Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel, die der Dichter 1801 für seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen ließ

Heinrich von Kleist wurde am 18. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder) geboren. Sein Vater war Stabskapitän beim Regiment zu Fuß Prinz Leopold von Braunschweig, er starb schon 1788. Der elfjährige Kleist wurde daraufhin nach Berlin gegeben, um in der Pension des reformierten Predigers Samuel Heinrich Catel erzogen zu werden. Im Juni 1792 trat Heinrich von Kleist getreu seiner Familientradition in das 3. Bataillon des Garderegiments zu Potsdam ein. 1793 starb sein Mutter Juliane Friederike.

Umständlich und eloquent zugleich legt der 23jährige Heinrich von Kleist in einem Brief dar, daß er »nach einer ernstlichen Prüfung meiner Kräfte, die Laufbahn, die ich betreten hatte, nicht verfolgen darf«. Kleist unterzeichnete mit: »Ew. Wohlgeb. ergebenster Kleist, ehemals Lieut. im Rgt. Garde.« Seinen Abschied aus dem Militär hatte Kleist im Frühjahr 1799 genommen, sich gleich darauf in seiner Heimatstadt Frankfurt (Oder) für Mathematik, Physik, Kulturgeschichte, Latein und Kameralwissenschaften immatrikuliert, kaum ein Jahr darauf die Studien wieder aufgegeben, sich im November 1800 als Volontär im preußischen Wirtschaftsministerium in Berlin versucht und an den Sitzungen der Technischen Deputation teilgenommen. Und nun, knapp ein halbes Jahr später, trieb es ihn wieder hinaus: Er unternahm eine lange Reise über Dresden, Halberstadt, Göttingen, Mainz und Straßburg nach Paris, später über Frankfurt am Main in die Schweiz, wo er auf einer Aare-Insel bei Thun sich als Bauer niederlassen wollte.

Das ruhelose Getriebensein scheint mitunter das Beständigste in Kleists Leben gewesen zu sein. Sieht man einmal von den in Frankfurt (Oder) verbrachten Kindheitsjahren ab, war sein Leben ein stetes Unterwegssein. Er reiste von Berlin zum Regiment Garde nach Potsdam, zur Konfirmation wieder zurück nach Frankfurt (Oder), weiter nach Frankfurt am Main, wiederum zum Regiment Garde, nahm am Rheinfeldzug gegen Frankreich teil, war bei der Belagerung von Mainz, der Schlacht von Pirmasens, der Schlacht von Lautern, bei den Gefechten bei Trippstadt dabei, kehrte ins Quartier in Eschborn zurück, kam nach Potsdam, durchwanderte das Riesengebirge, immatrikulierte sich in Potsdam, dann in Frankfurt (Oder), reiste nach Würzburg, dann wieder zurück nach Berlin, brach wieder auf, diesmal mit seiner Halbschwester Ulrike, und fuhr über Dresden, Halberstadt, Göttingen, Mainz und Straßburg nach Paris, es trieb ihn weiter über Frankfurt am Main in die Schweiz, er besuchte Weimar und wohnte bei Wieland in Oßmannstedt, machte sich von dort auf in Richtung Leipzig und Dresden, wanderte zu Fuß über Bern, Mailand und Genf nach Paris, kehrte, körperlich und seelisch erschöpft, nach Deutschland zurück, um wieder nach Paris aufzubrechen, kam abermals zurück, ließ sich noch einmal nach Paris ziehen, drehte wieder um nach Berlin, nahm eine Stellung in Königsberg an, wurde auf dem Weg zurück nach Berlin verhaftet und in Fort de Joux bei Besançon und Châlons-sur-Marne gefangen gesetzt, kehrte nach der Entlassung zurück nach Berlin, um zwei Wochen später nach Dresden aufzubrechen, unternahm eine Reise nach Österreich, besichtigte das Schlachtfeld von Aspern, hielt sich ein halbes Jahr in Prag auf, kehrte zurück, diesmal nach Frankfurt (Oder), wenige Tage später nach Berlin. Kleist war knapp 32 Jahre alt, als er sich – für die letzten beiden Jahre, die ihm zu leben blieben – in Berlin eine Wohnung in der Mauerstraße nahm.

