Ex oriente lux, der Orient stürmt voran

 

Um die Wurzeln der europäischen Kultur zu verstehen, müssen Sie sich nun wieder Mesopotamien zuwenden, wo den Sumerern im dritten vorchristlichen Jahrtausend semitische Stämme folgten. Nach heutigem Verständnis zählen dazu alle Völker, welche die semitischen Sprachen sprechen. Auch Araber und Juden gehören dazu.
Die Akkader (2300 bis 2100 v. Chr.) und Assyrer (2. Jahrtausend bis 612 v. Chr.) schufen mit bronzenen und später eisernen Schwertern, Pfeil und Bogen, Streitwagen und Reiterei Großreiche und verschleppten die Unterlegenen, um sie in der Landwirtschaft einzusetzen. Die Assyrer dokumentierten die Grausamkeit gegenüber ihren Feinden auf zahlreichen Wandreliefs, mit denen sie die Königspaläste zierten.
In Babylon im südlichen Mesopotamien schuf Hammurabi (um 1700 v. Chr.), mit dem nach ihm benannten Codex, eine der ersten Gesetzessammlungen. Die Urteilssprüche nach dem Prinzip der Vergeltung von Gleichem mit Gleichem wurden in Keilschrift in eine Stele gemeißelt.
Aus erhaltenen babylonischen Tontafeln dieser Zeit (1800 bis 1600 v. Chr.), wissen wir, dass die Babylonier bereits fortentwickelte mathematische Techniken wie Bruchrechnung, Algebra und das Lösen quadratischer Gleichungen beherrschten.

 

Mehr als tausend Jahre später erlebte Babylon unter Nebukadnezar II. (605 - 562 v. Chr.) eine Blütezeit, in die auch die Eroberung Jerusalems und die Verschleppung der jüdischen Bevölkerung nach Babylonien fällt. Nach weiteren Deportationen von Assyrern und Ägyptern entstand ein Vielvölkerstaat in dessen Hauptstadt Babylon die etwa 90 Meter hohe Zikkurat, ein terrassenförmiger Tempelturm, errichtet wurde, der sich als Turm zu Babel in der Bibel findet.

 

In Mesopotamien vermuten die meisten Sprachwissenschaftler den Beginn der Schriftentwicklung. Zumindest lässt sich eine durchgängige Geschichte erzählen, die von 5000 Jahre alten sumerischen Rollsiegeln, mit deren Hilfe Folgen von Bildsymbolen in feuchtem Ton abgerollt wurden, bis zu den lateinischen Buchstaben führt, die Sie hier lesen.
Anfänglich standen Zeichen für ganze Wörter oder gar Ideen. Bei der Entwicklung der schon erwähnten Keilschrift ging man bald dazu über, nur einzelne Silben zu verschlüsseln, was den Vorrat an auswendig zu lernenden Zeichen bereits erheblich verringerte. Schreibende und Lesende mussten nun also nicht mehr tausende Wörter, sondern einen Zeichen-Code verinnerlichen, aus dem sie Sinneinheiten nach (Rechtschreib-)Regeln zusammensetzten.
Den Durchbruch zu einer funktionstüchtigen Alphabetschrift, mit der alle Wörter und eine komplexe Grammatik mit einer geringen Anzahl von Buchstaben geschrieben werden können, gelang den Phöniziern, ein an der östlichen Mittelmeerküste siedelndes semitisches Händlervolk. Ihre Konsonantenschrift – aus der sich auch die arabische Schrift herleiten lässt - entstand in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. aus Keilschrift, Hieroglyphen und Vorläuferalphabeten, die an der Levanteküste zusammentrafen.
Am Wechsel zum letzten vorchristlichen Jahrtausend entwickelten die Griechen aus dem Phönizischen ihre Schrift, indem sie Zeichen änderten oder entfernten und dafür neue hinzufügten, darunter vor allem die Vokale. Das griechische Alphabet ist die Grundlage, sowohl für die kyrillische, als auch für die lateinische Schrift.

 

 

 
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