Ein kleine Kulturgeschichte der Gartenkunst

Tempelallee in den Herrenhäuser Gärten in Hannover. Urheber: Thomas Fietzek

Wo Menschen siedeln, entstehen Gärten. Zunächst dienten diese der Versorgung mit Arznei und Nahrung. Sie waren aber immer auch Orte der Kontemplation und einer sinnlichen Erfahrung an der Schwelle zwischen Kultur und Natur.

Wo Gärten nicht ausschließlich nach dem Nutzen unterworfenen Kriterien angelegt werden, entsteht Gartenkunst. Es ist eine Kunst, die das Verhältnis des Menschen zur Natur zum Thema hat. Dieses Verhältnis verändert sich im Lauf der Jahrhunderte. Mit ihm verändern sich die Gärten.

Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein hat sich als Teil der abendländischen Kultur eine Folge unterschiedlicher Gartentypen herausgebildet, die jeweils für eine gewisse Zeit den Gartenbau in ganz Europa prägten. In den Gärten spiegeln sich die Epochen.

Über dieser realen Geschichte der Gärten schwebt immer der Mythos vom Paradies, das Bild vom Urgarten, aus dem der Mensch vertrieben worden ist. Die Gärten des Mittelalters, der Renaissance, des Barock, der Aufklärung und der Romantik verstehen sich auch als jeweils aktuelle Behauptung, wie es im Paradies aussehen müßte, wenn es wirklich das Paradies sein soll. Dass sich dieses Bild verändert, deutet darauf hin, wie einschneidend die Ereignisse waren, die Epochen der europäischen Kulturgeschichte voneinander trennen.

Als Keimzelle der europäischen Gartenkunst kann man die Klöster des Mittelalters betrachten. Für die folgenden Epochen lassen sich jeweils Muster und Modelle für den Garten als Spiegel seiner Zeit ausmachen. Dass es solche in ganz Europa kopierten Muster gegeben hat, spricht dafür, dass die Gärten den Geist ihrer Zeit verständlich und nachvollziehbar zum Ausdruck zu bringen vermochten. Es sind diese Muster, denen die Epochenräume nachspüren. Nicht einzelne Gärten sollen gewürdigt werden, sondern die Idee des Gartens als Medium seiner jeweiligen Zeit.

Nach dem 19. Jahrhundert ist eine einheitliche Gartenkunst - wie überhaupt eine einheitliche ästhetische Prägung - in Europa nicht mehr ohne Weiteres auszumachen. Das Ensemble aus Schloss und Park in Neuhardenberg ist in dieser Genealogie herausragender Repräsentant einer Form der Gartenkunst, mit der das europäische Projekt Paradies an ein Ende gekommen ist.

Mittelalter

Die lange Periode zwischen dem Ende des weströmischen Kaiserreichs im Jahr 476 und dem Untergang des oströmischen Reichs 1453 wird seit dem 19. Jahrhundert gemeinhin unter dem Begriff Mittelalter zusammengefasst. Für die Geschichte der Gärten in Europa ist es die Zeit zwischen dem Ende einer blühenden antiken Kultur des Villengartens und deren Wiederbelebung im Zuge der Renaissance. Es ist eine Zeit, in der den Klöstern eine zentrale Rolle für die abendländische Kultur zukommt.

In den Klöstern entsteht auch das Konzept des Hortus Conclusus. Er ist ein Echo auf die Idee vom Paradies als intimem Gartenraum, den hohe Mauern von der heillosen Welt trennen. Der vom Kreuzgang gerahmte innerste Bezirk des Klosters wird zur Keimzelle der europäischen Gartenkunst. Das schlichte Kreuz ist die Urform späterer Wegenetze. Die nach einem Zentrum hin ausgerichtete symmetrische Ordnung symbolisiert eine alles umfassende Harmonie.

Das Paradies zeigt sich konzentriert, symmetrisch, abgeschottet von der Außenwelt, ein Ort äußerster Konzentration und Ruhe, an dem alles seine höhere Bedeutung hat - das Wasser, ohne das es keinen Garten gibt, als Quell allen Lebens, das Kreuz als Zeichen Christi, die Symmetrie als Spiegel einer göttlichen Ordnung, die Pflanzen als Symbole höherer Werte.

