Das nationalsozialistische Euthanasieprogramm

Nazionalsozialistische Propagandagrafik "Hier trägst du mit" Quelle: Landesbildungsserver Baden-Württemberg

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden mit dem Ziel der Vernichtung „lebensunwertes Leben“ mehr als 350.000 Menschen zwangssterilisiert. Bis zu 6000 Frauen und ungefähr 600 Männer starben an den Folgen der Eingriffe, mehr als 300.000 weitere starben in den „Euthanasie“-Programmen.

Am 9. Oktober 1939 wurde durch Adolf Hitler an seinen Leibarzt Karl Brandt und NSDAP-Reichsleiter Philipp Bouhler eine Ermächtigung geschrieben. Darin werden beide beauftragt, "die Befugnisse von Ärzten so zu erweitern, dass unheilbar Kranken - bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes - der Gnadentod gewährt werden kann." Diese Ermächtigung datiert Hitler auf den 1. September 1939 zurück - und stellt dadurch eine zeitliche Verbindung zum Kriegsbeginn her. Manfred Vasold schreibt in der "Enzyklopädie des Nationalsozialismus", dass der Gedanke, dass ein Kriegsverletzter ohne Bett sei, weil dieses Bett ein Geisteskranker belege,  für Hitler nach eigener Aussage unerträglich gewesen sei.

Im Zeitraum zwischen 1939 und 1945 gab es mehrere Programme, die dem Ziel dienten, das sogenannte lebensunwerte Leben möglichst effektiv und vor allem möglichst unauffällig zu vernichten. Diese Programme existierten sowohl nebeneinander, andererseits gingen sie ineinenader über.

Ab September 1939 wurden PatientInnen psychiatrischer Einrichtungen in den von Deutschland besetzten Gebieten ermordet.

Erwachsenen-„Euthanasie“, genannt Aktion T4, beinhaltete die Ermordung von Psychiatriepatienten und Behinderten 1940/1941 in sogenannten Tötungsanstalten. Es wurden vor allem PatientInnen aus den Heil- und Pflegeanstalten des Deutschen Reiches in den dafür vorgesehenen Tötungsanstalten ermordet. Die Bezeichnung T4 leitete sich von der Adresse der organisatorischen Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4 ab.

Zwischen 1939 und 1945 wurden solche Neugeborene und Kleinkinder, die von den NationalsozialistInnen als "lebensunwert" bezeichnet wurden, in "Kinderfachabteilungen" ermordet. Das war die sogenannte Kinder-„Euthanasie“.

Die Aktion 14f13 umfasste die Ermordung von arbeitsunfähigen oder politisch und "rassisch" missliebigen KZ-Häftlingen in den Tötungsanstalten der Aktion T4. Unter Aktion Brandt wurde Ermordung von Psychiatriepatienten und Behinderten in Krankenhäusern ab 1943 betrieben, nachdem die Aktion T4 wegen Protesten in der Bevölkerung abgebrochen worden war. Diese Phase wird auch als "Wilde Euthanasie" bezeichnet. Ab 1943 wurden auch psychisch kranke "OstarbeiterInnen" umgebracht.

Für die „Euthanasie“ gab es keinerlei gesetzliche Grundlagen. Trotzdem war der Widerstand dagegen sehr schwach. Nur Eltern und Verwandte von Betroffen und Betroffene selbst erhoben teilweise schwere Vorwürfe. Diese versandeten jedoch allesamt im Getriebe der Bürokratie. Strafanzeigen von Eltern wurden von den Staatsanwaltschaften systematisch unterdrückt.
Als einziger deutscher Richter prangerte Lothar Kreyssig aus Brandenburg an der Havel die Euthanasiemorde an. Als Vormundschaftsrichter hatte er bemerkt, dass sich nach einer Verlegung Nachrichten über den Tod seiner behinderten Mündel häuften. Im Juli 1940 meldete er seinen Verdacht, dass die Kranken massenhaft ermordet würden dem Reichsjustizminister Franz Gürtner. Nachdem ihm mitgeteilt worden war, dass die Mord-Aktion in Verantwortung der Kanzlei des Führers ausgeführt werde, erstattete Kreyssig gegen Reichsleiter Philipp Bouhler Anzeige wegen Mordes. Den Anstalten, in denen Mündel von ihm untergebracht waren, untersagte er strikt, diese ohne seine Zustimmung zu verlegen. Kreyssig, der damit gerechnet hatte, sofort verhaftet zu werden, wurde lediglich in den Ruhestand versetzt.

Die Menschen, die in der Nähe der Anstalten wohnten, bekamen jedoch genügend mit von den dortigen Vorgängen. Selbst Kinder sprachen untereinander „…sonst kommst Du in den Ofen…“.

Auch die Kirchen und einige wenige Juristen versuchten, dem tödlichen Treiben Einhalt zu gebieten. Nachdem im September 1939 die Meldebogenaktion zur Erfassung der Geisteskranken begonnen hatte und die Absichten offensichtlich wurden, starteten z.B. der Freiburger Erzbischof Gräber und der Breslauer Erzbischof Kardinal Bertram Proteste in Form von Schriften an Minister, öffentlichen Verurteilungen (z.B. auf der Konferenz der deutschen Bischöfe 1940) und die Bildung der Kommission des „Deutschen Caritasverbandes“ gegen die „Euthanasie“.

Von katholischer Seite protestierten der quasi amtsenthobene Bischof der Diözese Rottenburg Joannes Baptista Sproll, der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, der Bischof von Berlin, Konrad Graf von Preysing, der Dompropst von Berlin, Bernhard Lichtenberg, der Kapitularvikar von Paderborn, Weihbischof Augustinus Philipp Baumann und der Bischof von Limburg, Antonius Hilfrich. Von evangelischer Seite erhoben Paul Gerhard Braune, Theophil Wurm und Friedrich von Bodelschwingh, Bielefeld, aber auch einige Heimleiter und Mitarbeiter der Heime, in denen die Opfer lebten, Einspruch.

Je länger die Massenmorde durchgeführt wurden, um so weniger konnten sie geheim gehalten werden. Die Unruhe in der Bevölkerung wuchs, der Einspruch der Kirche wurde immer stärker. Da Teile der Kirche nun doch ihre Opposition gegenüber der „Euthanasie“ demonstrierten, sah sich Hitler veranlasst, den Befehl zur Einstellung der Aktion zu geben. Scheinbar war ein Sieg errungen. Doch es war nur ein vermeintlicher Sieg, denn das Töten ging inoffiziell weiter. Einige Menschen bezahlten ihren Widerstand gegen die „Euthanasie“ mit dem Tode.

Die Überlebenden dieser Verbrechen mussten auf Härteleistungen als Opfer der NS-Unrechtsmaßnahmen bis in die 1980er Jahre warten. Bis heute sind die  Opfergruppen der „Euthanasie“ nicht als rassisch Verfolgte des Nationalsozialismus anerkannt.

Das Projekt „Opfer der NS_Euthanasie“ auf www. ns-euthanasie.de betreibt eine Datenbank zum Gedenken an die Opfer und versucht möglichst vielen von ihnen Ihren Namen und auch ihr Gesicht wieder zu geben. Bisher sind dort über 35.000 Namen erfasst. Die Datenbank wird laufend, auch durch die Unterstützung von Nachkommen und Verwandten der Opfer, erweitert.

 
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