Johann Wolfgang von Goethe

Johann Wolfgang von Goethe, geboren am 28. August 1749, aus einer wohlhabenden patrizischen Frankfurter Familie stammend, hatte dem Wunsch seines Vaters Johann Caspar Goethe und der Tradition der Familie folgend in Leipzig die Rechte studiert.

›Die Leiden des jungen Werthers‹

Mit dem Schauspiel Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand 1773 hatte Goethe seinen ersten literarischen Erfolg verbuchen können. 1772 hatte Goethe am Reichskammergericht in Wetzlar ein juristisches Praktikum absolviert und dort Charlotte Buff kennen- und liebengelernt. Sie aber war verlobt mit dem Legationssekretär Johann Georg Christian gen. Albert Kestner; diese unglückliche Liebe Goethes und der aus ähnlichem Grund motivierte Selbstmord seines Wetzlarer Freundes Karl Wilhelm Jerusalem bilden die beiden biographischen Stränge von Goethes 1774 anonym erschienenen Sensationserfolg, durch den der junge Autor — gerade 25 Jahre zählt er — über Nacht berühmt wurde: Die Leiden des jungen Werthers.

Werther-Fieber und Werther-Mode suchten stets den biographischen Gründen nachzuhecheln; die Verwechslung von Dichtung und Wahrheit, »Poesie und Wirklichkeit«, wie Goethe schreibt, ging so weit, daß eine regelrechte Selbstmordwelle empfindsamer Gemüter das Land erschütterte. Daß Goethe unter dem Inkognito eines ›Johann Philipp Moeller‹ nach Italien reist, ist ebenso ein Zeichen der Leiden des jungen Autors, wie es auch die Verse der ersten Fassung der zweiten Römischen Elegie sind, in denen es heißt:

»Fraget nun wen ihr auch wollt mich werdet ihr nimmer erreichen
Schöne Damen und ihr Herren der feineren Welt!
Ob denn auch Werther gelebt? ob denn auch alles fein wahr sei?
Welche Stadt sich mit Recht Lottens der Einzigen rühmt?
Ach wie hab ich so oft die törigten Blätter verwünschet,
Die mein jugendlich Leid unter die Menschen gebracht.
Wäre Werther mein Bruder gewesen, ich hätt ihn erschlagen,
Kaum verfolgte mich so rächend sein trauriger Geist.«

Goethe fährt fort, an die Adresse einer unbekannten Geliebten:

»Glücklich bin ich entflohn! sie kennet Werthern und Lotten
Kennet den Nahmen des Manns der sie sich eignete kaum.
Sie erkennet in ihm den freien rüstigen Fremden
Der in Bergen und Schnee hölzerne Häuser bewohnt.«

Denn nicht nur vor der Neugier seiner empathischen Leser hatte Goethe sich zu schützen, sondern auch vor der aufgeregten Empörung insbesondere kirchlicher Kreise, die im Werther eine Apologie des Selbstmords sahen: So untersagte etwa die theologische Fakultät in Leipzig den Verkauf des Buches, die theologische Fakultät in Kopenhagen verbot den Druck der dänischen Übersetzung, der Erzbischof von Mailand ließ alle erreichbaren Exemplare der italienischen Fassung von den Geistlichen in den Gemeinden aufkaufen.

Goethe selbst hat den auch ihn überraschenden Erfolg seines Briefromans später so begründet: »Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer, und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf. Denn wie es nur eines geringen Zündkrauts bedarf, um eine gewaltige Mine zu entschleudern, so war auch die Explosion welche sich darauf im Publikum ereignete, deshalb so mächtig, weil die junge Welt sich schon selbst untergraben hatte, und die Erschütterung deswegen so groß, weil ein Jeder mit seinen übertriebnen Forderungen, unbefriedigten Leidenschaften und eingebildeten Leiden zum Ausbruch kam. Man kann von dem Publikum nicht verlangen, daß es ein geistiges Werk geistig aufnehmen solle.«

Weimar

Am 3. September 1775 wird Erbprinz Carl August von Sachsen-Weimar und Eisenach, volljährig. Nicht ohne vorher die übliche, einer vielseitigen Bildung gewidmete Kavalierstour unternommen zu haben, tritt er die Regierung des Herzogtums an.

Eine der ersten Amtshandlungen des jungen Herzogs betrifft die Berufung Johann Wolfgang Goethes nach Weimar. Carl August setzt, am Konzept seiner Mutter festhaltend, den schon berühmten Dichter und studierten Verwaltungsjuristen als Minister für viele Geschäftsbereiche ein.

Goethe bezieht das Gartenhaus im Park an der Ilm; der Herzog schenkt ihm Haus und Garten, denn Grundbesitz war unabdingbare Voraussetzung für den Erwerb des Bürgerrechts, das wiederum für die amtliche Handlungskompetenz vonnöten war. Dieses Haus bewohnt Goethe bis an sein Lebensende — auch als er längst seinen Hauptwohnsitz an den Frauenplan verlegt hat, zieht er sich immer wieder in die Abgeschiedenheit des Parkes zurück.

Johann Gottfried Herder

Der selbstkritische, bis zur Griesgrämigkeit an sich und seinen Mitmenschen zweifelnde Johann Gottfried Herder, von Goethe als Landessuperintendet in das sachsen-weimarische Herzogtum berufen, konnte mit dem Frankfurter shooting star wenig anfangen: »Spazzig« schien er ihm, und Goethe stand dem tiefgründigen Schaffen des Älteren so fasziniert wie fremd gegenüber.

 

Bei aller Verschiedenheit hatten Goethe und Herder doch gemeinsame Nenner —es sind dies die Gesänge Ossians, die Werke Shakespeares, und schließlich Homer. Shakespeare und Ossian sind zwei große Themen, die Goethe und Herder in den 1773 gemeinsam publizierten ›fliegenden Blättern‹ Von Deutscher Art und Kunst verhandeln. Darin erscheint auch ein von Goethe verfaßter Hymnus an Erwin von Steinbach, gewidmet dem vermeintlich alleinigen Baumeister des Straßburger Münsters. Auch die von Johann Heinrich Merck federführend betriebenen Frankfurter gelehrten Anzeigen, die bald zum wichtigsten publizistischen Organ des ›Sturm und Drang‹ werden geben Zeugnis von den Bemühungen beider, gemeinsame Wege zu gehen.

So gern der junge Herzog an den Vergnügungen teilnahm, die sein Geheimer Rat Goethe als »directeur de plaisirs«, wie Herder spottete, tatkräftig in Szene setzte, so sehr drang er auf die Erfüllung der amtlichen Pflichten.

Charlotte von Stein

Goethe begegnet Charlotte von Stein kaum zwei Wochen nach seiner Ankunft in Weimar; umgehend scheint eine tiefe Freundschaft geschlossen worden zu sein. Schon im Dezember soll Goethe Charlotte von Stein auf dem Landsitz der Familie in Großkochberg besucht und seinen Namenszug in ihre Schreibtischplatte eingeschnitten haben. Doch war die sieben Jahre ältere Herzensfreundin verheiratet.

Amtliche Tätigkeiten

In seinem ersten Weimarer Jahrzehnt bleiben Goethes Dichtungen, spärlich in der Anzahl, fast alle Fragment.

Die Briefe und Billetts, die Goethe an Charlotte von Stein in dieser Zeit verfaßt — sie hat ihren Teil der Korrespondenz zurückgefordert und vernichtet, als sie in den neunziger Jahren einsehen mußte, daß Goethes Verbindung mit Christiane Vulpius mehr als eine vorübergehende Liaison bedeutete —, spiegeln diese Entwicklung, die schließlich zu Goethes fluchtartigem Aufbruch nach Italien führte.

Goethes amtliche Schriften dieser Zeit dokumentierenn die Tätigkeit des jungen, noch amtsunerfahrenen Ministers: Wegebau, Kriegskommission, Bergwerk, Wasserbau und Steuerwesen sind nur einige der Geschäftsbereiche, die Goethes Aufmerksamkeit forderten. Schon im Juni 1776 war Goethe als Geheimer Legationsrat in das Consilium berufen worden, der zentralen Regierungsbehörde des Herzogtums.

Bald wird er zum Geheimen Rat, kurz darauf zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt. 1782 erhebt Kaiser Joseph II. Goethe in den Reichsadelsstand. Der Hochfürstlich Sachsen-Weimar und Eisenachische Hof- und Adresscalender führt Goethe bis 1815 als aktiven Geheimen Rat.

Italien

Charlotte von Stein gehört schließlich zu den wenigen, die Goethe am 2. und 3. September 1786 mit andeutungsvollen Briefen bedenkt: Von Karlsbad aus, wo er im Kreis der Freunde wenige Tage zuvor seinen 37. Geburtstag gefeiert hatte, reist er nach Italien.