Renaissance

Unter Berufung auf die Antike rücken Philosophen und Künstler im 14. und 15. Jahrhundert den Menschen in den Mittelpunkt. Die Begriffe Renaissance und Humanismus, beide nachträglich im 19. Jahrhundert geprägt, sind eng miteinander verwoben. Der als Wiedergeburt deklarierte Neuanfang nimmt in Italien seinen Ausgang, wo das geistige wie das materielle Erbe der Antike noch besonders präsent waren.

Paradigmatisch steht die Wiederbelebung der antiken Villenkultur für die Aufbruchsidee der Renaissance. Antikisierende Landhäuser, die von Terrassen, Loggien und Belvederes aus den Blick in die Landschaft inszenieren, gehen auf der Rückseite in symmetrische Gärten über. Diese Villen und ihre Gärten stehen für eine Annäherung des Menschen an die Natur und gleichzeitig für eine gedankliche Durchdringung der Welt, die in einer den strengen Regeln der Harmonielehre folgenden Geometrisierung ihren Ausdruck findet. Im Mittelpunkt der harmonischen Einheit aus Metaphysik und Ästhetik stehen jetzt Gott und Mensch.

Der Italienische Garten setzt sich rasch durch. Die neuen Formen, mit ihnen die neuen Ideen, verbreiten sich in ganz Europa, wobei das Modell nie schlicht kopiert sondern stets den jeweiligen Möglichkeiten, Gegebenheiten und kulturellen Einflüssen angepasst wird.

Gärten der Renaissance: Villa Medicea die Castello  (Florenz, Italien), Boboli-Gärten (Florenz, Italien), Villa Gamberaia (Florenz, Italien), Villa Poggio di Caiano (Prato, Italien), Villa d´Este (Latium, Italien), Villa Lante (Viterbo, Italien), Villa Torriggiani (Lucca, Italien), Villa Garzoni (Collodi, Italien), Villandry (Frankreich), Pomeranzengaren Leonberg (Deutschland)

Barock

Wie die Renaissance kommt auch der Barock in Italien auf. Das Wort bezeichnet ursprünglich unregelmäßige, bizarr erscheinende Perlen, wendet sich also gegen nicht dem Kanon entsprechende Formen mit Hang zur Arabeske.

Im Garten entwickeln sich solche Formen insbesondere in Frankreich. Dabei werden die Anlagen größer. Sie sind in der Regel nicht von sanften Hügeln, sondern eher von ebenen Waldgebieten umgeben. An die Stelle der Ausblicke treten in den Wald geschlagene Schneisen, die Umgebung in die Garteninszenierung einbeziehen.

Architektur und Gartenkunst werden von zwei Strömungen geprägt: dem philosophischen Rationalismus, dem die Geometrie als Leitwissenschaft dient, und dem politischen Absolutismus, der einen Alleinherrscher an die Spitze einer Gesellschaftspyramide setzt. Für den Rationalismus ist schöne Natur eine ideale, also vom Menschen bearbeitete Natur. Und der absolutistische Herrscher macht Schloss und Garten zur Inszenierung seines allumfassenden Machtanspruchs.

Das barocke Paradies verbindet so die religiöse Fokussierung auf den einen Gott mit rationalistischer Formalisierung und irdischem Machtgestus. Mit dem Rationalismus und dem Absolutismus setzt sich der neue Garten in Europa durch, der unter dem Namen Französischer Garten firmiert.

