Goethes Deutschland: Kultur im Höhenflug, Politik im Schneckentempo

Freiherr vom Stein

Kurz bevor die Franzosen mit ihrer Revolution politische Weltgeschichte schrieben, lehnten sich in Deutschland ein paar junge Männer literarisch auf. Theoretiker wie Gottfried Herder oder der Dramatiker Jakob Michael Reinhold Lenz stellten die Emotion gegen die Vernunft der vorhergegangen Aufklärung und kritisierten die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Friedrich Schiller (1759 - 1805) brach in seinen Dramen Die Räuber (1782) und Don Carlos (1787) die bis dahin herrschenden Kompositionsregeln des Dramas auf und ließ seine Helden Gedankenfreiheit fordern. Sturm und Drang - so nannte man später diese Strömung der sechziger bis achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts - hört sich ein wenig an wie Sturm auf die Bastille, aber verglichen mit dem blutigen französischen Umbruch erscheint sie letztlich wie ein fleischloses intellektuelles Aufbegehren - ein Sturm im Wasserglas der Literatur.

Für Schiller wurde der Sturm und Drang genauso zum Sprungbrett seiner Karriere, wie für einen jungen Mann aus Frankfurt am Main. Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832) gelang mit Die Leiden des jungen Werthers (1774) ein prosaischer Paukenschlag, dessen europaweites literarisches Aufsehen in unserer Zeit höchstens mit einem britischen Zauberlehrling mit Brille und Zackennarbe sein Gleiches sucht. Während der Werther mit der Geschichte einer, von bürgerlichen Konvention files/Bildungsexplosion/img/Goethe_(Stieler_1828).jpgunmöglich gemachten, Liebe ein damals hochaktuelles Thema aufgriff, verarbeitete Goethe in Faust. Eine Tragödie (1808) in einem mehr als dreißigjährigen Schaffensprozess die spätmittelalterliche Figur eines zynischen Gelehrten: Faust verschachert in der vagen Hoffnung auf intellektuelle Befriedigung seine Seele an den Teufel Mephisto. Dabei schaffte es Goethe, die ganz großen Menschheitsthemen um Erkenntnisstreben und Moral in eine atemberaubende Szenenfolge (die man heute wohl Roadmovie nennen würde) voller kurzweiliger Pointen einzuflechten. Eine wundervoll dramatische und offene letzte Szene beendet ein Kunstwerk, das in der deutschsprachigen Literatur einzigartig ist. Goethes Genie und seine Schaffenskraft waren so groß, dass er es sich leisten konnte Jahrzehnte seines Lebens mit einer selbstentwickelten Farbenlehre zu vertrödeln. Er selbst hielt diese für bedeutender als sein literarisches Werk, wohingegen die Naturwissenschaft sie bald als ziemlich hanebüchen entlarvte. Johann Wolfgang von Goethe schuf das bedeutendste Gesamtkunstwerk in deutscher Sprache und wenn Sie dieser mächtig sind, sollten sie nicht sterben, ohne sich am Werther, dem Faust, den Wahlverwandtschaften (1809) oder ein paar Seiten aus Goethes Lebensrückblick Dichtung und Wahrheit (1811 - 1833) versucht zu haben.