Allein sein Diener Philipp Seidel ist, wenn auch wenig detailliert, über Reiseroute und Aufenthalt des Dichters im Bilde. Erst als Goethe Rom erreicht — im Tagebuch, das er für Charlotte von Stein führt, heißt es unter dem Datum des 1. November 1786 aufatmend: »Ja ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt!« — werden die in Weimar Zurückgelassenen in Kenntnis gesetzt, auch darüber, daß die Reise doch wohl mehr als nur einen kurzen Aufenthalt bedeuten würde.

Goethes italienische Reise, oder vielmehr seine lange gehegte Sehnsucht nach dem Land, »wo die Zitronen blüh’n«, hatte zwei Voraussetzungen.

Die eine ist das väterliche Vorbild: 1739 war Johann Caspar Goethe nach Italien aufgebrochen, eine halbjährige Kavalierstour führt den gerade zum Doktor der Rechte promovierten, knapp dreißigjährigen Mann nach Venedig, nach Herculaneum und schließlich nach Rom. Johann Caspar Goethe hält seine Reise- und Bildungserlebnisse in einem 1096 Seiten umfassenden, eigenhändig italienisch niedergeschriebenen Bericht mit dem Titel Viaggio per l’Italia fatto nel anno MDCCXL. ed in XLIII. Lettere descritto da J[ohann] C[aspar] G[oethe] fest. Die Ansichten römischer Bauwerke, die der Vater, aus Italien zurückgekehrt, im Frankfurter Haus am Großen Hirschgraben aufhängen läßt, prägen sich dem Sohn tief ein. Auch ermuntert der Vater den jungen Johann Wolfgang Goethe schon früh, eine Bildungsreise nach Italien zu unternehmen.

Kunst und Antike

Das zweite Motiv, an dem sich Johann Wolfgang von Goethes Italiensehnsucht entzündet haben wird, sind die Schriften eines Kunstgelehrten, der für sich in Anspruch nehmen darf, die Diskussion um das Klassische und Schöne in der Kunst angestoßen zu haben: Johann Joachim Winckelmann. Das Buch, das zur Erneuerung der zeitgenössischen Kunst aus der Rückbesinnung auf die Antike aufruft, ist Winckelmanns Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Mahlerey und Bildhauerkunst. Hier formuliert Winckelmann den für die Kunstdebatte lange Jahrzehnte zentralen Satz: »Der eintzige Weg, für uns groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.« Unnachahmlichkeit durch Nachahmung — so kompliziert die Auflösung dieses Paradoxons ist, so nachhaltig verändert sie den Blick der Italienreisenden.

Die Kunst, insbesondere die bildende Kunst steht nun im Mittelpunkt des Interesses. Galerien, Museen, die Stätten der Ausgrabungen heißen die Ziele einer neuen Generation von Reisenden, die weniger das bloße Betrachten während einer den eigenen gesellschaftlichen Status bekräftigenden Unternehmung im Sinn hat, als vielmehr nach Möglichkeiten sucht, das Gesehene für die eigene Zeit, für die zeitgenössische Kunst und Ästhetik fruchtbar zu machen.

Karl Philipp Moritz

Einer der Begleiter Goethes in Rom, vielleicht der ihm nächste während seines ersten Römischen Aufenthaltes, ist Karl Philipp Moritz. Moritz war am 27. Oktober 1786 in Rom eingetroffen, wenige Tage also, bevor Goethe endlich das erste große Ziel seiner Reise erreicht. Moritz präsentierte sich Goethe, der doch auch auf der Flucht vor den Eumeniden seines ersten Romans war, als einen der hingebungsvollsten Leser der Leiden des jungen Werthers — der dritte, gerade erschienene Teil von Moritz autobiographisch geprägtem Roman Anton Reiser zeigt überall Spuren der Begeisterung für den Werther und dessen Autor.Wohl Mitte November begegnen sich Goethe und Moritz in Rom zum ersten Mal, es ist dies der Beginn der wohl für beide wichtigsten italienischen Reisebekanntschaft, die sich vertieft, als Moritz bei einem gemeinsamen Ausflug verunglückt. An Charlotte von Stein schreibt Goethe Anfang Dezember 1786 über sein Verhältnis zu dem ebenso liebenswürdigen wie bemitleidenswerten und schwierigen Freund, dem er »Wärter, Beichtvater und Vertrauter, Finanzminister und Geheimer Secretair« wird: »Moritz der an seinem Armbruch noch im Bette liegt, erzählte mir wenn ich bey ihm war Stücke aus Seinem Leben und ich erstaunte über die Ähnlichkeit mit dem Meinigen. Er ist wie ein jüngerer Bruder von mir, von derselben Art, nur da vom Schicksal verwahrlost und beschädigt, wo ich begünstigt und vorgezogen bin. Das machte mir einen sonderbaren Rückblick auf mich selbst.«

Die erste Werkausgabe

Goethe war aber nicht nur nach Italien gereist, um die antiken Kunstwerke aus der Nähe betrachten und studieren zu können. Die große Aufgabe, die er sich gestellt hatte, war die Vorbereitung und Vollendung seiner ersten Ausgabe gesammelter Werke.

Bis zu seiner Ankunft in Rom bewahrte er Stillschweigen über seinen Aufenthalt — hauptsächlich wohl, um genügend Distanz, zeitlich und räumlich, zwischen Weimar und sich wachsen zu lassen, den Zurückgelassenen, vor allem dem Herzog die Möglichkeit zu nehmen, ihn rasch zurückzubeordern. Schließlich hatte Goethe, der als Minister für die Verwaltung des Herzogtums eine entscheidende Rolle spielte, Amt und Verantwortung im Stich gelassen, war aber trotzdem auf die rückwirkende Zustimmung des Herzogs angewiesen, um sein Gehalt während seiner Reise weiterhin ausgezahlt zu bekommen. Nach und nach schob er seinem Dienstherrn und Freund gegenüber den Zeitpunkt der Abreise hinaus, bis Carl August schließlich zustimmte, daß sein Minister so lange als Dichter in Italien verweilen dürfe, bis die Werkausgabe fertiggestellt sei. Damit hatte Goethe vieles erreicht: Sein Lebensunterhalt war gesichert, die herzoglich genehmigte Reisezeit so bemessen, daß er davon ausgehen konnte, sich in der Zwischenzeit in Weimar amtlich entbehrlich gemacht zu haben, und zudem konnte er darauf zählen, in Weimar wieder freundlich, als Dichter und nicht als Minister, aufgenommen zu werden. Daß er in die kleine Residenz zurückkehren würde, stand außer Frage. An Carl August schreibt der Deserteur Ende Mai 1787: »Ich habe so ein großes und schönes Stück Welt gesehn, und das Resultat ist, daß ich nur mit Ihnen und in dem Ihrigen leben mag. Kann ich es, weniger vom Detail überhäuft, zu dem ich nicht gebohren bin, so kann ich zu ihrer und zu vieler Menschen Freude leben.«

Im Frühsommer 1786 hatte Goethe den Verlag seiner ersten Werkausgabe dem Weimarer Legationsrat, Hofschatullier und Verleger Friedrich Justin Bertuch übertragen. Dieser übernimmt den Verlag jedoch nicht selbst, sondern vermittelt ihn an seinen Freund und Geschäftspartner Georg Joachim Göschen und ermuntert ihn mit den Worten: »Also, mein Freund, habe ich jezt ein wichtiges Kleinod für einen Buchhändler in den Händen. Daß ich es keinem andern vor der Hand als Ihnen zugedacht habe, können Sie von meiner Freundschaft erwarten. [...] Er [Goethe] ist ein eigensinniger Sterblicher, den man bey der guten Laune faßen muß, wenn er sie hat. [...] Kurz kommen Sie ja so schnell Sie können, um das Eisen zu schmieden so lang es warm ist.«

Goethes Honorarvorstellungen in Höhe von 2 000 Talern überfordern offensichtlich den jungen Leipziger Verleger. Bertuch beteiligt sich auf der Grundlage des Vertrags und wird Göschens Teilhaber. Goethe unterzeichnet den Vertrag mit Göschen am Tag seines Aufbruchs nach Italien, am 2. September 1786, in Karlsbad. Die Abstimmung der Vorbereitungen zum Druck der 3000 Exemplare umfassenden Ausgabe gestaltet sich über die große Entfernung schwierig. Die Überarbeitung älterer Werke und ihre Vorbereitung zum Druck erweist sich für Goethe als anregend und produktiv. So schreibt er am 16. Februar 1788 an Herzog Carl August: »Alle diese Recapitulationen alter Ideen, diese Bearbeitungen solcher Gegenstände, von denen ich auf immer getrennt zu seyn glaubte, zu denen ich fast mit keiner Ahndung hinreichte, machen mir große Freude. Dieses Summa Summarum meines Lebens giebt mir Muth und Freude, wieder ein neues Blat zu eröffnen.«

Den Tasso vollendet Goethe nach seiner Rückkehr; das Stück erscheint im sechsten Band der Ausgabe. Den Faust läßt Goethe dagegen im siebten und letzten Band noch in fragmentarischer Form drucken. Der achte Band mit Gedichten war bereits im Jahr zuvor erschienen.

