ist leer.

Die Zeit danach war chaotisch: Als Vormund des designierten, aber erst 10-jährigen Nachfolgers Athalarich, regierte Theoderichs Tochter Amalasuntha. Ihr Vetter Theodahad entmachtete sie jedoch 534. Ostrom griff unter dem energischen Kaiser Justinian I. in den Kampf ein: Der oströmische Feldherr Belisar landete 535 auf Sizilien und stieß rasch bis nach Rom vor. Die rebellierenden Goten stürzten Theodahad und erhoben 536 Witichis zum König, der Belisar bis 540 standhalten konnte. Doch im Mai 540 zog Belisar in Ravenna ein und nahm den König gefangen: Die Ostgoten schienen besiegt.

Die Reste des Gotenheeres erhoben aber 541 Totila zum König, dem es dann völlig überraschend gelang, innerhalb kurzer Zeit größere Teile Italiens zurückzuerobern. Offenbar hatten sich die kaiserlichen Beamten in kürzester Zeit so unbeliebt gemacht, dass Totila viele Anhänger fand. In den folgenden zehn Jahren wurde das Land durch den Krieg so gründlich verwüstet, dass diese Katastrophe das Ende der spätantiken Kultur Italiens bedeutete; es tobte ein grausamer Krieg mit wechselndem Glück. Erst 552 gelang es der neuen oströmische Italienarmee unter Narses (etwa 30.000 Soldaten) Totila entscheidend zu schlagen.

Die meisten Goten unterwarfen sich Narses und wurden teils zu oströmischen Untertanen. Andere schlossen sie sich den Franken und Langobarden an.

Die Vandalen

Es war in der Nachschau ein atemberaubender Zug der die Vandalen in einem großen Dreiviertelkreis von ihrem osteuropäischen Siedlungsgebiet bis an die heute libysche Afrikaküste führte. Dass man sie heute vor allem mit eingeschlagenen S-Bahn-Fensterscheiben in Verbindung bringt, wird ihrer historischen Leistung keinesfalls gerecht. In Karthago der Hauptstadt ihres nordafrikanischen Reiches führten die Reichen Bürger ein mondänes Leben. Viele Kunstgegenstände hatten sie aus Rom mitgebracht, dass sie 455 n. Chr. eher gezielt ausgeraubt als blindwütig verwüstet hatten. Ihre Brutalität bewegte sich dabei im Rahmen dessen, was die Opfer kriegerischer Attacken - bis in die Neuzeit - zu ertragen haben.

Auf der Flucht vor den weiter vordrängenden Hunnen überschritt ein vandalischer Verband in der Silvesternacht 406 gemeinsam mit einer großen Gruppe von Alanen und Sueben den Rhein und fiel in die römische Provinz Gallien ein.

Im Jahre 409 zog der alanisch-vandalisch-suebische Verband nach Spanien und begründete dort verschiedene kurzlebige Staatswesen. Nach einem römischen Feldzug, in dessen Verlauf auch westgotische Heere eingesetzt worden waren, brachen diese politischen Gebilde in Spanien zusammen. Im Mai 429 setzten die Vandalen unter ihrem jungen König Geiserich (rund 15.000 bis 20.000 Krieger und ihre Familien) nach Afrika über.

Ziel der Vandalen waren die Reichtümer der römischen Provinz Africa dem Herzstücks des westlichen Restreiches, welches Italien mit Getreide versorgte und einen nicht geringen Teil der Steuereinkünfte erwirtschaftete. Die Vandalen marschierten durch das heutige Marokko und Algerien und belagerten bzw. plünderten mehrere Städte. Einige Berberstämme schlossen sich ihnen an. Auch Vertreter der christlichen Glaubensströmung des Donatismus unterstützten die Vandalen, da sie sich unter deren Herrschaft Schutz vor der Verfolgung durch die römische Staatskirche versprachen.

