Udo Lindenberg

Udo Lindenberg wurde am 17. Mai 1946 nicht etwa „Hoch im Norden“, wie er später sang, sondern in Gronau, einer kleinen Stadt nahe der holländischen Grenze, geboren. Er war das zweite Kind von Gustav und Hermine Lindenberg, sein Bruder Erich war sechs Jahre zuvor auf die Welt gekommen, ihm folgten 1950 die Zwillingsschwestern Inge und Erika.

Erich, der ältere Bruder, wurde am 22. September 1944 in Gronau geboren; nach einer Lehre als Musterzeichner studierte er Malerei bei Max Burchartz an der Essener Folkwang-Schule und bei Franz Nagel an der Akademie der Bildenden Künste München. Wenige Tage vor seinem 68. Geburtstag wurde er in seinem Berliner Atelier, das er kurz zuvor bezogen hatte, tot aufgefunden. Sein bildkünstlerischer Nachlaß, ein umfassendes Œuvre an Ölgemälden, Aquarellen, Pastellen, Zeichnungen und Photographien, wird heute von der Erich-Lindenberg-Kunststiftung in Porza bei Lugano verwahrt und aufgearbeitet.

Udo und Erich Lindenberg waren einander lebenslang eng verbunden, so verschieden der „E“- und der „U“-Lindenberg auf den ersten Blick auch sein mochten. Sie haben mehrfach zusammen ausgestellt, so auch 2004 im Mönchehaus-Museum Goslar. Bazon Brock hielt die Laudatio zur Vernissage; sein Aufruf „Sei Deines Bruders Hüter“ scheint Erich und Udo Lindenberg selbstverständliche Maxime gewesen zu sein.

Der Vater Gustav Lindenberg war Klempner; seinen großen Traum, Musiker zu sein, erfüllte er sich nur manchmal privat: „Es war ziemlich bizarr, wenn wir Kinder nachts um drei Uhr geweckt wurden, weil Vater in der Küche, gut breit, Strawinsky dirigierte und dafür ein Publikum brauchte.“ Die Mutter Hermine hielt mit Sensibilität, Klugheit und Herzenswärme die Familie zusammen. Rückblickend beschrieb Udo Lindenberg seine Eltern und sich als lebenslängliche „Dreifaltigkeit“.

Ob er sich selbst im Sohn den Lebenstraum zu verwirklichen oder ob er dem Sohn die Erfüllung von dessen eigenem großen Wunsch ermöglichen wollte: Der Vater ließ den erst fünfzehnjährigen Udo Lindenberg in die Welt ziehen, um Musiker zu werden. Schon als kleiner Junge hatte er angefangen zu trommeln, auf Benzinfässern mit aus Ästen geschnitzten Trommelstöcken. Erste Erfolge ertrommelte sich der Zwölfjährige in lokalen Jazzbands; er bekam statt Gage Schokolade, seine wesentlich älteren Kollegen Freibier.

Wenige Jahre später reiste Udo Lindenberg nach abgebrochener Kellnerlehre im Düsseldorfer Hotel „Breidenbacher Hof“ mit einer Jazzband nach Frankreich und nach Libyen; in GI-Kneipen lernte er das Leben als Profimusiker in seinen hellen und auch seinen dunkleren Schattierungen kennen. Als er 1970 in München den großen Saxophonisten Klaus Doldinger traf und in dessen heute legendäre Formation „Passport“ aufgenommen wurde, begann ein neues Kapitel im Leben Udo Lindenbergs.

Wenn ich mir was wünschen dürfte

Daß aus dem Schlagzeuger Udo Lindenberg Ende der sechziger Jahre der Sänger Udo Lindenberg wurde, war ein wenig aus der Not geboren: Udo Lindenberg hatte Texte geschrieben, für die er nach seinen Vorstellungen keinen besseren Sänger finden konnte als sich selbst, auch wenn er seiner Stimme nicht von Anfang an traute. Udo Lindenberg war nicht der allererste, der deutsche Texte sang, die sich jenseits des Schlagertralala bewegten - Rio Reiser mit „Ton Steine Scherben“, „Ihre Kinder“ und wenige andere hatten sich schon aufgemacht. Aber Udo Lindenberg ging vielleicht am konsequentesten den Weg zu einer ganz eigenen Art, deutsch zu singen; spielerisch, ohne peinlich zu werden, ernsthaft und mit souveräner Leichtigkeit. Orientierung gaben ihm dabei die Lieder und Texte der zwanziger Jahre, große Künstler wie Hanns Eisler, Friedrich Hollaender, Kurt Weill, Kurt Tucholsky und Erich Kästner wurden Wegmarken. Udo Lindenberg nahm ihr Vermächtnis an und auf.