Der Autor ist mit der äußeren Ausstattung nicht zufrieden — den Verleger läßt er wissen: »Ich kann nicht sagen daß der Anblick der drei Exemplare meiner Schriften, welche zur rechten Zeit in Rom anlangten, mir großes Vergnügen verursacht hätte. Das Papier scheint eher gutes Druckpapier als Schreibpapier, das Format schwindet beym Beschneiden gar sehr zusammen, die Lettern scheinen stumpf, die Farbe ist wie das Papier ungleich, so daß diese Bände eher einer ephemeren Zeitschrift als einem Buche ähnlich sehen, das doch einige Zeit dauren sollte. « Auch das Publikum will die Bücher nicht kaufen — noch im August 1787 sind gerade 1 200 Exemplare über den Ladentisch gegangen. Und doch ist Goethe wesentliches Reisemotiv erfüllt: Fernab Weimars, fernab der amtlichen Pflichten hat er sich als Dichter wiedergefunden.

In Rom

Obwohl Goethe in Rom rasch von seinen Landsleuten erkannt wurde, hielt er an seinem Inkognito fest, nicht zuletzt um sich den Pflichten der Etikette zu entziehen. Dem Herzog gegenüber erklärt er im Dezember 1786: »Übrigens ist das strenge Incognito das ich hier halte mit vom größten Vortheile [...] Hielte ich nicht so strenge darauf, so hätte ich meine Zeit mit Ehre empfangen und Ehre geben hinbringen können.« Und zu beiden Formen von Ehrerbietung war Goethe nicht gewillt, wollte er sich doch vom Weimarer Hofleben und seiner Etikette befreien, und vor allem seine Zeit so nutzen, wie er es geplant hatte: Rom zu studieren und vor allem sich als Dichter wiederzufinden und der Welt zu zeigen: die Ausgabe seiner Schriften druckfertig zu machen. Acht Bände sollten es werden. Sie erschienen zwischen 1787 und 1790 im Verlag vom Georg Joachim Göschen in Leipzig. Die Titelkupfer gestaltete sein römischer Wohnungsgenosse Johann Heinrich Lips nach Zeichnungen, die Angelica Kauffmann auf Goethes Bitten angefertigt hatte, eine in Rom lebende deutsche Malerin, von den Deutschrömern als Freundin so schwärmerisch verehrt wie von den durchreisenden Aristokraten als Malerin hochbezahlt.

Während seines römischen Aufenthalts wohnt er bei dem deutschen Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein in dessen Atelierwohnung an der Via del Corso, heute als Casa di Goethe museal eingerichtet und zur Besichtigung offen. Tischbein ist nicht nur der Maler des wohl berühmtesten Goethe-Gemäldes, das Goethe in Reisemantel und Reisehut in der römischen Campagna auf Ruinen lagernd zeigt (heute hängt es im Frankfurter Städel) — Tischbein hat auch zahlreiche Momentaufnahmen des gemeinsamen römischen Lebens festgehalten. Mit raschen Strichen in Tinte skizziert, sind sie nichts weniger als große Kunstwerke, geben aber doch einen lebendigen Eindruck von Goethes Leben als »Künstlerpursche«, wie Herder ihn nennt.

Zurück in Weimar

Noch etwas scheint in Rom geschehen zu sein; als Goethe zurückkehrt nach Thüringen, finden ihn die Freunde verändert — Caroline Herder läßt ihren Mann Mitte November 1788 wissen: »Sein Betragen ist gar sonderbar. [...] Die Schardt erzählte mir hernach daß er den Tag vorher auf dem tanzenden Picknick, mit keiner gescheiten Frau ein Wort beinah geredet, sondern den Fräuleins nach der Reihe die Hände geküßt, ihnen schöne Sachen gesagt u. viel getanzt hätte.«

Christiane Vulpius

Wenige Wochen nach seiner Rückkunft aus Italien begegnete Goethe der Frau, mit der er fast dreißig Jahre zusammenleben sollte, bis zu deren Tod 1816: Christiane Vulpius. Christianes Leben als Hausgenossin Goethes ist nicht einfach, die Weimarer Gesellschaft tut alles, ihr die Existenz zu verbittern; unverständig stehen sie der Verbindung des Dichterfürsten und Geheimen Rats mit einem Mädchen aus zwar gebildeter, aber doch armer Familie gegenüber; sie ist nicht adelig, nicht belesen, nicht zur Gesellschaft gehörig ist. Sicher wird auch die Eifersucht der enttäuschten Charlotte von Stein, die als ehemalige Hofdame und Gattin des herzoglichen Oberstallmeisters in den ersten Kreisen der Residenzstadt verkehrte, ihren Teil beigetragen haben. Erst als Goethe Christiane 1806, während der Belagerung der Stadt durch die napoleonischen Soldaten, heiratet, wird ihr Leben als Frau von Goethe einfacher. Schon im Dezember 1789 kommt der erste gemeinsame Sohn zur Welt, Julius Walter August wird er genannt. Er überlebt als einziges der fünf Kinder Goethe und Christianes das Säuglingsalter. August wird noch im Jägerhaus geboren, kurz darauf zieht die Familie in das Haus am Frauenplan, das Herzog Carl August Goethe als mietfreie Dienstwohnung zur Verfügung stellt. Das 1709 erbaute barocke Wohnhaus läßt Goethe unter dem Eindruck seiner italienischen Architekturerlebnisse umgestalten; Johann Heinrich Meyer, ein Schweizer Kunsthistoriker und Künstler, steht ihm dabei zur Seite. Das repräsentative Haus dient Goethe bis an sein Lebensende zugleich als Büro des Staatsministers, als privates Museum des Kunstsammlers, als Arbeitszimmer des Dichters und als Empfangsraum für die immer zahlreicheren Besucher. In diesem Haus stirbt Goethe am 22. März 1832.

Weimarer Klassizismus

Zurückgekehrt, versuchte Goethe, Italien und antike Kunst in Weimar zu etablieren: Er schloß sich mit Friedrich Schiller — Schiller hatte Italien nie bereist, doch allein das Erlebnis des Mannheimer Antikensaals weckt seine Begeisterung für den Klassizismus — und mit Johann Heinrich Meyer zu den ›Weimarer Kunstfreunden‹ zusammen, gelegentlich unterstützt von Wilhelm von Humboldt und Carl Ludwig Fernow.

Die ›Weimarer Kunstfreunde‹ rufen sogenannte ›Preisaufgaben‹ aus, Themen der Bibel oder antiker Epen, die im Intelligenzblatt von Cottas Morgenblatt für gebildete Stände veröffentlicht werden. Die ›Preisaufgaben‹ beabsichtigten nicht zuletzt, Material für den durch den Brand von 1774 notwendig gewordenen Schloßneubau zu sammeln. Zu den ›Preisaufgaben‹ der ›Weimarer Kunstfreunde‹ sandten meist jüngere Künstler ihre Werke ein.

Auch andere Methoden wurden angewandt, um den Klassizismus in Weimar heimisch zu machen: So produzierte die Ilmenauer Porzellanmanufaktur Plaketten in Wegdwood-Manier, die Motive der antiken Mythologie zeigen. Der Hofbildhauer Gottlieb Martin Klauer erstellte einen Katalog der Toreutica-Waare, einer Art gebrannten Tons, aus dem die Weimarer (und nicht nur sie, denn bald ging die Expedition des erfolgreichen Unternehmens auch über die Grenzen des Herzogtums hinaus) Abformungen antiker Plastiken bestellen konnten. Und Georg Melchior Kraus veröffentlichte in seiner Eigenschaft als submaître an der ›Freyen Zeichenschule‹ zwei Hefte mit Übungen für Zeichenschüler als Fortsetzung des ABC des Zeichners. Gezeichnet wurde dort aber nicht nur nach den gestochenen Vorlagen, auch die Skultpur war ein Gegenstand zeichnerischer Übung.

Romantische Kunst

Doch war der Klassizismus längst nicht unangefochtene Kunstdoktrin — die junge Generation der Romantiker hatte den Plan betreten. Größer konnten die Differenzen in der Auffassung von Kunst und Natur kaum sein. Goethe steht im Mittelpunkt einer Kampagne der jungen Romantiker: Ihn für die eigene Sache zu gewinnen, hieß nicht nur, einen berühmten Fürsprecher auf seine Seite gebracht zu haben, sondern auch einen überzeugten und bekennenden Klassizisten zu überreden. Namentlich ein Kölner Kaufmannssohn, der gemeinsam mit seinem Bruder in Heidelberg eine außergewöhnliche Sammlung altdeutscher Gemälde zusammengetragen hatte, stellt sich dieser Herausforderung: Sulpiz Boisserée. Der 1783 geborene Schüler des frühromantischen Dichters und Philosophen Friedrich Schlegel reist gar nach Weimar, um bei Goethe persönlich vorzusprechen. In Goethes Besitz hat sich seine Visitenkarte erhalten.