Nach der Eroberung größerer Gebiete durch Geiserich schloss die Reichsregierung 435 einen Vertrag mit den Eroberern, der ihnen Gebiete in Mauretanien (den beiden Provinzen Mauretania Tingitana und Mauretania Caesariensis) und Numidien zugestand. 439 wurde unter Bruch des Vertrags Karthago erobert, die größte Stadt des Westens nach Rom, wobei den Vandalen die dort stationierte römische Flotte in die Hände fiel. Die Vandalen und Alanen errichteten ein Königreich in den reichen afrikanischen Provinzen Byzacena und Proconsularis (etwa im Gebiet des heutigen Tunesien), das 442 auch von Valentinian III. anerkannt wurde. Mit Hilfe der erbeuteten Schiffe (die Vandalen unterhielten als einziger germanischer Verband eine nennenswerte Flotte) gelang ihnen die Eroberung Sardiniens, Korsikas und der Balearen. In Nordafrika übernahm Geiserich die Kaisergüter als eigenen Besitz, tastete römisches Privateigentum jedoch kaum an. Schnell übernahmen die Vandalen den römischen Lebensstil, schotteten sich jedoch durch ihren arianischen Glauben von der Oberschicht der Region ab.

455 plünderten die Vandalen und Alanen unter ihrem König Geiserich Rom. Der im 18. Jahrhundert aus dieser Begebenheit hergeleitete Begriff Vandalismus als Bezeichnung für „fanatisches Zerstören um seiner selbst willen“ ist dabei historisch sowie sachlich unkorrekt. Die Vandalen plünderten die Stadt Rom zwar gründlich und nicht ohne Brutalität (wobei die Bewohner aber auf Bitten des Papstes weitgehend geschont wurden), doch ohne blinde Zerstörungswut; vielmehr wurden systematisch Wertgegenstände geraubt. Dies war auch kein reiner Beutezug, sondern auch ein Eingreifen in die höchste Ebene der Reichspolitik: Kaiser Valentinian III. hatte seine Tochter Eudocia als Braut für den vandalisch-alanischen Thronfolger Hunerich versprochen und die Hauptstadt wurde angegriffen, um diese vorteilhafte dynastische Verbindung nach der Ermordung Valentinians zu sichern.

Der weströmische Kaiser Majorian stellte neue Truppen auf und verlegte sie mit einer gewaltigen Flotte nach Cartagena. Als die römische Flotte jedoch unbewacht im Hafen von Alicante ankerte, wurde sie 461 von den Vandalen überrascht und vernichtet. Das römische Landheer fiel beim Rückmarsch nach Italien auseinander, Majorian wurde getötet. Die Vandalen kontrollierten nun endgültig die Getreideversorgung des Westreiches.

Das vandalische Königreich wurde 468 Ziel einer großangelegten gemeinsamen Militäroperation von West und Oströmern. Geiserich gelang es, die gewaltige römische Flotte in Brand zu setzen und zu vernichten. Nach dem Scheitern eines weiteren römischen Feldzugs 470 wurde daher 474 den Vandalen in einem Vertrag zwischen dem oströmischen Kaiser Zenon und Geiserich der Besitz der Provinz Africa und der Inseln garantiert. Allerdings waren die Vandalen wohl schon bald nicht mehr in der Lage, diese Regionen effektiv zu kontrollieren.

Auch im Inneren ergaben sich Probleme: Die Vandalen waren Arianer, die Mehrheit der römischen Bevölkerung blieb jedoch katholisch und deren Geistliche wurden zwischen 483 - 484 unter Geiserichs Sohn Hunerich drangsaliert. (Erst 523 erlaubte König Hilderich den Katholizismus.)

Zudem kam es zu dynastischen Auseinandersetzungen um die Herrschaftsnachfolge. Ob hingegen der von spätantiken Quellen erhobene Vorwurf der massiven Dekadenz der Vandalen zutrifft, darf bezweifelt werden - schließlich mussten sich diese permanent äußerer Angriffe erwehren. Vor allem mussten sich die Vandalen der immer heftigeren Angriffe der Mauren bzw. Berber erwehren, die schließlich die Kontrolle über das Bergland erlangten.

Das Ende kam aber erst, als der Usurpator Gelimer 530 widerrechtlich den Thron bestieg und der oströmische Kaisers Justinian I dies zum Anlaß für eine erneute Militärexpedition nahm: 533/34 eroberte ein relativ kleines Invasionsaufgebot unter dem Feldherren Belisar das vandalische Königreich. Gelimer wurde nach Konstantinopel gebracht und musste sich im Rahmen des Triumphzuges dem Kaiser unterwerfen. Eine große Zahl vandalischer Kriegsgefangener wurde im Sommer 534 nach Konstantinopel verbracht und später von Ostrom in den Perserkriegen eingesetzt. Nordafrika wurde wieder in das Imperium Romanum integriert. Nach dem letzten bewaffneten, Widerstand unter Guntarith im Jahr 546 erscheinen in den Quellen keine Vandalen mehr. Die Reste der geringen germanischen Zivilbevölkerung wurden wohl größtenteils nach Osten deportiert, während mehrere Vandalen in der kaiserlichen Armee dienten.