Über allen strahlte Marlene Dietrich, die, als Udo Lindenberg den Kontakt zu ihr suchte, fast neunzigjährig vollkommen zurückgezogen in Paris lebte. Sie sprach für Udo Lindenberg zwei Strophen ihrer Lieder „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ und „Illusions“ auf Kassette. Diese weltweit letzten Tonaufnahmen der großen Diva fanden Eingang in sein Album „Hermine“, das 1988 erschien.

Heiner Müller schrieb 1987 in seinem Udo Lindenberg gewidmeten Text „Stimmbruch“: „1948 hörte ich zum ersten Mal die Stimme Brechts. Er sprach über das deutsche Verhältnis. Die Kontinuität schafft Zerstörung. Die Keller sind nicht ausgeräumt, schon werden die neuen Häuser gebaut. Jetzt höre ich Udo Lindenberg mit der Stimme des Nachgeborenen, die Lieder der jüdischen Großstadtkultur aus den 20er/30er Jahren Berlins neu singen. Einer Kultur, deren Auslöschung die Deutschen zum Fischvolk gemacht hat, tiefgefroren im Glück der Selektion. Das Nachsingen zeigt die Zerstörung, das Neusingen schafft die Kontinuität, in der das Gedächtnis an die Zerstörung lebt. Der Stimmbruch schreibt Geschichte.“

Meer der Träume

Auch wenn es schwer vorzustellen ist: Udo Lindenbergs erste Platte war kein großer Erfolg. Im Januar 1970 spielte er sie mit seiner ersten eigenen Band „Free Orbit“ ein; im Duett mit Ingeburg Thomsen ist er hier, allerdings unter dem Pseudonym Lynden B. Berg, erstmals als Sänger zu hören. 1971 folgte sein Album „Lindenberg“ mit englischen Songs.

Als 1972 mit „Daumen im Wind“ seine erste deutschsprachige LP erschien, stürmte Udo Lindenberg mit der Singleauskopplung „Hoch im Norden“ alle Charts, und er selbst wurde zum Star. Der kommerzielle Durchbruch gelang Udo Lindenberg im Jahr darauf mit seinem neuen Album „Andrea Doria“, das sich über 100.000 Mal verkaufte; er erhielt als erster deutscher Rockmusiker einen Millionenvertrag, und auch die Medien rissen sich um den neuen Stern am Himmel der deutschsprachigen Musik. Selbst Udo Jürgens erwies ihm seine Reverenz: „Er hat etwas scheinbar Unmögliches möglich gemacht. Nämlich die Rockmusik mit der deutschen Sprache verbunden. Es war längst fällig, die deutsche Sprache in diese Musik zu bringen. Die populärsten Hits waren alle englisch in dieser Zeit. Das war sein Verdienst.“ Und Wolfgang Müller von der Artpunk-Band „Die tödliche Doris“ sagte: „Lindenbergs erste beide Platten gehören zu dem Besten, das je in der deutschen Sprache getextet wurde.“

Udo Lindenberg hat bislang weit über vierzig Alben veröffentlicht, er wurde mit unzähligen Preisen ausgezeichnet, angefangen vom Ersten Preis als Schlagzeuger, den er als Vierzehnjähriger beim Nordwestdeutschen Jazz-Jamboree 1960 erhielt, bis hin zum Jacob-Grimm-Preis des Kulturpreises Deutsche Sprache und dem Bambi für sein Lebenswerk, mit denen er 2010 geehrt wurde.

Sein bislang größter Plattenerfolg ist zugleich sein jüngstes Werk: Das am 28. Mai 2008 erschienene Album „Stark wie zwei“ stieg unmittelbar auf Platz 1 der Media Control Charts ein und hat mittlerweile Doppelplatin-Status bei über 500.000 verkauften Alben.