Unter dem Datum des 21. November 1811 steht im Kirchenbuch der Evangelischen Kirchengemeinde Stahnsdorf-Machnow zu lesen: »Am 21sten November 1811 erschoß in der Machnowschen Heide nahe an der Berliner Chaussee Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist die Ehefrau des General-Rendanten der Chur-Märkischen Land- und Feuer-Societät und Landschafts-Buchhalters Friedrich Ludwig Vogel, Adolfine Sophie Henriette geb. Steber, alt 31 Jahre, und dann sich selbst in seinem 34sten Jahre. Beide sind an der Stelle, wo der Mord und Selbstmord geschah, in zwei Särge gelegt und in ein Grab gelegt worden. O tempora! o mores!!« An Marie von Kleist hatte Heinrich von Kleist am 9. November 1811 geschrieben: »Es ist mir ganz unmöglich länger zu leben; meine Seele ist so wund, daß mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das mir darauf schimmert.« Und neun Tage darauf ließ er sie wissen: »Ich habe Dich während Deiner Anwesenheit in Berlin gegen eine andere Freundin vertauscht [...], die im Gefühl, daß ich ihr ebenso wenig treu sein würde, wie Dir, mit mir sterben will. Mehr Dir zu sagen, läßt mein Verhältnis zu dieser Frau nicht zu. Nur so viel wisse, daß meine Seele, durch die Berührung mit der ihrigen, zum Tode ganz reif geworden ist.« Am 21. November 1811 schrieb er ihr ein letztes Mal: »Ach, ich versichre Dich, ich bin ganz selig. Morgens und abends knie ich nieder, was ich nie gekonnt habe, und bete zu Gott; ich kann ihm mein Leben, das allerqualvollste, das je ein Mensch geführt hat, jetzo danken, weil er es mir durch den herrlichsten und wollüstigsten Tod vergütigt.« Seinen letzten tröstenden und versöhnlichen Brief, den er mit »am Morgen meines Todes« datiert, richtete Heinrich von Kleist an seine Halbschwester Ulrike: »Du hast an mir getan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war. Und nun lebe wohl; möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit, dem meinigen gleich«.

Ludwig Tieck, Herausgeber dieser ersten Ausgabe der Werke Heinrich von Kleists, schloß sein 66seitiges Vorwort mit dem Satz: »Ich kann nicht ohne Wehmuth Kleists Sachen lesen.«

Ein einziges überliefertes Portrait darf als authentisches Bildnis gelten: das von Peter Friedel 1801 gemalte kleinformatige Pastell, heute in der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz aufbewahrt. Heinrich von Kleist schickte die Miniatur am 9. April 1801 an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge, bevor er in Begleitung seiner Halbschwester Ulrike nach Paris aufbrach. In dem langen aufgewühlten Begleitbrief vertraute er seiner »einzigen Freundin« an: »Ich hatte eine unbeschreibliche Sehnsucht Dich noch einmal zu sehen, und war schon im Begriff Dir selbst zu Fuße das Bild zu bringen. [...] Möchtest Du es ähnlicher finden, als ich. Es liegt etwas Spöttisches darin, das mir nicht gefällt, ich wollte er hätte mich ehrlicher gemalt - Dir zu gefallen, habe ich fleißig während des Malens gelächelt, und so wenig ich auch dazu gestimmt war, so gelang es mir doch, wenn ich an Dich dachte. Du hast mir so oft mit der Hand die Runzeln von der Stirn gestrichen, darum habe ich in dem Gemälde wo es nicht möglich war dafür gesorgt, daß es auch nicht nötig war. So, ich meine so freundlich, werde ich immer aussehen, wenn wenn - - o Gott! W a n n? - Küsse das Bild auf der Stirn, da küsse ich es jetzt auch.[...] Nenne mich Deinen Geliebten, denn ich bin es – und lebe wohl, lebe wohl - lebe wohl - Behalte mich lieb in Deinem innersten Herzen, bleibe treu, traue fest auf mich - lebe wohl - lebe wohl – Heinrich.« Heinrich von Kleist kehrte erst lange Zeit nach diesem Brief zurück – inzwischen hatte Wilhelmine von Zenge die Verlobung gelöst.

 

Wilhelmine von Zenge

Wilhelmine von Zenge wurde am 20. August 1780 in Berlin geboren. Kleist begegnete ihr im Sommer 1799; er machte auf sie offenbar keinen sonderlich guten ersten Eindruck, »sehr melancholisch und finster« sei er gewesen, erinnert sich Wilhelmine von Zenge, »und sprach dabei sehr wenig«. Kleist aber verliebte sich gleich in die Generalstochter und zögerte auch nicht lange, um ihre Hand anzuhalten, woraufhin Wilhelmine ihm deutlich machte, daß sie »ihn weder liebe, noch seine Frau zu werden wünsche, doch würde er mir als Freund immer recht werth sein.« Die Verbindung blieb in all’ ihrer merkwürdigen Innigkeit erhalten; Kleist hoffte und träumte weiter von einer gemeinsamen Zukunft, bis Wilhelmine von Zenge sich weigerte, Kleist als Bäuerin in die Schweiz zu folgen. Sein letzter Brief an sie vom 20. Mai 1802 endet bitter: »Liebes Mädchen, schreibe mir nicht mehr. Ich habe keinen andern Wunsch als bald zu sterben. H. v. K.«. Überliefertes Zeugnis dieses sehr besonderen Bündnisses sind zahlreiche lange Briefe – Briefe, in denen Kleist die Geliebte belehrte und unterrichtete, sie beschwor und seiner Sehnsucht versicherte, ihr all’ seine beständig wechselnden hochfliegenden Pläne offenbarte. »Es sind die seltsamsten Liebesbriefe der Welt«, hat Thomas Mann einmal festgehalten.