Die Angeln, Sachsen und Jüten in Britannien

Nachdem die Armee Julius Cäsars 55 v. Chr. die Insel erstmalig erobert hatte, entwickelte sich aus der ursprünglich keltischen Bevölkerung und den Invasoren eine neue, römisch geprägte Gesellschaft. Als vier Jahrhunderte später die letzten Einheiten des Feldheeres abzogen, war die römische Provinz Britannien den Angriffen keltischer Völker aus Schottland (Pikten) und Irland Skoten fast schutzlos ausgesetzt. Ein letzter Hilferuf der britischen Römer um das Jahr 446 an den Heermeister Aëtius ist im Werk des Gildas über den „Niedergang Britanniens“ überliefert:

„Die Barbaren treiben uns ins Meer, das Meer treibt uns zu den Barbaren zurück; so ertrinken wir oder werden niedergemetzelt.“

(Gildas, De excidio Britanniae 20. Übersetzung nach Postel (2004), S. 97.)

Die nachfolgenden Ereignisse in Britannien sind nur in Grundzügen bekannt: Um der Gefahr durch barbarische Stämme entgegentreten zu können, hatten die Römer in Britannien wohl irgendwann zwischen 410 und 440 sächsische Föderaten als Verbündete zur Hilfe gerufen. Schon um 440 erhoben sie sich gegen die Römer. Auch Jüten und Angeln kamen nun auf die Insel und setzten sich dort fest.  Allerdings hat die archäologische Forschung nachweisen können, dass Germanen aus dem heutigen Norddeutschland und dem südlichen Dänemark bereits Ende des 4. Jahrhunderts in kleiner Zahl in das römische Britannien eingesickert waren und die Landnahme eher schleichend verlief. Viele romanisierte Kelten schlugen sich auf die Seite der siegreichen germanischen Neuankömmlinge und übernahmen deren Sprache und Lebensweise. Die eintreffenden Germanen siedelten zunächst im Süden und Osten der Insel und errichteten - anstatt die Steinhäuser der Einheimischen zu beziehen - die gewohnten einfachen Behausungen aus Holz, Stroh und Lehm.

Die wenigen Quellen zeigen, dass die zivile römische Ordnung zunächst keineswegs vollständig zusammenbrach. Vielmehr entstanden vor und nach der sächsischen Invasion römisch-britische Kleinkönigreiche, die den Angelsachsen Widerstand leisteten. Den germanischen warlords standen also zunächst romano-keltische gegenüber. In diesen Zusammenhang ist auch die Schlacht von Mons Badonicus einzuordnen, die wohl um 500 stattfand und in der eine Koalition der römischen Briten siegte. Trotz dieser Niederlage verdrängten die Angelsachsen die Briten schließlich in die Randregionen der Insel, etwa in den Norden sowie nach Wales und Südwestengland; Teile der Bevölkerung flohen auf das Festland in die heutige Bretagne. Die Angelsachsen selbst operierten unter keiner einheitlichen Führung und führten auch untereinander Krieg. Erst im 7. Jahrhundert bildeten sie größere Königreiche die bis zum Wikingereinfall im 9. Jahrhundert bestehen blieben.[202]

Britannien, dem aufgrund der geografischen Lage eine Sonderrolle im Rahmen der Völkerwanderung zukommt, erlebte eine gewisse „Barbarisierung“, die lateinische Sprache wurde immer weniger gepflegt. Die letzten lateinischen Inschriften wurden im 6. Jahrhundert in Wales gesetzt und der Lebensstandard auf der Insel fiel deutlich zurück. Auch das Christentum im heutigen England (also ohne Schottland, Irland und Wales) erlebte wohl einen Rückschlag. Wichtige religiös-kulturelle Impulse sollten seither vor allem von Irland ausgehen. Die Christianisierung der Angelsachsen durch die iroschottischen Missionare gelang erst im 7. Jahrhundert. An der Sprache kann man ablesen, dass sich Invasoren und Einheimische schließlich aber doch durchmengten: Viele Ortsnamen haben germanische Wurzeln und das Altenglische entwickelte sich aus germanischen Dialekten (Gunkel, 2013).