Alles klar auf der Andrea Doria

Ob es nun wahr ist oder nur gut erfunden – Udo Lindenbergs Panikorchester gibt es mindestens seit dem 13. August 1973, seit dem legendären Gründungskonzert in Emsdetten. Bei der Panikorchester-Urbesetzung saß Gottfried Böttger am Klavier, Peter „Backi“ Backhausen am Schlagzeug, Karl Allaut spielte Gitarre und Judith Hodosi Saxophon – und nicht zu vergessen am Baß Steffi Stephan, der bis heute mit von der Partie ist.

Die zuerst in Hamburg-Pöseldorf, bald darauf in Eimsbüttel ansässige Musikkneipe „Onkel Pö“ – mit vollem Namen „Onkel Pös Carnegie Hall“ - wurde bald die musikalische Heimat von Udo Lindenberg und dem Panikorchester, die dortigen Bühnenshows wurden Legende. In seinem Song „Alles klar auf der Andrea Doria“ verneigt sich Udo Lindenberg musikalisch vor dem Jazzlokal, das schnell der Treff- und Mittelpunkt der Hamburger Szene war.

Zum festen Umfeld des Panikorchesters gehörten aber schon früh nicht nur die Musiker in immer wieder wechselnder Besetzung: Kunst- und Kultfiguren aller Couleur, Wesen wie von einem anderen, jedenfalls ganz eigenen Stern ergänzten den Panikorchesterkosmos, unter ihnen der Geiger Rudi Ratlos, die Opernsängerin Elli Pyrelli und Felix Scholz, der wechselnde Rollen spielte.

Nach der „Feuerland“-Revue 1988 kam es zum vorläufig-endgültigen Bruch unter den Musikern des Panikorchesters. Udo Lindenberg ging mit Projekten wie „Hermine“ oder „CasaNova“ eigene Wege abseits des Rock.

Erst 1996 fand die Formation wieder zusammen und ging auf große Tour durch zehn deutsche Städte. Heute besteht das Panikorchester aus Jean-Jacques Kravetz, Klavier, dabei seit 1973, Bertram Engel, Schlagzeug, Mitglied seit 1976, Hannes Bauer, Panik-Gitarrist seit 1980, Hendrik Schaper, Klavier/Keyboards, seit 1983 dabei, Steffi Stephan, Baß, von Anfang an Teil des Panikorchesters, und Jörg Sander, Gitarre, mit Zugangsjahr 2000 der jüngste Paniker.

Honky Tonky Show

Zu Udo Lindenbergs musikalischer Welt gehört zweifelsohne auch die Show, das ganz große Bühnenereignis.

Das erste Großereignis dieser Art war die „Dröhnland-Symphonie“. Unter der Regie von Peter Zadek entstand diese erste große multimediale Rock-Show. Der „Spiegel“ schreibt in seiner Ausgabe vom 4. Dezember 1978: „Ex-‚Animal’ Eric Burdon hat fest zugesagt, Samy Molcho choreographiert, Peter Zadek führt Regie: Die neue ‚Rock-Revue’ von Udo Lindenberg wird ‚ein ziemlich großes Ding’, voll ‚doller Ideen’ und ‚tierisch teuer’. Mit zirzensischem Aufwand -- Ballett und Artistik -- startet der Kraut-Rocker am 19. Januar in Hamburg eine Deutschland-Tournee mit 16 Groß-Konzerten, in denen er Lieder aus seiner eben erschienenen Platte ‚Dröhnland Symphonie’, aber auch Evergreens wie ‚Rudi Ratlos’ singt.“ Und unter der Überschrift „Pinguine im Nebel“ schreibt der NDR über das „gigantische Ereignis in durchaus amerikanischen Ausmaßen“: „Nebel quillt aus jeder Ecke, Fantasiegestalten wuseln über die Bühne - der Beginn eines außergewöhnlichen Events. Udo Lindenberg startet seine Rock-Revue '79 und erscheint im Schlitten, gezogen von zwei Rentieren, vor seinem Publikum. „Meine letzte Expedition führte mich zum nordischen Pol", singt der Rockstar, begleitet vom Sound seines Panikorchesters.“

Weitere große Shows ganz anderer, ganz eigener Art folgen. „Atlantic Affairs“ z. B., eine 2002 entstandene, später auch verfilmte musikalischer Revue und Reverenz an das musikalische Deutschland der zwanziger, dreißiger und vierziger Jahre und an seine Akteure, die auswanderten, um vor dem ästhetischen und teils auch existentiell bedrohlichen Diktat der Nationalsozialisten zu fliehen. Schon 1997 hatte Udo Lindenberg die musikalische Sprache dieser Zeit aufgenommen – sein Album „Belcanto“ versammelt alte Lieder und neue Songs, von ihm gesungen und vom Filmorchester Babelsberg gespielt.