 

Von Heinrich von Kleists Trauerspiel ›Robert Guiskard. Herzog der Normänner‹ sind nur 524 Verse erhalten und in der von Helmut Sembdner besorgten Ausgabe der ›Sämtlichen Werke und Briefe‹ wiedergegeben. Kleist begann die Arbeit 1802 in der Schweiz; in Oßmannstedt, Dresden und Paris setzte er sie fort, wo er das fast fertige Werk schließlich verbrannte, um 1807/1808 die Niederschrift erneut zu planen und das überlieferte Fragment im Frühjahr 1808 in seiner Zeitschrift ›Phöbus‹ drucken zu lassen – als Probe eines angeblich vollendeten Opus, das er Cotta zum Verlag anbot. Warum Kleist an der Fertigstellung scheiterte, könnte ein Brief Christoph Martin Wielands erklären, der zugleich das Größte verspricht. Wieland schrieb, daß Kleist »an einem Trauerspiel arbeite, aber ein so hohes und vollkommenes Ideal davon seinem Geiste vorschweben habe, daß es ihm noch immer unmöglich gewesen sei, es zu Papier zu bringen. [...] Endlich erschien einstmals zufälligerweise an einem Nachmittag die glückliche Stunde, wo ich ihn so treuherzig zu machen wußte, mir einige der wesentlichsten Szenen aus dem Gedächtnis vorzudeklamieren. Ich gestehe Ihnen, daß ich erstaunt war und ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich Sie versichere: Wenn die Geister des Äschylus, Sophokles und Shakespeare sich vereinigten, eine Tragödie zu schaffen, so würde das sein, was Kleists ›Tod Guiscards des Normannen‹, sofern das Ganze demjenigen entspräche, was er mich damals hören ließ.«

 

›Die Familie Schroffenstein‹, ein ›Trauerspiel in fünf Aufzügen‹, wie der Dichter es bezeichnete, ist eines der wenigen Stücke Kleists, das zu seinen Lebzeiten sowohl gedruckt – 1803 bei Heinrich Geßner, wenn auch anonym – als auch aufgeführt wurde – 1804 am Nationaltheater Graz. Die früheste überlieferte Stufe ist ein eigenhändiges Szenarium mit dem Titel ›Die Familie Thierrez‹. Weiter ist eine Handschrift des Stücks unter dem Titel ›Die Familie Ghonorez‹ bekannt, in die Kleist später Hinweise für den Kopisten notiert hatte, die die Übertragung vom spanischen in einen schwäbischen Kontext, von den Ghonorez zu den Schroffensteins, bezeugen: Auf Blatt 135 heißt es: »Nachricht für den Abschreiber: Statt Rodrigo wird überall Ottokar gesetzt«, und sechs Seiten später wurde derselbe angewiesen: »Nachricht für den Abschreiber: statt Ignez überall Agnes«. Nicht auszuschließen ist, daß die Druckfassung von Ludwig Wieland und vom Verleger selbst massiv bearbeitet wurde; ob darauf allerdings eine briefliche Bitte Kleists an seine Halbschwester Ulrike zurückzuführen ist, mag dahinstehen – ihr schrieb er am 13. März 1803: »Auch tut mir den Gefallen, und leset das Buch nicht. Ich bitte Euch darum. Es ist eine elende Scharteke.«

 

