Der Mord an den europäischen Juden

Eingang des KZ Auschwitz nach der Befreiung. Quelle: Bundesarchiv

Das größte Opfer des Russlandfeldzuges („Unternehmen Barbarossa“) hatte die jüdische Bevölkerung zu tragen. Hinter der vorrückenden Wehrmacht ermordeten so genannte Einsatzgruppen der SS vor allem durch Massenerschießungen bis zu einer Millionen Männer, Frauen und Kinder. Diese  Barbarei und die folgenden industriemäßigen Massenmorde in den deutschen Vernichtungslagern sind in der Geschichte in vielerlei Hinsicht einmalig. Obwohl diese Hass- und Gewaltorgien keineswegs zwangsläufig aus der europäischen Geschichte hergeleitet werden dürfen, können sie doch als Gipfel einer jahrhundertelangen Entwicklung betrachtet werden.
Für den ältesten Teil der jüdischen Geschichte muss man sich auf das Alte Testament verlassen: Um 1000 v. Chr. habe König David an der Mittelmeerostküste das Großreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem begründet und auch die direkt nördlich davon siedelnden Völker Israels beherrscht. Historisch belegt ist, dass Teile der Bevölkerung Judas um 587 v. Chr. in die mesopotamische Metropole Babylon verschleppt wurden. In diesem Babylonischen Exil bewahrten die Juden ihren Glauben an den einen Gott Jahwe und als Babylon 539 v. Chr. seinerseits von den Persern besiegt wurde, begann die Diaspora der Juden über den Mittelmeerraum und Europa, die sich im Römischen Reich weiter fortsetzte. Bildungsblitz 

Die Juden sind also ein Volk mit orientalischen Wurzeln und einer vorherrschenden monotheistischen Religion. Ein Teil der Juden, die Sephardim, lebten seit der Antike auf der Iberischen Halbinsel, wurden 1492 durch den spanischen König Ferdinand II. vertrieben (sofern sie nicht zum katholischen Glauben übertreten wollten) und siedelten seither in Süd-Ost-Europa. Die jüdische Mehrheit gehört zu den Aschkenasim, die seit dem Römischen Reich überwiegend nördlich der Alpen, also vor allem in Frankreich, den Niederlanden, Deutschland und Osteuropa lebten. Unter den Aschkenasim entwickelte sich das Jiddisch, eine germanische Sprache mit hebräischen und slawischen Anteilen. 

Seit Beginn des Mittelalters waren Juden, deren Gemeinden in eigenen Vierteln und Straßen rund um die Synagoge lebten, räumlich isoliert. Während den Juden die Mitgliedschaft in den Handwerkszünften verwehrt blieb, waren ihnen - entgegen dem für Christen geltenden Zinsverbot - Geldgeschäfte ausdrücklich erlaubt (1179 durch Papst Alexander III.). Das Bild des Juden, als das eines vermeintlich habsüchtigen Wucherers hielt sich noch, als am Ende des Mittelalters auch Christen die Bankgeschäfte übernahmen. Mit dem Vordringen der Beulenpest im 14. Jahrhundert gipfelten Abneigung und Ausgrenzung in Unterdrückung und Massenmord. Unter dem Vorwurf, sie hätten die Brunnen vergiftet, wurden vor allem in Frankreich und Deutschland tausende jüdischer Menschen ermordet.

Die Ablehnung der Juden endete nicht mit dem Mittelalter. Sie ging auch von der geistigen und politischen Elite aus. Zitate, die im Rahmen des vorherrschenden Zeitgeistes zwar nicht harmlos, aber vergleichsweise gewöhnlich klingen (etwa bei Goethe oder Friedrich dem Großen), mischen sich mit schlimmer judenfeindlicher Hetze. So schrieb Martin Luther: „Ein solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding ist’s um diese Juden, so diese 1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind“ und Kaiser Wilhelm II. schrieb 1927 „Die Presse, die Juden und Mücken sind eine Pest, von der sich die Menschheit so oder so befreien muss - I believe the best would be gas. (Ich glaube, das Beste wäre Gas)“.

Adolf Hitlers fanatischer Antisemitismus ist also der Gipfel einer jahrhundertealten Aggression gegen einen Teil der europäischen Mitbürger. Die Nürnberger Rassegesetze („Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“) von 1935 verboten unter anderem die Ehe zwischen jüdischen Bürgern und solchen, die die Nazis für „deutschblütig“ erklärten. Ab 1938 wurden immer mehr Juden verhaftet und in Lagern und Ghettos untergebracht. Ab 1941 wurden Millionen jüdischer Menschen in Ausschwitz und fünf weiteren Vernichtungslagern auf den Territorien des heutigen Polens und Weißrusslands durch Giftgas, Erschießungen und Nahrungsentzug in Kombination mit Zwangsarbeit ermordet.

Die physische Vernichtung der jüdischen Mitbürger kann als radikaler Endpunkt eines Vernichtungswillens begriffen werden, der auch auf andere Gruppen abzielte. Realisiert wurde er erstmals in der sogenannten Euthanasie, welche sukzessive auf alle im Sinne der nationalsozialistischen "Rassenhygiene" in Frage kommenden "Volksschädlinge" wie geistig oder körperlich behinderte Menschen, Bolschewisten, Roma und eben auch Juden ausgeweitet und schließlich perfektioniert wurde.

Der Mord an etwa sechs Millionen Juden wurde - ohne dass man heute einen direkten Befehl Hitlers kennt - von einer Handvoll Bürokraten geplant, von ein paar tausend Mitgliedern der SS durchgeführt, und vom großen Teil der Deutschen geduldet und teilweise unterstützt. Der SS gingen dabei teils zwangsrekrutierte, teils freiwillige Helfer aus den besetzten bzw. verbündeten Staaten zur Hand. Die Verhaftung und Deportation der Juden aus Deutschland und den europäischen Staaten in die Mordlager wurde durch den Repressionsapparat der SS, vor allem die Gestapo (Geheime Staatspolizei), organisiert und durchgeführt. Im Ausland ging dies auch mit der Unterstützung nichtdeutscher Behörden vonstatten.
Auch wenn es Beispiele dafür gibt, dass Menschen bereit waren zu helfen und zu retten - das berühmteste hat Steven Spielberg in „Schindlers Liste“ (1993) verfilmt - steht fest: Die Deutschen sind das Volk der Täter. Und als sie sich daran machten, die Juden, sowie bis zu 500.000 Roma zu deportieren und zu ermorden, standen die übrigen Europäer - teilweise von der Gewalt geschockt und paralysiert - dabei und fielen ihnen nicht in den Arm. Natürlich gab es überall in Europa Widerstand, doch er blieb zu schwach, um die Juden wirkungsvoll zu schützen.

Eine historische Ausnahme von der verbreiteten Teilnahmslosigkeit, mit der die Europäer den Mord an ihren Mitbürgern geschehen ließen, war die Rettung der dänischen Juden im Oktober 1943. Die dänische Widerstandbewegung und normale Bürger, darunter viele Fischer, verschifften den größten Teil der 7500 Juden bei Nacht in kleinen Booten in das unbesetzte Schweden. Und auch wenn die Deutschen in Dänemark ein weniger brutales Besatzungsregiment ausübten, als etwa in Polen oder der Sowjetunion, leuchtet die dänische Rettungsaktion als Vorbild für bürgerschaftlichen Schutz bedrohter Minderheiten im Dunkel der Kollaboration und Gleichgültigkeit in Deutschland und im übrigen Europa. 

 

Kommentare

riverblue13
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Ein sehr kluger, faktenreicher Artikel!

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