Der neueste Coup gelang Udo Lindenberg im Januar 2011 – das Musical „Hinterm Horizont“ feierte im Berliner Theater am Potsdamer Platz umjubelte Premiere, viele Vorstellungen und großer Applaus von Publikum und Feuilleton folgten.

Wozu sind Kriege da?

Udo Lindenberg setzt sich seit Ende der sechziger Jahre mit den politischen Themen seiner Zeit auseinander. Er hat nie ein Blatt vor den Mund genommen und immer Gesicht gezeigt, wenn es darauf ankam.

Viele seiner Lieder, wie „Wozu sind Kriege da“, das er mit Pascal Kravetz, dem kleinen Sohn seines Pianisten Jean-Jacques Kravetz einsang, sind Ausdruck seiner zutiefst humanistischen Weltsicht. Er bezog zu Beginn der achtziger Jahre Stellung gegen die Stationierung von Pershing II-Mittelstreckenatomraketen in der Bundesrepublik ebenso wie von SS 20-Raketen in der DDR und äußerte seine pazifistische Sicht der Dinge sowohl beim Konzert „Rock für den Frieden“ in Ostberlin als auch bei Auftritten auf Friedensdemonstrationen in der Bundesrepublik.

Er war Mitbegründer der „Grünen Raupe“, einer von Fritz Rau organisierten Reihe von politischen Veranstaltungen, bei denen Redner, die den Grünen nahestanden, Ansprachen hielten und Bands unentgeltlich auftraten. Udo Lindenberg kritisierte in vielen seiner Songs Umweltzerstörung, soziale Mißstände und wirtschaftliches Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd. Die Friedensbewegung und das Engagement gegen die zivile Nutzung von Atomkraft sind weitere zentrale Themen des wachsamen Zeitgenossen Udo Lindenberg.

Ein großes Thema seines politischen Interesses ist auch das Auftreten gegen rechtsextreme Politik und rechtsextreme Gewalt. Nicht nur der Song „Sie brauchen keinen Führer“, sondern auch viele seiner Zeichnungen und Gemälde thematisieren die von Udo Lindenberg so genannten „Pimmelköppe“ in ihrem dumpfdeutschen Auftreten. Im Jahr 2000 hob er sein Projekt „Rock gegen rechte Gewalt“ aus der Taufe.

Wir wollen doch einfach nur zusammen sein

Udo Lindenbergs Begegnung mit dem „Mädchen aus Ostberlin“ ist nicht nur gesungene Legende – 1973 hatte er in der Hauptstadt der DDR tatsächlich eine junge Frau getroffen, die für ihn „sehr bedeutend“ war, wie es im Song heißt. Der Wunsch, mit dem „Sonderzug nach Pankow“ zu reisen, um mit dem Staatsratsvorsitzenden auf zwischenmenschlichem Weg die Mauer zu überwinden, hatte für Udo Lindenberg einen persönlichen Anlaß, aber darüber hinaus auch einen gesellschaftlich-politischen Grund. Egon Bahr attestierte dem „Sonderzug“ die richtige „Mischung aus Provokation, Entspannung und menschlicher Anständigkeit“.

Wie nur wenige hat Udo Lindenberg den Traum von der Überwindung der deutschen Teilung immer aufrechterhalten; er suchte den Weg von Mensch zu Mensch, das Gespräch mit der Regierung ebenso wie die Begegnung mit der Bevölkerung, mit seinen auch in der DDR immer zahlreicher werdenden Fans.