Boisserée schickte Goethe Anfang Mai 1810 einen Brief, der seine »sechs Zeichnungen von der Domkirche zu Köln« begleitete, zusammen mit einer Einladung, die Heidelberger Sammlung der Brüder Boisserée, einen exquisiten Bestand kölnischer, niederrheinischer und niederländischer Gemälde des 13. bis 16. Jahrhunderts zu besuchen. Die Neugier des Augenmenschen Goethe, dem die Anschauung alles bedeutet, war geweckt. Goethe lud Boisserée ein, ihn in Weimar zu besuchen, das Einverständnis, das sich zwischen den beiden Männern bei dem Besuch knapp ein Jahr darauf herstellte, interpretierte der Jüngere jedoch anders, als der Alte es gemeint hatte: Goethes Interesse berührte allein die Kunstgeschichte des Mittelalters, die Idee, die die Romantiker daraus zogen und ihrer eigenen Kunst hinterlegen wollten, blieb Goethe fremd, ja geradezu abstoßend. Das Patriotische, das Christlich-Frömmelnde scheinen ihm nichts als »süßliche Reden und schmeichelhafte Phrasen«  zu sein, ein »unverantwortliches Rückstreben« sah er im Werk der jungen Künstler ausgedrückt und sich selbst dadurch in »große Einsamkeit« versetzt, wie er 1805 im Nekrolog auf die letzte Weimarer Preisaufgabe formuliert hatte. In seiner Zeitschrift Über Kunst und Alterthum in den Rhein- und Mayn-Gegenden publizierte er nicht nur kunsthistorische Eindrücke und ästhetische Einsichten, die er während seiner Rheinreise gewonnen hatte. Doch waren Goethes Begeisterung Grenzen gesetzt, zu streng schied er kunsthistorisches Erkenntnisinteresse von ästhetischem Urteil. Schon der 1815 erschienene Bericht Goethes über seinen Besuch in Boisserées Gemäldesammlung enttäuschte den bemühten Besitzer, hatte Goethe sich doch keinesfalls in den Dienst des bewundernden Rühmens gestellt.

Nach seiner ersten Begegnung mit Goethe hatte Boisserée mit vorsichtiger, aber doch siegesgewisser Euphorie in seinem Tagebuch am 3. Mai 1811 notiert: »ich hatte das erhebende Gefühl des Siegs einer großen schönen Sache über die Vorurteile eines der geistreichsten Menschen, mit dem ich in diesen Tagen recht eigentlich einen Kampf hatte bestehen müssen«. Dieser Kampf war nun verloren, Goethe hatte kunsthistorisches Interesse und ästhetisches Urteil messerscharf getrennt: Sein Interesse an der Kunst des Mittelalters, die ihm nahegebracht zu haben vor allem Boisserées Verdienst war, zeigt seine Kunstsammlung.

Goethes Kunstsammlung

Goethes Kunstsammlung wuchs nicht nur durch Schenkung und Tausch, Zahlreiches erwarb er aus dem Kunsthandel, auf den er auch als Kunstberater Herzog Carl Augusts ein Auge hatte. Die Leipziger Kunsthandlung Carl Gustav Boerner zählte zu den renommiertesten ihrer Zeit. Auch Goethe hat dort gekauft. Über Goethes Kunstsammlung, die nahezu alle Gattungen in rund 26.000 Stücken umfaßt und beinahe vollständig in den Sammlungen des Goethe-Nationalmuseums überliefert ist, sind wir vor allem durch das Werk eines Mannes informiert: Johann Christian Schuchardt. Ihm fiel nach Goethes Tod die Aufgabe zu, die Kunstsammlungen seines ehemaligen Arbeitgebers zu verzeichnen, 1849 erschienen dreibändig im Druck. Noch heute dient ›der Schuchardt‹, der ursprünglich als Verkaufskatalog angelegt war, als Referenz, wenn es darum geht festzustellen, welche Kunstwerke — Münzen, Medaillen, Majoliken, Handzeichnungen, druckgraphische Blätter, Gemälde, Kunstgewerbliches, aber auch ein reicher Bestand an naturwissenschaftlichen Sammlungsstücken, Botanisches, Anatomisches, vor allem Mineralogisches — sich ehemals in Goethes Besitz befanden.

›Italienische Reise‹

Bei aller Offenheit, die der Sammler Goethe zeigt, bleibt der Dichter doch ein Klassizist, unverbesserlich. 1830 erscheint nach jahrelanger Redaktion seine Italienische Reise. Sie liest sich vor dem Hintergrund der zeitgenössischen künstlerischen Produktion als Dokument beinahe altersstarrer Beharrlichkeit. Kurz zuvor war Goethes Sohn August in Begleitung Johann Peter Eckermanns nach Rom aufgebrochen, als wollte er die Spuren des Großvaters wie des Vaters zugleich nachzeichnen und verwischen. Das Italienerlebnis in der dritten Generation neu zu erfahren, sollte ihm nicht gelingen: Kaum in Rom angelangt, erlag er einer Blatterninfektion. Auf dem römischen cimitero accatolico nahe der Cestius-Pyramide, die der Vater mehrfach gezeichnet hatte, wurde er beigesetzt. Sein Grabrelief entwarf der Bildhauer Bertel Thorvaldsen. Die Inschrift der Grabstele entwarf der Vater: »GOETHE. FIL. PATRI. ANTEVERTENS. OBIIT. ANNORUM. XL. MDCCCXXX.« — ›Goethes Sohn starb 1830, dem Vater vorausgehend, vierzig Jahre alt.‹ Selbst im Tod trat August von Goethe nicht aus dem Schatten des übermächtigen Vaters heraus, als ihm vorausgehend, als seinen Sendboten auch im Tod sah der alte Goethe sein einziges Kind.

 

Schiller, die Französische Revolution und Napoléon

Goethe vermittelt, Carl August gewährt, und so hält mit Friedrich Schiller 1789 der vierte der ›Weimarer Klassiker‹ Einzug in das sachsen-weiamrische Herzogtum. Er erhält eine Professur für Geschichte an der Universität Jena. Er tritt sie mit einer Vorlesung an, die er unter die Leitfrage Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? stellt — am 26. und 27. Mai 1789, wenige Wochen vor dem Sturm auf die Bastille, der den Ausbruch der Französischen Revolution markieren sollte.

Goethe vertraut in seiner literarischen Behandlung des Revolutions-Themas einem letztlich dialogischen Genre. Hier sind es vornehmlich Dramen; in Stücken wie dem Groß-Cophta, dem Bürgergeneral oder der Natürlichen Tochter zeigt er ein eher distanziertes, gelegentlich fast zynisches Verhältnis zu den politischen Ereignissen, die Protagonisten handeln aus niedrigen, egoistischen Motiven, von hehren Idealen ist in dieser durch Intrigen und Betrügereien vergifteten Atmosphäre wenig geblieben.

Näher steht im zunächst dann Napoléon Bonaparte Kaiser der Franzosen, über den er sagt: »Schüttelt nur an Euren Ketten, der Mann ist Euch zu groß.«:

Napoleon war zunächst Objekt großer Bewunderung, großer Faszination, später dann setzte sich der Abscheu vor der Machtfülle und ihrem kriegerischen Mißbrauch durch. Macht und Moral scheinen in der Figur Napoleons als unüberwindbarer Konflikt ausgedrückt; Napoleon, so urteilt Goethe, »habe die Tugend gesucht, und als er die nicht gefunden, die Macht bekommen«. Später faßt Goethe diesen Konflikt im Begriff des »Dämonischen« zusammen: Es »bildet eine der moralischen Weltordnung wo nicht entgegengesetzte, doch sie durchkreuzende Macht«, heißt es in Dichtung und Wahrheit. Tritt das Dämonische an einem Menschen zutage, so wirkt es bedrohlich: »Am furchtbarsten aber erscheint dieses Dämonische, wenn es in irgend einem Menschen überwiegend hervortritt.«

Goethe wird von Napoleon im Oktober 1808 zur Audienz gebeten, als sich dieser in Erfurt aufhält. Er bekommt das Ritterkreuz der Französischen Ehrenlegion verliehen und zeichnet sein Gespräch mit dem Kaiser der Franzosen auf und veröffentlicht zehn Jahre später es unter dem schlichten Titel Unterredung mit Napoleon. Napoleon, der Goethe mit den gönnerhaften Worten begrüßt »vous êtes un homme«, fragt ihn sogleich nach seinen Leiden des jungen Werther — noch über dreißig Jahre nach der Erstveröffentlichung seines Jugendwerkes eilt Goethe vor allem der Ruf voraus, der Autor des Werther zu sein.