Das Frankenreich

Die Franken, ein Zusammenschluss verschiedener germanischer Stämme, waren 358 vom römischen Unterkaiser (Caesar) Julian in Toxandrien, der heute belgisch-niederländischen Grenzregion angesiedelt zwischen den Flüssen Maas und Schelde angesiedelt worden. 388 verwüsteten die Franken die Region um Köln, wurden aber von römischen Truppen zurückgeschlagen In den nächsten Jahren expandierten die Franken, allerdings nicht unter einheitlicher Führung, im Mosel- und Niederrheingebiet und wurden erst vom Heermeister Aëtius gestoppt. Im Bündnis mit Aëtius vollzog sich wohl die fränkische Reichsbildung in Nordostgallien (Gallien war das von Kelten bewohnte Gebiet des heutigen Frankreichs, Belgiens und Teile Westdeutschlands). Nach dem Tod des Aëtius gingen die Franken in größerer Zahl über den Rhein, unter anderem wurde Mainz eingenommen. Der Norden Galliens zersplitterte in der Folgezeit in eine Reihe kleinerer Herrschaftsräume, während der Süden von Westgoten, Burgunden und schließlich Ostgoten kontrolliert wurde.

Der in Tournai (heute Belgien) residierende salfränkische Kleinkönig Childerich I., half den Römern, die Westgoten abzuwehren. Ebenso kämpfte Childerich, vielleicht mit dem römischen Befehlshaber Paulus, gegen sächsische Plünderer, die in Gallien eingefallen waren. Salfranken oder Salier waren vom Niederrhein bis zum Salland (an der Overijssel) ansässig und nahmen benachbarte Stämme in sich auf. Sie wurden der tragende Teilstamm der Fränkischen Expansion und mit Childerich wird auch das fränkische Herrschergeschlecht der Merowinger historisch fassbar.

Childerichs Sohn Chlodwig besiegte 507 die Westgoten in der Schlacht von Vouillé  und verdrängte sie faktisch aus Gallien. Mit den Burgunden ging Chlodwig ein Bündnis ein und heiratete eine burgundische Prinzessin. Die Burgunden, die wahrscheinlich - wie die Goten - von der südöstlichen Ostseeküste stammten, hatten zwischen dem 3. Und dem 5. Jahrhundert an der Rhône im heutigen Südostfrankreich ein eigenständiges Reich begründet.

Chlodwig war ursprünglich Heide, trat jedoch zum Christentum über. Entscheidend war, dass er sich für das katholische ( und nicht das arianische) Bekenntnis entschied und somit Probleme vermied, die sich bisweilen in den anderen Regna zwischen Eroberern und der römischen Bevölkerung ergaben. Das geschickte, aber auch skrupellose Vorgehen Chlodwigs sicherte den Franken eine beherrschende Stellung in Gallien und legte das Fundament für die erfolgreichste germanisch-romanische Reichsgründung, wobei Chlodwig noch heute oft als Gründer Frankreichs gefeiert wird.

Nach Chlodwigs Tod im Jahre 511 wurde das Reich unter seinen Söhnen aufgeteilt, was jedoch keine Auswirkung auf den Einheitsgedanken hatte. Die Franken setzten in der Folgezeit ihre aggressive Expansionspolitik fort: 531 vernichteten sie das Thüringerreich, 534 wurde das Burgundenreich erobert und in das Frankenreich integriert. Theudebert I. intervenierte in Oberitalien und soll sogar daran gedacht haben, gegen Konstantinopel zu marschieren. Offenbar strebte er eine kaisergleiche Stellung an und dokumentierte sein Selbstverständnis unter anderem durch die Prägung von Goldmünzen mit seinem Namen, ansonsten ein Vorrecht des römischen Kaisers. Um 560 war das Reich noch einmal unter einem König geeint, danach für viele Jahrzehnte nicht mehr.

Im Inneren zogen die Franken die gallo-römische Oberschicht und Bischöfe für Verwaltungsaufgaben heran und nutzten auch das System der Civitates (von lateinisch civitas, Bürgerrecht, Bürgerschaft, Staat). Dies waren nach römischen Regeln verwaltete Regionen mit einem urbanen Zentrum. Von vielen Gallo-Romanen wurde die fränkische Herrschaft denn auch nicht als drückend empfunden.