»Auf den Knieen meines Herzens« – das berühmte Zitat stammt aus einem der innigsten nicht-privaten Briefe Kleists. Er brachte Johann Wolfgang von Goethe, dem Weimarer Dichterfürsten, das erste Heft seiner Zeitschrift ›Phöbus‹ dar, er legte es ihm ans Herz, ebenso wie das Fragment seiner ›Penthesilea‹, das darin abgedruckt war, und dankte ihm für seine »guten Willen«, den ›Zerbrochnen Krug‹ auf die Bühne des Weimarer Theaters zu bringen, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß beide seine Werke ihrer Zeit weit voraus wären, so weit, daß sie eigentlich für die Zukunft geschrieben worden seien. Was vielleicht als Kompliment an die Weitsicht des von Erfolg verwöhnten Älteren gedacht war, konterte dieser ärgerlich am 1. Februar 1808: »Erlauben Sie nur zu sagen (und denn wenn man nicht aufrichtig seyn sollte, so wäre es besser man schwiege gar) daß es mich immer betrübt und bekümmert, wenn ich junge Männer von Geist und Talent sehe, die auf ein Theater warten, welches da kommen wird [...] Vor jedem Bretergerüst möchte ich dem wahrhaft theatralischen Genie sagen: hic Rhodus, hic salta! [...] Verzeihen Sie mir mein Geradezu, es zeugt von meinem aufrichtigen Wohlwollen.« Goethes Weimarer Inszenierung des ›Zerbrochnen Krugs‹, die am 2. März 1808 zur Premiere kam, geriet, gelinde gesagt, zum Fiasko. Kleist schrieb den Mißerfolg vor allem Goethe zu – und ihm ein böses Epigramm hinterher: »Siehe, das nenn ich doch würdig, fürwahr, sich im Alter beschäftgen!/ Er zerlegt jetzt den Strahl, den seine Jugend sonst warf.«

Kleists Ruhm als Dramatiker wird von dem als Erzähler beinahe übertroffen. Für den Dichter selbst waren die Erzählungen eher etwas, wozu er sich herabließ; mit ihnen aber erlebte er, ganz im Gegensatz zu den Werken seines dramatischen Schaffens, immerhin Achtungserfolge; die großen Erzählungen wurden noch zu Lebzeiten in zwei Bänden vorgelegt. Der erste Band, erschienen zur Michaelismesse im Herbst 1810, enthielt ›Michael Kohlhaas‹, ›Die Marquise von O.‹ und ›Das Erdbeben in Chili‹. Im zweiten Band wurden ›Die Verlobung von St. Domingo‹, ›Das Bettelweib von Locarno‹, ›Der Findling‹, ›Die Heilige Cäcilie‹ und ›Der Zweikampf‹ abgedruckt. Verlegt hatte sie Georg Andreas Reimer in seiner Berliner Realschulbuchhandlung – eine gute Adresse, fanden sich unter ihren Autoren doch auch Fichte, Arndt, Schleiermacher, Jean Paul, Novalis, Tieck, Wilhelm von Humboldt und Arnim; die Schlegel-Tieckschen Shakespeare-Übersetzungen erschienen ebenfalls hier.

Im Sommer 1803 regte Johannes Daniel Falk Heinrich von Kleist dazu an, sich gemeinsam um das »zukünftige Lustspiel der Deutschen« zu bemühen. Kleist benutzte als Quelle den 1668 erstmals erschienenen ›Amphitryon‹ Molières, der sich wiederum auf eine Komödie des Plautus gestützt hatte. Anfang des Jahres 1807 befand sich Kleist auf dem Weg zurück nach Berlin, kam dort aber nicht an, weil er im Februar von den französischen Behörden als angeblicher Spion verhaftet wurde; er geriet in Kriegsgefangenschaft, zunächst in Fort de Joux bei Besançon, später in Châlons-sur-Marne. Sein Freund Johann Jakob Otto August Rühle von Lilienstern vermittelte das inzwischen fertige Manuskript des ›Amphitryon‹ dem Dresdner Buchhändler Christoph Arnold, wenn auch zu nicht besonders günstigen Konditionen. Kleist schrieb aus der Gefangenschaft an seine Schwester Ulrike am 8. Juni 1807: »Rühle hat ein Manuskript. das mir unter anderen Verhältnissen das Dreifache wert gewesen wäre, für 24 Louisdor verkaufen müssen.« Das Buch erschien im Mai des Jahres. Adam Müller verfaßte ein Vorwort, in dem er, ganz Kleists Absicht einer Erneuerung der Komödie in deutscher Sprache respektierend, vor allem auf die Differenz zwischen Kleist und Molière als auf eine Differenz der Nationalcharaktere abhob. Hier heißt es: »Erwägt man die Bedeutung des deutschen und die Frivolität des Molièreschen Amphitryon, erwägt man die einzelnen von Kleist hinzugefügten komischen Züge, so muß man die Gutmütigkeit bewundern, mit der die komische Szenen dem Molière nachgebildet sind: der deutsche Leser hat von dieser mehrmaligen Rückkehr zu dem französischen Vorbilde den Gewinn, kräftig an das Verhältnis des poetischen Vermögens der beiden Nationen erinnert zu werden.«