Schließlich tritt das Herzogtum 1806 dem Rheinbund bei, es wird zum Verbündeten Frankreichs. Die europäische politische Landschaft erhält eine neue Ordnung. Nach dem Wiener Kongreß wird Sachsen-Weimar und Eisenach in den Stand eines Großherzogtums erhoben, Goethe erhält den Status eines Staatsministers. Zugleich wird auch der sachsen-weimar-eisenachische Hausorden erneuert. »Vigilando ascendimus« heißt die Devise dieses Ordens Zur Wachsamkeit oder Vom Weißen Falken; ›durch Wachsamkeit steigen wir empor‹. Mit diesen Worte endetet auch die von Goethe gehaltene Dankrede, die er im Namen der Träger der Erstverleihungsserie hielt, darunter Staatsminister, Leibärzte und Legationsräte wie Friedrich Justin Bertuch und Johannes Daniel Falk.

Naturwissenschaft

In den Jahren, die die Epoche der Weimarer Klassik umfaßt, unterliegen nicht nur die Literatur und die bildende Kunst massiven Veränderungen. Auch und vor allem die Naturwissenschaft wandelt ihr Gesicht, durch Forschung, Philosophie und Verbreitung. Die gelehrte Geselligkeit erlebt eine bislang ungekannte Konjunktur. Welche Bedeutung diese Kommunikation, das Gespräch über Wissenschaft, Kunst, Literatur und Politik im geselligen Kreis, hatte, faßt Goethe im Gespräch mit Frédéric Soret zusammen: »Was bin denn ich selbst? Was habe ich denn gemacht? Ich sammelte und benutzte alles was mir vor Augen, vor Ohren, vor die Sinne kam. Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein; so erntete ich oft, was andere gesäet; mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.«

Farbenlehre

Welche Blüten dilettierende Wissenschaftlichkeit treiben kann, zeigt vor allem Goethes Auseinandersetzung mit der Farbenlehre, die ihn seit 1790 in Anspruch nimmt und wohl nicht selten auch die Geduld seiner Mitmenschen strapaziert

Goethe hatte nichts Geringeres vor, als Sir Isaac Newton zu widerlegen. In seinen Opticks, die 1704 erschienen, hatte dieser eine Theorie der Spektralfarben entwickelt, die Goethe gegen den Strich ging. Goethes Experimente mit dem Prisma lassen ihn zu einem anderen Ergebnis kommen: Das weiße Licht zeigt seinen Farben erst am dunklen Kontrast, statt Spektralfarben will Goethe nun die Lehre der Kantenfarben verbreiten. Dies gelingt ihm wissenschaftlich nicht, trotz aufwendiger und ausufernder Experimente. Dennoch hat Goethes Farbenlehre Wirkung gezeigt, etwa im Werk des Malers und Zeichners Philipp Otto Runge, betitelt mit Farben-Kugel oder Construction des Verhältnisses aller Mischungen der Farben zu einander, und ihrer vollständigen Affinität, mit angehängtem Versuch einer Ableitung der Harmonie in den Zusammenstellungen der Farben, das 1810 publiziert wurde. Runge untersucht hier, basierend auf Experimenten Goethes, die harmonische und disharmonische Wirkung der Farben, durchaus mit dem praktischen Bezug zur bildenden Kunst. Nicht nur für ihn, sondern auch etwa für James Turner spielten Goethes farbenpsychologische Erwägungen eine Rolle.

Damit schließt sich ein Kreis: So wenig Goethes Interesse an den Farben zunächst physikalisch-optisch bestimmt war, so wenig Erfolg war seinen Thesen in der wissenschaftlichen Welt beschieden. Hatte sein Interesse jedoch seinen Ausgang bei den fehlenden Regeln für die Kolorierung in Gemälden genommen, üben die Erkenntnisse hier in der bildenden Kunst nachhaltigen Einfluß aus. Auch eine philosophische Rezeption blieb nicht aus; Arthur Schopenhauers Abhandlung Ueber das Sehn und die Farben von 1816 steht als ein Beispiel dafür.

Diese Erfolge vermochten Goethe jedoch nicht darüber hinwegzutrösten, daß die Physik nur abschätzige Notiz von seinen Forschungen nahm. Er schimpfte enttäuscht auf die »Gilde« und meinte hinter deren Ablehnung einen grundsätzlichen Widerstand gegen Erkenntnisse von Amateuren und Dilettanten diagnostizieren zu können.

Universität Jena

Aber auch die Wissenschaft selbst boomt im Herzogtum: Die Universität Jena ist Brennpunkt intellektueller Umbrüche. Nicht nur die naturwissenschaftliche Forschung hat hier fruchtbaren Boden — berühmte Gelehrte aller Disziplinen hielten sich an der Alma Mater Salana auf, nicht zuletzt dank der geschickten Berufungspolitik Christian Gottlob Voigts und auch Goethes und dem daraus folgenden ausgezeichneten Ruf. Gemeinsam führten sie die ›Oberaufsicht über die unmittelbaren Anstalten für Wissenschaft und Kunst‹. »In Jena«, schrieb Goethe 1802 an Schiller, »bin ich immer ein glücklicher Mensch, weil ich keinem Raum auf dieser Erde, so viel produktive Momente verdanke. Auch und vor allem die Philosophie, namentlich der Deutsche Idealismus, hatte hier ein Zentrum. Die Universität Jena, seit 1817 unter Verwaltung und Aufsicht von Sachsen-Gotha und Sachsen-Weimar und Eisenach, genoß neben Halle, Göttingen und Erlangen den Ruf der ersten Universität in Deutschland. Liberales Klima, von kirchlichen Invektiven unabhängige universitäre Lehrfreiheit und bedeutende Professoren bestimmten die Atmosphäre wie das gesellschaftliche Leben der Stadt maßgeblich. Erst als nach Goethes Tod die Meinungsfreiheit unterdrückt wurde, minimierten sich in den Jahren 1832/33 das akademische Leben und damit die Attraktivität der Universität Jena.

Einer der beiden Philosophen, die für Jena die Fortführung der Rezeption von Kants Schriften zu einer selbständigen Weiterentwicklung bestimmten, ist Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Schelling wird 1798 auf Goethes Initiative hin nach Jena berufen, er wiederum überzeugt Hegel, zwei Jahre später an die Salana zu übersiedeln. Der naturphilosophie der Zeit steht eine in diesen Jahrzehnten zu Hochkonjunktur gebrachte Forschung, ein maximales, durch die Entdeckung neuer Kontinente und deren Flora und Fauna befördertes Interesse an der Erforschung der natürlichen Phänomene in den exakten Naturwissenschaften zur Seite.

Anatomie

Die Naturforschung der Jahrzehnte um 1800 umfaßte viele Disziplinen, z. B. die Botanik – Goethe entdeckte im Bryophyllum seine »Urpflanze«  –, die Anatomie, vertreten z. B. durch den führenden Jenenser Anatomen Justus Christian von Loder. An den öffentlichen und privaten Vorlesungen Loders nimmt Goethe mit großem Enthusiasmus teil. Goethe läßt sich, so überliefert es ein Brief, Elephantenschädel zur Ansicht und zum Abzeichen nach Weimar schicken, und im Februar 1785 berichtet er seinem Freund Johann Heinrich Merck von der glücklichen Ankunft eines Giraffenskeletts — diesmal allerdings in Form einer Zeichnung. Der Anatom Loder ist auch anwesend, als sein berühmter Schüler die für ihn bedeutendste Entdeckung macht: die des Zwischenkieferknochens beim Menschen. Durch diese Entdeckung werden Tiere und Menschen evolutionär enger verknüpft — eine Entdeckung auch von durchaus theologischer Relevanz. So ist es denn neben Charlotte von Stein nur der Generalsuperintendent Johann Gottfried von Herder, dem Goethe von seinem Fund aufgeregt berichtet. In seinem Brief vom 27. März l784 heißt es: »Nach Anleitung des Evangelii muß ich dich auf das eiligste mit einem Glücke bekannt machen, das mir zugestoßen ist. Ich habe gefunden — weder Gold noch Silber, aber was mir eine unsägliche Freude macht — das os intermaxillare am Menschen! Ich verglich mit Lodern Menschen- und Thierschädel, kam auf die Spur und siehe da ist es.« Goethes Publikation dazu erschien 1786 in Jena. Goethes anatomische Sammlung, wie sie heute überliefert ist, umfaßt mithin rund 100 Stücke, darunter auch Fragment eines Eisbärenschädels.

Botanik

Weitaus umfangreicher ist seine Sammlung zur Botanik. Hierzu zählen rund 2.500 Präparate. 1790 erscheint Goethes Versuch über die Metamorphose der Pflanzen erstmals, sie ist seine erste naturwissenschaftliche Veröffentlichung. 1831, ein Jahr vor dem Tod, kommt die eine zweisprachige französisch-deutsche Fassung auf den Markt. Der Versuch ist Zeugnis von Goethes Suche nach der Urpflanze, die Goethe nicht nur theoretisch, sondern auch empirisch zu finden hoffte.

