Eine kleine europäische Kulturgeschichte: von der Romanik zum Spätbarock

Gotisches Gewölbe und (später eingebaute) barocke Orgel, Dom zu Halberstadt. Quelle: Bildungsexplosion

 

Kehren Sie nach diesem Abstecher auf die britischen Inseln und in die neue Welt, nach Mitteleuropa zurück! Im 17. Jahrhundert war mit dem Barock eine Kunstform entstanden, die sich mit ihrer prunkvollen Formensprache von der ästhetischen Klarheit der Renaissance und deren Rückbesinnung auf die Antike unterschied. Den Weg dorthin kann man am besten anhand der Baukunst nachvollziehen:

Nach dem Rückzug der Römer und der Völkerwanderung ruhte die Bautätigkeit in Mitteleuropa vom 4. bis zum 9. Jahrhundert zwar keineswegs, aber es lässt sich für diese Phase kein raumübergreifender Baustil beschreiben. Ab dem 10. Jahrhundert findet sich nun mit der Romanik in Italien, Frankreich und Deutschland eine Architektur, für die sich neben der Erinnerung an die römische Baukunst  byzantinische, islamische und jeweils lokale Einflüsse zeigen lassen. Insofern kopierten die romanischen Baumeister nicht einfach römische Vorbilder, sondern schufen eine neue Stilrichtung. Rund um den Harz, wo um 1000 n. Chr. unter den Ottonen das ostfränkische zum Heiligen Römischen Reich geworden war, lassen sich heute zahlreiche romanische Kirchen mit den typischen Merkmalen finden: Ein Rundbogen wird von einem würfelförmigen Kapitell (der breite Block am oberen Ende einer Säule) getragen. Beispiele romanischer Bauten sind die Saint-Philibert-Kirche in Tournus in Frankreich, St. Michael in Hildesheim, die Stiftskirche St. Cyriakus in Gernrode am Harz und der Dom in Speyer. Und auch der Campanile (der geneigte Glocken-Turm, Baubeginn: 1174) von Pisa gehört noch zur Romanik, die etwa vom 10. bis zum 13. Jahrhundert dauerte.

Wichtigen Einfluss auf die Kunst in Europa hatten im Mittelalter die Klöster und vielen von ihnen sind heute wichtige romanische Baudenkmäler, wie z.B. das Zisterzienserkloster Maulbronn bei Pforzheim.
Die französischen Zisterzienser lieferten auch einen wichtigen Beitrag bei der Entwicklung der Gotik, die ab dem 11. Jahrhundert mit hohen lichtdurchfluteten Kathedralen die Romanik abzulösen begann. Diese elegante Bauweise, bei der massive Wände zwischen Haupt- und Seitenschiffen im Inneren der Kirche fehlen, wurde durch das Kreuzrippengewölbe möglich. Dabei werden vier Säulen durch zwei diagonale Bögen verbunden, an deren Kreuzungsstelle sich ein Schlussstein befindet. An den Seiten finden sich Spitzbögen, die zum Kennzeichen der gotischen Architektur wurden und oft prächtige Fenster umschließen. Die Kathedrale Notre-Dame von Reims in Nordfrankreich, aber auch die Münster von Straßburg und Freiburg, Notre-Dame in Paris sowie die Westminster Abbey in London sind Beispiele der gotischen Kirchbaukunst. Ein Beispiel für die zahlreichen gotischen Profanbauten (nichtkirchliche Gebäude) ist der Dogenpalast in Venedig. Am Wladislawsaal der Prager Burg oder der Albrechtsburg in Meißen kann man den Übergang von der Gotik (12. - 15. Jahrhundert) zur Renaissance studieren, die ab dem 15. Jahrhundert aus Italien über Europa kam, und die klare Formgebung der Antike wieder aufnahm. Strebte bei der Gotik alles nach oben in Richtung Himmelreich, wurde also die Vertikale betont, so zeigen die Renaissancebauten klare geometrische Formen, unterstreichen eher die Horizontale und ihre Säulen kopieren die griechisch-römischen Vorbilder.

Ab der Mitte des 16. bis zum 18. Jahrhundert dominierte in Europa der wiederum aus Italien kommende Barock. Er war zunächst eine politisch-religiöse Antwort der katholischen Welt auf die Reformation - die Protestanten hatten ihre Kirchen von allem katholischen Zierrat befreit. Im Barock entstanden nun Bauten mit üppigen und fast organisch-lebendig wirkenden Formen. Die katholische Religion versteht sich eben als lebensfreudig. Die oft farbenfrohen und reich verzierten Bauten des als Rokkoko bezeichneten Spätbarock sehen ein wenig aus wie gigantische Konditoreikunstwerke. Beispiele sind der Dresdner Zwinger, die Klosterkirche Vierzehnheiligen in Oberfranken und das Schloss Belvedere in Wien. Werfen Sie, nach Abschluss dieser kurzen Baustilgeschichte, noch einen kurzen Blick auf Musik und Malerei, die im Barock zu hoher Bedeutung kommen sollen. Sind Leonardo und Michelangelo die Stars der Renaissance, so überstrahlen die niederländischen Maler Rembrandt van Rijn (1606 - 1669) und Peter Paul Rubens (1577 - 1640) alle andern Maler des Barock. Rubens kommt aus dem katholischen Flandern. Auf riesigen Gemälden formte er vor leuchtend blauem Himmel zartrosafarbene Schenkel und Brüste üppiger Frauen in zuvor unbekannter erotischer Pracht. Rembrandt aus dem calvinistischen Holland malte in vergleichsweise düsteren Farben evangelische Bibelauslegung, zahllose Portraits, mit denen er sein Geld verdiente und die Abbildung einer anatomischen Leichensektion. Der kunstvolle Lichteinfall wurde zu Rembrandts Markenzeichen.

Im Barock wurde die Harmonielehre entwickelt. Durch sie weiß der Komponist, welche Akkorde (gleichzeitiges erklingen mehrerer Töne) harmonisch aufeinander folgen und zu welchen Tönen - z.B. der anderen Hand beim Klavier oder einer anderen Instrumentengruppe im Orchester - sie passen. Im späten 16. Jahrhundert entstand in Italien die Oper und Orfeo von Claudio Monteverdi (1567 - 1643) gilt als eines der ersten Werke dieser aufwendigen Mischung aus Theater, Tanz, Gesang und Orchestermusik. Georg Friedrich Händel (1685 - 1759) feierte in London mit mehr als 20 Opern in italienischer Sprache Triumphe.
Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) komponierte die Matthäuspassion, die zu Ostern mit Solisten, großem Chor, Orchester und Orgel protestantische Kirchen musikalisch erfüllte und dennoch lange Zeit in Vergessenheit geriet. Dagegen stellte sein Wohltemperiertes Klavier ein musikalisches Lehrstück dar, das nicht nur die dem Barock direkt folgenden klassischen Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791) und Ludwig van Beethoven (1770 - 1827) beeinflusste, sondern zur Entwicklung der gesamten Klaviermusik bis heute beigetragen hat.
Die Sinfonie war zwar schon im Barock erfunden worden, aber Beethoven führte sie zu so hoher Perfektion, dass seine Sinfonien - wie etwa die 5. Sinfonie mit ihren berühmten 8 Anfangstönen - zum Inbegriff der klassischen Musik selbst geworden sind. Bildungsblitz 

 
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