Die Merowinger sollten ab der Mitte des 7. Jahrhunderts nur noch formal regieren. Die wirkliche Macht lag nun offenbar bei den Hausmeiern, was schließlich 751 zur Ablösung der Merowinger durch die Karolinger führte.

Die Langobarden

Im 1. und 2. Jahrhundert sind Langobarden durch römische Quellen an der unteren Elbe bezeugt. Wahrscheinlich zogen langobardische Gruppen bis zum 5. Jahrhundert die mittlere Elbe entlang nach Böhmen. Um 500 ging der Langobardenkönig Audoin, der zuvor ehemals ostgotische Besitzungen in Pannonien erobert hatte, ein Bündnis mit Kaiser Justinian I. in Konstantinopel ein. Die Römer benötigten Truppen, um den ostgotischen Widerstand in Italien zu brechen. 552 ging der oströmische General Narses nach Italien, wobei ihn einige Tausend Langobarden begleiteten. Narses sah sich allerdings gezwungen, die völlig undisziplinierten Langobarden zurückzuschicken. Diese triumphierten kurz darauf die über die Gepiden, ein möglicherweise mit den Goten verwandter Stamm im heutigen Rumänien. Um hatten sie 454 sie die Söhne Attilas aus dem heutigen Ungarn vertrieben. Später errichteten die Gepiden ein Reich an der mittleren Donau, das noch bis ins 6. Jahrhundert bestand.

Der um 560 an die Macht gelangte Alboin plante nun die Vernichtung des Gepidenreichs. Zu diesem Zweck schloss er ein Bündnis mit den Awaren, einem erst kurz zuvor in Ostmitteleuropa aufgetauchten Reitervolk aus Zentralasien, die bald darauf im Donauraum ein mächtiges Reich errichteten und sogar das Oströmische Reich bedrängten. 567 schlug Alboin die Gepiden, ohne dass die Awaren überhaupt eingreifen mussten. Den Gepidenkönig Kunimund tötete Alboin eigenhändig, wobei er aus dem Schädel des Toten angeblich einen Trinkbecher anfertigen ließ. Alboin heiratete Rosamunde, die Tochter des Gepidenkönigs, die später an seiner Ermordung beteiligt war.

568 nutzte Alboin seine gestärkte Position und zog mit den Langobarden aus dem Karpatenraum nach Norditalien. Trotz der Verheerungen durch den Gotenkrieg die alte Kernprovinz des Imperiums bot immer noch die verlockende Aussicht auf reiche Beute und war für einen Heerkönig wie Alboin, der seinen Männern Beute verschaffen musste, daher attraktiv. Die oströmische Gegenwehr war schwach und schließlich wurde Pavia  zur Hauptresidenz der Langobarden. Selbstständig operierende Gruppen stießen sogar nach Süditalien und auf fränkisches Gebiet vor. Ravenna, Rom und die Seestädte wie Genua konnten sich allerdings halten. In den Quellen wird die Brutalität der teils heidnischen, teils arianischen Langobarden betont, mehrere Großgrundbesitzer flohen von ihren Gütern. Der nur locker organisierte langobardische Herrschaftsraum in Oberitalien sowie in Benevent und Spoleto zersplitterte nach dem Tod Alboins in mehrere Herzogtümer, die fortan ihre eigene Politik betrieben. In der Folgezeit kam es immer wieder zu Konflikten mit den Oströmern, die sich in Mittel- und Unteritalien längere Zeit halten konnten. Erst im Laufe des 7. Jahrhunderts expandierte das Reich nochmals, und die Langobarden gaben schließlich auch ihr arianisches Bekenntnis auf. Das Ende für das Langobardenreich kam mit der Eroberung durch die Franken 774 unter Karl dem Großen. Ideell wirkte ihr regnum jedoch auch im Heiligen Römischen Reich nach, wie die Krönung mehrerer römisch-deutscher Könige mit der „Krone der Langobarden“ zeigt. Der Name Lombardei erinnert bis heute an sie.

Das Ende der Völkerwanderung

Der Langobardeneinfall in Italien bildet den Schlusspunkt der großen Völkerwanderung. Damit war auf dem Boden des untergegangenen Westreichs eine politische Ordnung entstanden, die in weiten Teilen bis in das hohe und späte Mittelalter Bestand hatte und auch die neuzeitliche Staatenwelt prägen sollte. Aus dem Frankenreich bildeten sich nach dem Zerfall der Karolingerherrschaft das west- und ostfränkische Reich, die Keimzellen Frankreichs und Deutschlands. Das Westgotenreich sollte während der Reconquista für die Spanier identitätsstiftend wirken, die Angelsachsen prägten das Bild des späteren Königreichs England ganz entscheidend mit, ähnlich wie das Langobardenreich in abgeschwächter Form Bedeutung für Italien haben sollte.