Von Goethes Herbarium sind etwa 2.500 Blätter überliefert. Auch dem herzoglichen botanischen Garten galt eine große Neigung Goethes, es gibt sogar ein ihm zu Ehren benannte Pflanze, die Göthea semperflorens.

Geologie

Die vom Volumen her größte naturwissenschaftliche Teilsammlung Goethes aber betrifft die zur Geologie. Hierzu zählen etwas über 9.000 Stücke. Häufig reiste Goethe nach Karlsbad. Das war damals nicht nur ein Ort, den Erholungsbedürftige wegen des Sprudels und geselligen Lebens aufsuchten, sondern auch, weil die dortigen Gebirge interessante mineralogische Funde versprachen.

›Die Wahlverwandtschaften‹

Wahlverwandt fühlte sich Goethe sicher mit einigen Naturforschern seiner Zeit — Alexander von Humboldt übrigens ist in den ›Wahlverwandtschaften‹ namentlich erwähnt. Der Roman ist aber auch selbst ein Zeugnis angewandter Naturwissenschaft: Dem Buch liegt als Konstruktionsprinzip eine chemische Formel zugrunde, derzufolge bestimmte Verbindungen sich durch veränderte Attraktionen neu gestalten. Im Roman wird dies auf ein Ehepaar, dessen Freund und dessen Nichte angewandt, mit katastrophalem Ausgang. In seiner Selbstanzeige formuliert der Autor: »Es scheint, daß den Verfasser seine fortgesetzten physikalischen Arbeiten zu diesem seltsamen Titel veranlaßt haben.« Leidenschaft und Vernunft sind die beiden widerstrebenden Kräfte dieser Versuchsanordnung, Naturwissenschaft und Literatur verbinden sich hier, wie sie in der Person des Romanautors miteinander verwoben waren.

Theater

Zwischen 1791 und 1817 ist Goethe Intendant des Weimarer Hoftheaters. Während dieser über fünfundzwanzig Jahre finden insgesamt an die 5.000 Aufführungen statt, ein vielfältiges Programm geht über die Bühne, In- und Ausländisches, Altes und Neues, Anspruchsvolles und vornehmlich Unterhaltsames.

Goethe hatte sich lange um die Etablierung eines glatt-kühlen Klassizismus auf der Bühne bemüht und versuchte, den Schauspielern diesen Geschmack nahe zu bringen, die zwar kein fahrendes Volk mehr waren, aber doch auch keine Ausbildung im Sprechen und Spielen genossen hatten, die ihnen erlaubt hätte, vor der Hofgesellschaft eine Prinzessin oder einen König glaubhaft zu verkörpern.

Eine der Antipoden Goethes auf dem Theater war Caroline Jagemann, später geadelte von Heygendorff. Sie war die große Diva des Hoftheaters, als Schauspielerin und Sängerin berühmt. Carl August von Sachsen-Weimar und Eisenach war ihr Dienstherr, Gönner und Liebhaber, ihm verdankte sie ihre starke Machtposition am Hof. Die Wirkungsmächtigkeit ihres Einflusses war so groß, daß sie gegen Goethes Willen durchzusetzen vermochte, einen dressierten Pudel auf der Hoftheaterbühne auftreten zu lassen — der Intendant nahm daraufhin den Hut und reichte sein Rücktrittsgesuch ein, das Carl August zwar bedauernd, aber doch willig unterschrieb

Aber es gab auch weitere berühmte Schauspieler am Weimarer Theater, Karl Stromeyer etwa, als Schauspieler mäßig begabt, aber als Bassist und als Intrigant von außerordentlichem Ruf — die Zeitgenossen bespöttelten das Goethe immer mehr aus den Händen gleitende Ensemble als »Compagnie Jagemeyer und Stromann«.

Unter dem Titel Was wir bringen publizierte Goethe einen folgenreichen programmatischen Theater-Text. Dieser Text wurde als Vorspiel zu Mozarts Oper La Clemenza di Tito gegeben, anläßlich der Eröffnung des Schauspielhauses zu Lauchstädt, unweit von Weimar gelegen. Der Neubau des Lauchstädter Theaters, der, wie Goethe Schiller mitteilt, »fünf- bis sechstehalbhundert Menschen« Platz bot, war 1802 eingeweiht worden; zur Eröffnung formuliert Goethe Plan und Idee des Sommertheaters. In 23 allegorischen Bildern werden die dramatischen Gattungen, die Ausdrucks- und Darstellungsweisen als sich zur hohen Tragödie steigernde Folge auf die Bühne gebracht. Goethe formuliert seine Auffassung von Theater und Theaterbau in deren Verhältnis von Natur und Kunst.

Auf dem Feld des Theaters war Goethes Inspirator und Konkurrent zugleich August Wilhelm Iffland. Als Schauspieler am Ekhofschen Theater in Gotha und in Mannheim außerordentlich, neben dem gebürtigen Weimarer Kotzebue einer der produktivsten und, am Publikumszuspruch gemessen, erfolgreichsten Theaterdichter, als kulturpolitischer Akteur von der Bühne des Berliner Nationaltheaters aus höchst einflußreich und nicht zuletzt als Theoretiker der Schauspielkunst wegweisend. Er propagierte ein naturnahes, psychologisch inspiriertes Theater, Goethe und Schiller in Weimar halten am Idealisierend-Klassizistischen fest.

Wie der Künstler und der Kunstsammler, der Leser und der Dichter, der Steinesammler und der Naturtheoretiker in Goethe untrennbar verbunden sind, so sind es auch der Schauspieler und der Dramatiker Goethe.

Goethes vierbändige Dramen-Ausgabe ist zugleich Zeugnis von Goethes internationalem Ruhm als auch Dokument nationaler Rezeption und nationaler Differenzen hinsichtlich des Geschmacksurteils. Während im deutschsprachigen Raum Werke wie Iphigenie und Tasso die oberen Plätze einnehmen, sind in Frankreich romantisch gefärbte Werke wie der Götz, der Egmont oder auch der Faust Spitzenreiter der Beliebtheitsskala. Eine Rezension in der einflußreichen Zeitschrift Le Globe befindet den Egmont als »Gipfel der theatralischen Laufbahn unsers Dichters, den Faust aber als »vollkommensten Ausdruck, welchen der Dichter von sich selbst gegeben.«

Johann Peter Eckermann

Goethes getreuer Adlatus der späten Jahre war Johann Peter Eckermann, er beobachtete die Epoche des Schaffens bzw. des Wirkens auch des Faust-Lebenswerks.

Zwei Werke Eckermanns haben sowohl dem Autor selbst zu Nachleben verholfen als auch Goethes Ruhm den letzten Schliff gegeben: Die Beyträge zur Poesie mit besonderer Hinweisung auf Goethe, die ihm 1823 als Entréebillett in das Haus des lange schon verehrten Dichterfürsten dienten, und die mit Eckermann geführten und von ihm aufgezeichneten Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. In das aus Goethes Besitz stammende Exemplar der ›Beyträge‹ hat Eckermann, mittellos, gebildet, ehrgeizig und Goethe gegenüber mit einer bis zur Selbstaufgabe sich ausliefernden Empathie ausgestattet, bewundernde, in ihrer Unbeholfenheit kindlich-rührende Widmungsverse handschriftlich eingetragen: »An Goethe./ Wenn im Rechten ich begriffen,/ Hab’ ich’s einzig Dir zu danken,/ Denn im Irren, Suchen, Schwanken/ Hat mich Deine Hand ergriffen/ Und auf rechten Weg geleitet,/ Der geebnet, fest, gebreitet,/ Nicht in Sümpfe sich verlieret,/ Nein, zum sichren Ziele führet./ Weimar d. 3. Oct. 1823. Eckermann.« Zwischen Juni 1823 und März 1832 kommt es zu rund eintausend Begegnungen zwischen dem Dichter und seiner »Ameise«. Eckermann zeichnet diese Unterredungen auf, die nicht nur allerlei zu Politik, Literatur, Natur und Geschichte wiedergeben, sondern auch Einblick in die Genese der Alterswerke gewähren. Eckermann ist sich durchaus bewußt, daß dies Goethebild nicht objektiv-verbindlich sein würde: »Dies ist mein Goethe«, betont er in der Vorrede.