Gärten des Barock: Vaux-le-Vicomte (Frankreich), Versailles (Frankreich), Chantilly( Frankreich), Schloss Augustusburg in Brühl (Deutschland) Schlosspark Schwetzingen (Deutschland), Garten der Würzburger Residenz (Deutschland), Schloss Schleißheim bei München (Deutschland), Schloss Nymphenburg in München (Deutschland), Großsedlitz bei Dresden (Deutschland), Großer Garten Hannover-Herrenhausen (Deutschland), Schlossgarten Weikersheim (Deutschland), Sanssouci, Potsdam (Deutschland), Schönbrunn, Wien (Österreich), Belvedere, Wien (Österreich), Het Loo (Niederlande), Drottningholm (Schweden)

Aufklärung

Im Geist der Aufklärung wird im 18. Jahrhundert die Vorherrschaft von Geometrie, Symmetrie und Zentralperspektive im Garten zugunsten von Formen gestürzt, die die Natur selbst hervorbringt. Der gesellschaftlichen Revolution in Frankreich 1789 geht in England eine ästhetische voraus, die sich besonders pointiert in einem neuen Gartenmodell Ausdruck verschafft: dem Landschaftsgarten oder Englischen Garten. Der stellt die Welt als scheinbar natürliche Landschaft, sortiert nach ihren Wirkungen, in verkleinertem Maßstab nach.

Das Paradies sieht nun aus wie die Natur selbst. Das Ideal besteht nicht mehr im formalen Beschnitt, sondern in einer Art Poetisierung der Landschaft, wie sie sich etwa auch in der Malerei des 17. Jahrhunderts findet. Der neue Garten setzt vor allem auf die Intensivierung von Wirkungen. Zitate aus Architektur, Literatur und bildender Kunst verleihen der künstlichen Idealnatur Bedeutung. 

Das Paradies der Aufklärung ist nicht mehr geometrisch. Ab 1730 entstehen in England, nach1760  in ganz Europa künstliche Landschaften mit kalkulierten Stimmungseffekten, wobei immer Edmund Burkes Maxime gilt: "Kein Werk der Kunst kann groß sein, wenn es nicht täuscht; auf andere Weise groß zu sein, ist das alleinige Vorrecht der Natur."

Gärten der Aufklärung: Chiswick House, London (England), Rousham Gardens (England), Stowe (England), Stourhead (England), Painshill (England), Blenheim Park (England), Petworth Park (England), Wörlitz (Deutschland), Schwetzingen (Deutschland), Schönbusch bei Aschaffenburg (Deutschland), Englischer Garten München (Deutschland), Pfaueninsel, Potsdam (Deutschland), Ermenonville (Frankreich)

Romantik

Während der Garten der Aufklärungszeit auf architektonische, literarische und kunsthistorische Zitate setzt, um die künstlichen Landschaften mit Bedeutung aufzuladen und in ihren Effekten zu intensivieren, reformiert im frühen 19. Jahrhundert eine neue Generation von Landschaftsgärtnern  das Konzept. Sie erhebt nicht mehr den Anspruch, die Natur und mit ihr die Welt selbst über ihre Wirkungen in einer Art Konzentrat darzustellen. Aus einer raschen Folge unterschiedlicher Szenen werden größere, umfassendere Naturbilder, begehbaren Gemälden gleich. Die Wege werden breiter, die Kurven sanfter, die Ausblicke weiter. Rund um das Haus finden wieder formale Elemente Einzug in die Parks. Die vielen Gartengebäude machen Inszenierungen der Natur selbst, der Bäume, der Pflanzen, des Raums Platz.

Die poetisierte Gegend weckt in der romantischen Seele jene Assoziationen und Emotionen, die die Gärten der Aufklärung durch Gebäude und andere Verweise stimulierten. Die Natur selbst haben die Besucher dieser Gärten längst als Spiegel der Seele und als Gegenstand der Kunst verinnerlicht - und nicht zuletzt als ihr Vorbild für das Paradies.

Die romantischen Gärten bilden den passgenauen Rahmen für eine klassizistische Architektur, die das Gebäude ähnlich poetisch auflädt wie der Garten die Landschaft.

Gärten der Romantik: Neuhardenberg (Deustchland), Bad Muskau (Deutschland), Branitz (Deustchland), Klein-Glienicke, Berlin (Deutschland), Charlottenhof, Potsdam (Deutschland), Babelsberg, Potsdam (Deutschland)

 

Zum Weiterlesen empfohlen:

Hans von Trotha, Garten Kunst: Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies, Berlin: Quadriga 2012

 
Hier einloggen oder registrieren, um einen Kommentar zu verfassen.