1983 durfte er endlich in Ostberlin auftreten; von der Staatssicherheit minutiös überwacht spielte er im Palast der Republik einige Songs vor FDJ-Publikum. Die für das folgende Jahr schon zugesagte Tournee durch die DDR wurde jedoch ebenso rasch wie ohne Angabe von Gründen abgesagt; der so engagierte Rocker aus dem Westen war den DDR-Oberen wohl zu unberechenbar und zu charismatisch. Umjubelt von vor dem Palast versammelten echten Fans, hatte Udo Lindenberg bei seinem Auftritt zwar nur die vereinbarten Lieder gesungen, sich aber auf der Bühne vor live übertragendem DDR-Fernsehen entschieden gegen die Stationierung von Raketen auf West- wie Ostseite ausgesprochen.

Udo Lindenberg wurde 1989 nach dem Fall der Mauer für seine, wie es in der Begründung heißt, „Beiträge zur Überwindung der deutschen Trennung“ das Bundesverdienstkreuz verliehen. Sein persönliches Engagement war damit noch lange nicht zu Ende, 1990 tourte er erstmals durch die Neuen Länder, 1996 folgte eine große Tournee des wiedervereinigten Panikorchesters. Und im Januar 2011 feierte sein Musical „Hinterm Horizont“ in Berlin Weltpremiere – die Story basiert auf der Geschichte mit dem „Mädchen aus Ostberlin“.

Wo ich meinen Hut hinhäng’

„Menschen im Hotel“ waren nicht nur für Vicky Baum in ihrem 1929 publizierten, wenig später mit Greta Garbo in der Rolle der einstmals weltberühmten, nunmehr tief deprimiert alternden Ballerina Grusinskaya verfilmten Roman Quelle von Imagination und Inspiration. Die Menschen und das Leben im Hotel sind auch Udo Lindenbergs alltägliches Lebensumfeld.

Begonnen hat alles in einem Boarding House am New Yorker Central Park. Hier wohnte Udo Lindenberg für einige Zeit, später nahm er zeitweilig Wohnsitz im Berliner Hotel Intercontinental, auf dessen Briefpapier er u. a. in den achtziger Jahren seine Korrespondenz mit Erich Honecker führte.

Seit nunmehr über fünfzehn Jahren lebt er im Hamburger Hotel „Atlantic“. 1909, als das Haus gebaut wurde, hatten die Architekten in das »Weiße Schloß« an der Alster ein kleines Atelier integriert, in das sich Gäste des Hauses – vornehmlich Maler und Schriftsteller – zurückziehen konnten, um zu arbeiten. So ist überliefert, daß Max Liebermann, Oskar Kokoschka u. a. dieses Refugium nutzten. Seit 1996 ist es Udo Lindenbergs festes Atelier. Seither entstanden dort annähernd 2000 Bilder und Zeichnungen. Erst kürzlich hat Udo Lindenberg das „Atlantic“ verlassen, zum einen, um dem Baulärm der Renovierungsarbeiten zu entfliehen, zum anderen, um oft in Berlin bei Aufführungen seines Musicals „Hinterm Horizont“ dabei zu sein.

Gott, wenn es Dich gibt

Ein Religiöser im Wortsinne, einer, der Verbindlichkeiten sucht, manche für sich gefunden hat und dafür einsteht, ist Udo Lindenberg sicherlich. Aber sein Himmel ist nicht bewohnt von einem konfessionsgebundenen Gott, Udo Lindenberg – „Nun steh ich hier mit meinem kleinen Glauben/ Wie lange hält man das denn aus?“ -  sucht und findet „Gott“, „wie immer du auch heißt/ Und trägst du noch so viele Namen“: Er ruft ihn an und nimmt sich selbst in die Pflicht: „Gib mir die Power/ Ich will dafür steh'n/ Die Welt zu ändern/ Das muß doch geh'n.“

Ernsthaft-kritisch zeigen seine Zeichnungen zu den Zehn Geboten die christlichen Maximen und setzen sie zugleich auf den Prüfstand der heutigen Welt, und die Buddhastatue von seinem Nachttisch verträgt sich gut mit Herrmann Hesses philosophischer Weltsicht. Und über allem steht Udo Lindenbergs Credo für die Kunst an sich.