Weltliteratur

 

Trotz aller Zusammenhänge und Bezüge ist die ›Weimarer Klassik‹ doch eine vornehmlich literarisch definierte Epoche, nicht zuletzet im Lichte dessen, was Goethe unter den Begriff der Weltliteratur faßte. Erstmals, genau gesagt 1790, erwähnt wird dieser Begriff übrigens von Christoph Martin Wieland, dessen profunde Kenntnis als Schriftsteller, Leser und Übersetzer hierin das Ideal des Kosmopolitischen in der Literatur verwirklicht sieht. Goethe aber, der die Formulierung 1827 aufgreift, erfaßt darin und damit ein Phänomen, eine Aufgabe und Zielsetzung, die den Begriff an seinen Namen bindet: die beständige Bewegung und Kommunikation zwischen den Literaturen der Sprachen, Länder und Epochen. Zufrieden konstatiert er 1827 in seiner Zeitschrift Ueber Kunst und Alterthum, unter dem Titel Bezüge nach außen: »Mein hoffnungsreiches Wort: daß bei der gegenwärtigen höchst bewegten Epoche und durchaus erleichterter Kommunikation eine Weltliteratur baldigst zu hoffen sei, haben unsre westlichen Nachbarn, welche allerdings hiezu großes wirken dürften, beifällig aufgenommen«. Zu diesem Prozeß gehören Auseinandersetzungen, Streite gar, Übersetzungen alter und zeitgenössischer Texte. Auch der Buchhandel, der nicht nur kommerziell von entscheidender, auch existentieller Bedeutung ist für Autoren und Verleger, sondern letztendlich die Form bestimmt, in der die Literatur zum Leser gelangt.

Literaturpolitik

Literatur bedeutet auch Auseinandersetzung – Goethes und Schillers streitbare und streitlustige Xenien zeugen davon. Caroline Schlegel faßt die »guerre ouverte«, die Schiller und Goethe angezettelt hatten in eine augenzwinkernde Pointe, wenn sie am 4. September 1796 an Luise Gotter schreibt: »Wenn Du den Allmanach siehst, so wirst Du auch sehn, wie er [Goethe] sich seither mit dem Todschlagen abgegeben hat. Er ist mit einer Fliegenklappe umhergegangen, und wo es zuklappte, da wurde ein Epigramm. Schiller hat ihm treulich geholfen, sein Gewehr giebt keine so drollige Beute von sich, aber ist giftiger.«

Literarische Romantik

Nun war auch die Literaturpolitik der Weimarer Klassiker nicht unumstritten — auch im literarischen Leben hatte eine jüngere Generation von sich hören lassen, wie in der bildenden Kunst stand auch hier eine am Altdeutschen orientierte Romantik auf dem Programm. Die Brüder Jakob Ludwig und Wilhelm Carl Grimm gaben die Altdeutschen Wälder heraus, Ludwig Tieck veröffentlichte Romantische Dichtungen, die in drei Bänden 1799 bei Frommann in Jena erschienen, Clemens Brentano und Achim von Arnim gaben Des Knaben Wunderhorn heruas, eine zum romantischen Kunstwerk gefügte, um »Ipsefacten« ergänzte Sammlung alter deutscher Volkslieder der »Liederbrüder«. Der gedruckten Widmung »Seiner Exzellenz des Herrn Geheimerath von Göthe« beigegeben; fügten sie handschriftlich in das dem Dichterfürsten verehrte Vorzugsexemplar »unser Dank zum Schluß« an. Goethe tat der Dankesschuld der Widmung Genüge, indem er den Autoren eine »herzliche, herrliche, junge Rezension« zukommen ließ. Später kühlt das Verhältnis zu den »Tollhäuslern« des Arnim-Brentano-Clans ab; ihren Anteil daran hat auch Bettina, Schwester des einen und Ehefrau des anderen Liederbruders. Sie rückt Goethe in ihrer hingebungsvoll überspannten Bewunderung so nahe, daß er sich der »leidigen Bremse« zu erwehren sucht; 1830 noch notiert er kühl im Tagebuch: »Frau von Arnims Zudringlichkeit abgewiesen«.

Übertragung

Welche herausragende Rolle die Übersetzung im literarischen Ideenverkehr der Zeit gespielt hat, kann kaum überschätzt werden. Übersetzungen im Sinne wortgetreuer Übertragungen von der Originalsprache in eine andere, aber auch im Sinne produktiver Aneignung.

›West-östlicher Divan‹

Ein besonderes Beispiel dessen ist Goethes West-östlicher Divan. Joseph von Hammer-Purgstall sorgsam übertragener Divan des persischen Dichters Hafis, wobei ›Divan‹ hier eine Sammlung von Gedichten meint und nichts mit der gleichlautenden Sitzgelegenheit zu tun hat, war dafür die Grundlage.

Goethes eigenes Exemplar seines ›Divan‹ birgt ein Geheimnis: In die inneren Buchdeckeln sind bis heute kleine Billetts eingeklebt, die arabische Ziffern und Schriftzeichen in Tinte festhalten. Diese Chiffre-Billetts hatte Goethe an Marianne von Willemer gerichtet und von ihr empfangen. »Liebende werden sich einig, Hafisens Gedichte zum Werkzeug ihres Gefühlswechsels zu legen; sie bezeichnen Seite und Zeile, die ihren gegenwärtigen Zustand ausdrückt, und so entstehen zusammengeschriebene Lieder vom schönsten Ausdruck [...] Neigung und Wahl verleihen dem Ganzen ein inneres Leben, und die Entfernten finden ein tröstliches Ergeben, indem sie ihre Trauer mit Perlen seiner Worte schmücken«, schreibt Goethe später erläuternd. Zusammengesetzt ergeben sich aus den einzelnen Versen ebenso glühende und uneingeweihten Neugierigen unzugängliche amouröse Geständnisse. Marianne von Willemer war die vorletzte große Liebe Goethes und wohl die poetisch fruchtbarste unter den Frauenbekanntschaften des Dichters. Ihr setzt er unter dem Allonym ›Suleika‹ ein lyrisches Denkmal; daß sie selbst maßgeblichen Anteil an den allein unter Goethes Namen publizierten Gedichten des Divan hat, gibt sie erst viele Jahre nach seinem Tod, kurz vor ihrem eigenen Lebensende, der interessierten Öffentlichkeit zur Kenntnis.

Übersetzung

Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die für die Verbreitung des Weimarer literarischen Ruhms über die Grenzen der Nation, ja des Kontinents hinaus sich verdient gemacht hatte, ist der schottische Schriftsteller und Übersetzer Thomas Carlyle. Er machte Goethes Wilhelm Meister dem englischsprachigen Publikum zugänglich, und er verfaßte in den Jahren 1823/24 die erste Biographie Friedrich von Schillers, Life of Schiller überschrieben. Ein Exemplar erhält Goethe; der Autor hat dort die Widmung »To Goethe. From his warmest Admirer, Thomas Carlyle« hineingeschrieben. Für die von Marie von Teubern erarbeitete deutsche Übersetzung formuliert Goethe eine Vorrede, anläßlich derer er erneut über das Wesen und Wirken der Weltliteratur nachdenkt. In seiner Vorrede heißt es: »Es ist schon einige Zeit von allgemeiner Weltliteratur die Rede und zwar nicht mit Unrecht: denn die sämmtlichen Nationen, in den fürchterlichsten Kriegen durcheinander geschüttelt, sodann wieder auf sich selbst einzeln zurückgeführt, hatten zu bemerken, daß sie manches Fremde gewahr worden, in sich aufgenommen, bisher unbekannte geistige Bedürfnisse hie und da empfunden. Daraus entstand das Gefühl nachbarlicher Verhältnisse, und anstatt daß man sich bisher zugeschlossen hatte, kam der Geist nach und nach zu dem Verlangen, auch in den mehr oder weniger freyen geistigen Handelsverkehr mit aufgenommen zu werden.«

 

Thomas Carlyle gegenüber formuliert Goethe: »Wie durch Schnellposten und Dampfschiffe rücken auch durch Tages-, Wochen- und Monatsschriften die Nationen mehr aneinander, und ich werde, so lang es mir vergönnt ist, meine Aufmerksamkeit besonders auch auf diesen wechselseitigen Austausch zu wenden haben«, und im Zusammenhang mit der geplanten Vorrede zum Life of Schiller hält Goethe fest: »Wenn nun aber eine solche Weltliteratur, wie bei der sich immer vermehrenden Schnelligkeit des Verkehrs unausbleiblich ist, sich nächstens bildet, so dürfen wir nur nicht mehr und nichts anders von ihr erwarten als was sie leisten kann und leistet.[...] was der Menge zusagt wird sich grenzenlos ausbreiten und wie wir jetzt schon sehen sich in allen Zonen und Gegenden empfehlen; dies wird aber dem Ernsten und eigentlich Tüchtigen weniger gelingen.

Vertonung

Als eine weitere Spielart der Übersetzung bzw. Übertragung mögen schließlich einige Kompositionen Carl Friedrich Zelters sein, Direktor der Berliner Singakademie: Er vertonte zahlreiche Gedichte Goethes und schuf damit ein Kunstliedgut, das vielleicht musikalisch weniger genial als die Musik eines Franz Schubert ist, dem Dichter aber lieb und teuer war, der in Zelters Kompositionen »die radikale Reproduktion der poetischen Intention« erkannte.