Goethe, der 1782 in den Adelsstand erhoben wurde, stand der Französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons distanziert gegenüber. Als deren unmittelbare Folge übernahmen zwar in ganz Europa die Monarchen erneut die Führung, aber das mittelalterlich feudale und schließlich absolutistische Herrschaftskonzept, bei dem die einfachen Menschen letztlich die Rolle Leibeigener eines gleichsam göttlichen Königs spielten, war gebrochen. Nach England mussten sich nun auch die Festlandmonarchen mit Parlamenten und selbstbewussten Bürgern auseinandersetzen. Und auch wenn den Menschen - zumal den Frauen - die direkte politische Mitbestimmung weitgehend versagt blieb, erhielt gerade Preußen durch Napoleon einen kräftigen Modernisierungsschub. Napoleon hatte die westdeutschen Fürstentümer ohne Preußen zum
Rheinbund zusammengeschlossen und dort wie in Frankreich den Code civil eingeführt, der Rechtsgleichheit und die Trennung von Staat und Kirche vorschrieb.
In Preußen hatte noch während Napoleons Herrschaft eine Gruppe adeliger Staatsmänner Reformen eingeleitet. Unter dem Freiherrn Karl vom Stein und Karl August von Hardenberg wurden ab 1807 anstelle des königlichen Kabinetts Fachministerien geschaffen und Städte und Gemeinden in die kommunale Selbstverwaltung entlassen. Die befreiten Bauern
wurden durch die Agrarreform Eigentümer ihrer Ländereien und im Emanzipationsedikt wurden die jüdischen ihren nichtjüdischen Mitbürger weitgehend gleichgestellt. König Friedrich Wilhelm III. sorgte dafür, dass den Juden die Offizierslaufbahn verwehrt blieb, stimmte den übrigen Reformvorschlägen aber zögernd zu, sodass schon bald von einer „Revolution von oben“ - ausgelöst von einer adeligen Elite, zähneknirschend akzeptiert vom König - gesprochen wurde. Wilhelm von Humboldt (1767 - 1835) schuf ein dreigliedriges Schulsystem aus Volksschule, Gymnasium und Universität und staatlich überwachten Prüfungen. Die Schulpflicht wurde streng durchgesetzt.
Mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (1813), die auch für Juden galt, der Modernisierung des Heeres unter Gerhard von Scharnhorst und dem Sieg über Napoleon wurde das kleine Preußen endgültig zur militärischen Großmacht.

Durch den Wiener Kongress von 1814 wurde die revolutionär-reformerische Dynamik in Mitteleuropa weitgehend abgewürgt. Unter der Leitung des konservativen österreichischen Staatskanzlers Fürst von Metternich (1773 - 1859) versicherten sich die Monarchen gegenseitig ihrer herausgehobenen gottgegebenen Stellung. Europas Territorien wurden unter den Großmächten England, Frankreich, Russland, Preußen und Österreich neu aufgeteilt. Die letzten drei genannten schlossen eine Heiligen Allianz und verabredeten, sich solidarisch gegen liberale Tendenzen zu stellen. Auch Friedrich Wilhelm III. vergaß sein Versprechen, Preußen eine Verfassung zu geben (auf die sich jeder Bürger hätte berufen können) und machte durch Pressezensur und Berufsverbote alle Hoffnungen auf eine anhaltende Modernisierung Preußens zunichte. Der in Wien gegründete lockere Deutsche Bund aus Österreich und 34 weiteren (Klein-)Staaten zementierte die regionale Fürstenmacht und verhinderte die Entstehung einer Deutschen Nation. Die Revolutionen in Frankreich und England sowie die Gründung der USA hatten aber gezeigt, dass funktionierender Parlamentarismus und Demokratie nur über ein Nationalbewusstsein entstehen können. So verharrte Deutschland vorerst in der Kleinstaaterei und die Demokratie musste warten.

Während der nächsten dreißig Jahre gelang es den Regierenden in Preußen, Österreich und dem übrigen Deutschland, den Wunsch vieler Intellektueller nach staatlicher Modernisierung und nationaler Einigung weitgehend zu unterdrücken. Es ist die Zeit des Biedermeier (etwa 1814 bis 1848), in der sich die Modernisierer weitgehend zurückziehen mussten und ihnen - außer symbolischen Akten wie dem Hambacher Fest, bei dem 30.000 Menschen schwarz-rot-goldene Fahnen schwenkten und einen Nationalstaat forderten - gegen die teileweise brutale staatliche Unterdrückung wenig Bleibendes gelang.

 
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