In den meisten der entstandenen der während der Völkerwanderung entstandenen Regna, in denen sprachlich schließlich Latein bzw. das volkssprachige Vulgärlatein die Oberhand gewann (außer im Sonderfall Britannien), arrangierten sich die germanischen Eroberer weitgehend, aber in sehr unterschiedlicher Form, mit der einheimischen Bevölkerung. Dies soll nicht über die teils dramatischen Veränderungen hinwegtäuschen, die nicht selten mit Gewaltakten an der Bevölkerung verbunden waren.

Auf dem Boden des ehemaligen weströmischen Reiches waren die römische Armee und das römische Verwaltungssystem bereits im 5. Jahrhundert verschwunden. Hier kam es zu komplexen Veränderungen in der Herrschaftsordnung sowie im sozialen und wirtschaftlichen Gefüge. Obwohl in den Regna viele kulturelle Elemente bewahrt wurden, kam es doch zu einem dramatischen Verlustes an antiken Kulturgütern und das Bildungsniveau und die literarische Produktion sanken insgesamt deutlich. Vor allem die Kirche fungierte als ein wichtiger Träger antiker (christlich tradierter) Bildung und der Einfluss der Bischöfe nahm im Vergleich zur spätrömischen Zeit noch zu.

Im Rechtsbereich orientierten sich die Germanen am römischen Recht, wie sie überhaupt bemüht waren, sich der römischen Lebensweise anzupassen. Einige germanische Herrscher, die ihre Autorität vor allem aus ihrem Heer- und Sakralkönigtum schöpften, nahmen den römischen Kaisernamen Flavius an (so etwa Theoderich der Große) und zogen oft die römischen Eliten für Verwaltungsaufgaben heran, wobei vor allem der Kirche eine wichtige Rolle als verbindende Kraft zukam. Oft stellte „germanisch“ keinen Gegensatz zu „römisch“ dar, zumal die Germanen nur einen Bruchteil der Bevölkerung in den Regna ausmachten.

Die Menschen waren nun nicht mehr Untergebene des Kaisers, sondern des Königs und am fränkisch merowingischen Herrscherhof entstanden neue Ämter, wie der maior domus (Hausmeier). Allerdings wurde die römische Beamtenschaft teilweise übernommen, ebenso die Verwaltungsstrukturen. Eine Zeitlang funktionierten auch noch die spätrömischen Institutionen, bis schließlich kein ausreichend ausgebildetes Personal mehr nachkam. Die Angehörigen der alten provinzialrömischen Elite wählten nun oft lieber eine kirchliche Laufbahn. Immer deutlicher wurde die Tendenz zur bereits in spätrömischer Zeit vorangeschrittenen Verfestigung aristokratischer Strukturen, was sich beispielsweise in dem Gegensatz der Großgrundbesitzer und der an die Scholle gebundenen Bauern widerspiegelt. Die Gesellschaft teilte sich bald in Freie (wozu die germanischen Adligen und die römische Oberschicht gehörten), Halbfreie und Unfreie auf.

Der Fernhandel nahm in der Völkerwanderungszeit spürbar ab, ebenso war die wirtschaftliche Produktion in den Regna weniger arbeitsteilig als in römischer Zeit. Die Bevölkerungszahl in den Städten ging insgesamt zurück. In manchen Regionen, beispielsweise in Britannien und in Teilen des Donauraums, verschwand die für die Antike typische urbane Kultur sogar fast vollkommen.

Für das oströmische Reich war die Zeit ab dem frühen 7. Jahrhundert  von einem permanenten Abwehrkampf gegen Perser und Araber, Awaren und Slawen geprägt, der fast alle Kräfte banden. Auch wenn der letzte byzantinische Stützpunkt in Italien erst 1071 fiel, griff Ostrom nach Justinians Tod (565) nicht mehr in wesentlichem Ausmaß im Westen ein. Der Osten des alten römischen Imperiums verwandelte sich zum mittelalterlichen Byzantinischen Reich.

 

 
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