Buchhandel und Sämtliche Werke

Ein Fundament der Weltliteratur in Goethes Sinn ist der Buchhandel und besonders das sich um die Jahrhundertwende wandelnde Verhältnis der Autoren zu ihren Verlegern, die mehr und mehr zu finanziellen und intellektuellen, zu existentiellen Partnern werden, die Wohl und Wehe literarischen Lebens und Nachlebens mitbestimmen. Freundschaftlich aber ist dieses Verhältnis darum nicht unbedingt; auch die Weimarer Klassiker schimpfen gelegentlich wie die Rohrspatzen. Goethe ruft verärgert aus: »Die Buchhändler sind alle des Teufels, für sie muß es eine eigene Hölle geben«.

Das schriftstellerische Sorgenkind der meisten Autoren ist die Ausgabe der eigenen Sämtlichen Werke.

Goethe darf für sich in Anspruch nehmen, der geschickteste Diplomat im Umgang mit den Verlegern gewesen zu sein. Goethes Ruhm mag dazu nicht unerheblich beigetragen zu haben: ohne die Manuskripte oder auch nur die gebotenen Summen gesehen zu haben, überbot Cotta das höchste Gebot an Goethe um das Anderthalbfache, nur um dessen Ausgabe letzter Hand für seinen Verlag und seinen Namen zu sichern. Geschickt verhandelte Goethe auch um seine Privilegien: Das Protokoll der Deutschen Bundesversammlung vom 24. März 1825 dokumentiert den Verhandlungserfolg des »Gesuchs des Staatsministers von Goethe, um Ertheilung eines Privilegiums für eine neue Ausgabe seiner sämmtlichen Werke«: Sie wird unter »des Durchlauchtigsten deutschen Bundes schützenden Privilegien« gestellt, war also gegen den Nachdruck und dessen Verkauf gesichert.

Das Ende der Epoche

Goethe ist der, der die Protagonisten der Weimarer Klassik überlebt. Mit Carl Friedrich Zelter, dem Direktor der Berliner Singakademie, führt Goethe einen umfassenden Altersbriefwechsel; fast täglich gehen die Briefe zwischen Berlin und Weimar hin und her. Von beiden Korrespondenzpartnern von vornherein zur Veröffentlichung gedacht, geben die Briefe Auskunft über viele Jahre gelebten Lebens.

Am 22. März 1832 endet schließlich auch das Leben Johann Wolfgang von Goethes. Die Schwiegertochter ist bei ihm, als der 82jährige im Lehnstuhl seines Schlafzimmers sitzend, die Augen für immer schließt. Man sagt, sie habe die Zeiger der großen Standuhr, die im Vorraum zum Arbeitszimmer steht, zur Todesstunde angehalten. Sie läßt die Todesanzeige drucken, sie erlaubt dem Weimarer Künstler Friedrich Preller, Goethe auf dem Totenbett zu zeichnen. Gegen den Willen der Familie fertigt er später von dieser Zeichnung eine Kupferplatte —und verbreitet so Goethes letztes Bild.

Nachlaß, Nachleben, Museum

Als Goethe 1832 stirbt, hinterläßt er eine verwitwete, nach damaliger Auffassung nicht erbberechtigte Schwiegertochter und drei noch unmündige Enkel. So hatte Goethe in seinem letzten Testament Kanzler Friedrich von Müller, dem höchsten Beamten der Großherzogtums Sachsen-Weimar und Eisenach, die Sorge um seine Verlassenschaften übertragen. Vom 6. Januar 1831 datiert, setzt das Testament die Enkel zu Universalerben ein, regelt das Wittum der Schwiegertochter sowie die Herausgabe der nachgelassenen Schriften. Vor allem trifft es Verfügungen über Erhaltung und Sicherung des Nachlasses bis zur Volljährigkeit der Enkel: »Meine a.) Kunst- und Naturaliensammlungen, b.) Briefsammlungen, Tagebücher, Kollektaneen und c.) Bibliothek stelle ich jedoch unter die besondere Kustodie des [...] Bibliothekssekretärs Kräuter [...]. Dieser Kustos soll für Ordnung und Bewahrung derselben auf dem Grund der vorhandenen Kataloge und Inventarien Sorge tragen [...] und nur unter Oberaufsicht meines Herrn Testamentsvollstreckers stehen.«

Am Nachmittag des 26. März wird Goethe in der Weimarer Fürstengruft beigesetzt, am 27. verliest Kanzler Müller das Testament. Johann Peter Eckermann nimmt seine letztwillig verfügte Arbeit als Herausgeber der nachgelassenen Schriften auf, Friedrich Wilhelm Riemer besorgt die Edition des großen späten Briefwechsels mit Zelter. Christian Schuchardt, Goethes letzter Sekretär, protokolliert in minutiöser Arbeit die vorfindlichen Sammlungen in den »Acta den Goetheschen Nachlaß betreffend und zwar insbesondere die Verzeichnung der in dem Arbeitszimmer, in dem Deckenzimmer und in dem Büstenzimmer vorgefundenen Gegenstände.« Und Kanzler von Müller läßt an der die Privatzimmer vom runden Treppenhaus trennenden Tür ein Vorhängeschloß befestigen, um allzu Hab- und Neugierigen den Zutritt zu verwehren. Auch die Familie hatte keinen Zugang. Kurz darauf jedoch gibt man dem Andrang der Besucher statt. Alexander von Humboldt ist der erste, der sich am 8. Mai 1832, knapp sechs Wochen nach Goethes Tod und Staatsbegräbnis, in das rasch ausgelegte Gästebuch einträgt. Ottilies Schwester Ulrike von Pogwisch empört sich über diese Vertauschung des Privaten mit dem Museal-Öffentlichen, über »die Art, wie der Geheimrath Müller im Goetheschen Hause sich benimmt«. Er will Ottilie »2 Stuben geben: den Saal, Decken-, Büsten-, Gartenzimmer, Alkoven, große Eckstube, dann hinten Vorsaal, Bibliothek, Bedienten-, Vaters- und Schlafstube aber zur Disposition des Sekretär Kräuters geben, um Fremde darin herum zu führen«. »Was die Papiere sind, so hat sie der Kanzler alle und hält sie nur vor den Nächsten und Angehörigen geheim; aber die Fremden [...] lesen sie«, schreibt sie an Carl Friedrich Zelters Tochter Doris am 2. September 1832.

Ottilie ihrerseits läßt Kanzler von Müller Anfang August wissen: »Das Zimmer meines Schwiegervaters kann auf keine Weise zu den Sammlungen gehörend betrachtet werden«, dieser hingegen meint, daß Frau von Goethe »willkürliche Beschränkungen ahne, wo nur Gesetz oder Testament gehandhabt werde«.

 

1885 stirbt als letzter Enkel Walther Wolfgang von Goethe, kinderlos wie seine Geschwister. Er hinterläßt das Erbe seines Großvaters in seltsam stillgestelltem Zustand. 1840 war er volljährig geworden und hatte dem Reliquienkult des Kanzler Müller umgehend ein Ende gesetzt: Das Haus am Frauenplan wird für Öffentlichkeit unzugänglich. 45 lange Jahre ist kein Hereinkommen. Erst nach dem Tod Walther Wolfgangs wird das Haus am Frauenplan durch großherzogliche Verfügung 1885 als Goethe-Nationalmuseum aus der Taufe gehoben.

Den literarischen Nachlaß hatte Walther Wolfgang von Goethe der Großherzogin Sophie zugedacht, und ihn damit in die privaten fürstlichen Hände übergeben, in denen er bis zur Enteignung 1948 verbleibt. Großherzogin Sophie, als geborene Prinzessin der Niederlande mit finanzstarken und großangelegten Projekten vertraut, gründet das später so genannte Goethe- und Schiller-Archiv und initiiert die in wenigen Jahren entstehende bis heute umfassendste Ausgabe von Goethes Werken, Briefen und Tagebüchern, die sogenannte Weimarer oder Sophienausgabe. Und Großherzog Carl Alexander befindet 1885 über das ihm Anvertraute, den dinglichen und immobilen Nachlaß des Dichters: »Wir Carl Alexander von Gottes Gnaden Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Landgraf in Thüringen, Markgraf zu Meißen, gefürsteter Graf zu Henneberg, Herr zu Blankenhain, Neustadt und Tautenburg, etc. etc. Nachdem Wir in Gnaden beschlossen haben, in Unserer Haupt- und Residenzstadt Weimar ein Goethe-Nationalmuseum zu errichten, verordnen Wir durch gegenwärtigen Stiftungsbrief, was folgt:« — nachstehend werden mehrseitig Details zu Bestimmung und Zweck dieses neuen Museums aufgelistet.

 

 
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