Reinhard K. Petrick, Pastor der Hamburger St. Jacobi-Kirche, wo Udo Lindenbergs Zehn Gebote 2002 zu sehen waren, bringt es so auf den Punkt: “Ob Kunst die Welt verändern kann, ist seit langem ein Streitfall. Wichtig aber, dass Künstler weiterhin mit diesem Anspruch antreten. Daß sie sich nicht entmutigen und verhärten lassen »in dieser harten Zeit« [Wolf Biermann]. Udo Lindenberg hatte und hat weiterhin den Mut dazu, weil er glaubt, dass es gut werden kann, wenn man zusammenhält und alle Kräfte von Gefühl und Kopf einsetzt“.

Und in seinem Song „Interview mit Gott“ von seinem 2008 erschienenen Album „Stark wie zwei“ läßt Udo Lindenberg den Interviewten sagen, kurz bevor er weiterzieht, denn „man hat als als Gott auch noch was andres zu tun“ als Interviews zu geben: „Ja, wenn der Mensch nicht weiter weiß/ dann macht er mir den Himmel heiß/ Doch es nützt kein Beichten, nee, es nützt kein Beten/ Kümmert Euch jetzt mal selber um Euern Planeten.“

Unterm Säufermond

Udo Lindenberg und der Alkohol ist ein Kapitel, zu dem sich viel sagen ließe und zu dem fast noch mehr schon gesagt wurde. Manches hat er selbst dazu gesagt, Weitsichtiges und aus eigener Erfahrung Nah- und Einsichtiges darüber getextet und gesungen. Und er hat am 30. September 1997 unter der Registernummer 39746502  beim Deutschen Patent- und Markenamt eine Erfindung angemeldet, die eine ganz neue Form des Umgangs mit Alkohol ist: das sogenannte Likörell, eine meist auf Papier oder Karton gefertigte Umrißzeichnung, die mit bunten Likören farblich akzentuiert und ausgestaltet ist.

Doch sind die Likörelle nicht die einzige Ausdrucksform des Malers Udo Lindenberg, auch in Acryl, Aquarell und mit allerlei Mischtechniken hat er seine Bildideen auf verschiedenen Malgründen festgehalten. Als „Lindischer Malazubi“ ist er bei dem Hamburger Maler Manfred Besser in die Lehre gegangen, und Markus Lüpertz hat ihm mehr als einmal zur Seite gestanden. Udo Lindenbergs Bilder erzählen oft kleine Geschichten, in manchen erkennt der geübte Hörer und Betrachter Songs wieder, und viele Figuren sind ihrem Schöpfer erstaunlich ähnlich. Der Maler, der Musiker und der Mensch Udo Lindenberg haben alle miteinander zu tun.

Markus Lüpertz schließt seine kunstvolle Rede zur Eröffnung von Udo Lindenbergs erster eigener Ausstellung, die 1996 im Hamburger Erotic Art Museum stattfand, mit den Zeilen: „Irrt dann der Sänger in dieser Erfahrungswelt,/ Trinkt die salzigen Tränen,/ Verläuft sich in den klagenden Felsen/ Und lauscht dem Stöhnen und Gurgeln der dunklen Flüsse/ Und/ Singt darüber,/ Hockt am Tor der Großstadt, dem Hades Nachtleben/ Und singt für die Tiere der Nacht,/ Singt: "Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein"./ Und taucht in die lautlose Welt des Traumes/ Singend/ Träumt lautlos, auch Sänger träumen lautlos,/ Bevölkert die reine weiße Welt des Traumes mit Erinnerungen./ Ist lautloses Singen Träumen, und vielleicht auch Zeichnen?/ Dann zeichnet der Sänger,/ Den Sänger singend, oder einfach lebend, liebend,/ Karikiert ihn,/ Erklärt ihm die Welt, in der er zu Hause herumirrt,/ Besingt Schönheit, zeichnet sie häßlich,/ Zeichnet sich das Licht auf die Flasche,/ Läßt Deckweiß als Lichtreflexe satt über Flaschengrün suppen,/ Spritzt Schwarz auf Hutumrisse,/ Malt mit Ruß Schornsteinfegerprozessionen,/ Zeichnet Schweinemadonnen, die in Comics Bordelle eröffnen,/ Zeichnet mit Pfaffenschwarz Rattenfängerparodien,/ Läßt Strichmännchen in Orgien schweinigeln./ Läßt Hampelmänner Welten anhalten.“

 

 
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