Heinrich von Kleists Tragödie um die Amazonenkönigin Penthesilea war ihm eine echte Herzensangelegenheit. 1806 in Königsberg begonnen, wurde die Arbeit am Manuskript in französischer Gefangenschaft fortgesetzt. Ende des Jahres 1807 war das Trauerspiel vollendet: »Soviel ist gewiß: ich habe eine Tragödie (Sie wissen, wie ich mich damit gequält habe) von der Brust heruntergehustet; und fühle mich wieder ganz frei!«, ließ er den väterlichen Freund Christoph Martin Wieland wissen. Und an Marie von Kleist, geb. Gualtieri, die mit einem entfernten Verwandten Heinrich von Kleists verheiratet war, schrieb er im Spätherbst 1807: »Ich habe die Penthesilea geendigt, von der ich Ihnen damals [...] einen so begeisterten Brief schrieb. Sie hat ihn wirklich aufgegessen, den Achill, vor Liebe. Erschrecken Sie nicht, es läßt sich lesen.« Ein wenig später teilte er wiederum Marie von Kleist mit, die sich mittlerweile auf das Leseabenteuer eingelassen hatte: »Unbeschreiblich rührend ist mir alles, was Sie mir über die Penthesilea schreiben. Es ist wahr, mein innerstes Wesen liegt darin, und Sie haben es wie eine Seherin aufgefaßt: der ganze Schmutz zugleich und Glanz meiner Seele.«

Von Juni bis Dezember 1808 arbeitete Heinrich von Kleist in Dresden an einem neuen Drama, der ›Hermannsschlacht‹, dem als Motto ein Distichon voransteht: »Wehe, mein Vaterland, dir! Die Leier, zum Ruhm dir, zu schlagen, / Ist, getreu dir im Schoß, mir, deinem Dichter, verwehrt.« Wie einst der Fürst der Cherusker Germanien von den Römern befreit hatte, so wollte Kleist auch das Deutschland der Gegenwart vom, wie er es empfand, Joch Napoleons erlöst sehen. Diese Absicht erkannten die Zeitgenossen rasch: Christian Gottfried Körner etwa schrieb seinem Sohn: »Kleist hat einen Hermann und Varus bearbeitet, und es ist das Werk schon vorgelesen worden. Sonderbarerweise aber hat es Bezug auf die jetzigen Zeitverhältnisse und kann daher nicht gedruckt werden.« Kleist aber erhoffte sich von diesem Stück einen großen Erfolg auf dem Theater, wenn auch nicht auf deutschen Bühnen. So schickte er es mit Datum von Neujahr 1809 an Heinrich Joseph von Collin nach Wien, damit dieser es »gefälligst der K. K. Theaterdirektion zu Aufführung« vorschlagen sollte. Knapp zwei Monate später erbat er es zurück; in einem Brief vom 22. Februar nannte er Collin den Grund dafür, daß nämlich die ›Hermannsschlacht‹ »mehr, als irgend ein anderes, für den Augenblick berechnet war, und ich fast wünschen muß, es ganz und gar wieder zurückzunehmen, wenn die Verhältnisse, wie leicht möglich ist, nicht gestatten sollten, es im Laufe dieser Zeit auszuführen.« Zur Uraufführung kam Kleists Drama erst Jahre später, am 18. Oktober 1860 in Breslau.

»Können Sie mir, lieber Freund, sagen, wann ich das Honorar empfangen kann? Und ob ich es gleich empfangen kann, welches mir allerdings das liebste wäre? Schicken Sie mir so viel, oder so wenig, als Sie wollen, es soll mir alles recht sein«, schrieb Heinrich von Kleist am 15. August 1810 an den »dicken, guten, alle Jahr einmal verrückten« Berliner Buchhändler Johann Daniel Sander. Kleists 1806 gefaßter Plan, sich künftig allein von seinen schriftstellerischen Einkünften zu ernähren, ging eher schlecht als recht auf, auch war das kleine Familienvermögen, über das Kleist verfügte, längst aufgezehrt. Am 12. August hatte er das Manuskript des ›Käthchen von Heilbronn‹ seinem Verleger Georg Andreas Reimer selbstbewußt fordernd angeboten: »Hier erfolgt das Käthchen von Heilbronn,. ich wünsche 1) zu Montag früh Bescheid, 2) hübschen Druck und daß es auf die Messe kömmt«; dem folgte etwas kleinlauter: »3) Honorar überlasse ich Ihnen, wenn es nur gleich gezahlt wird.« Am 13. August setzte er bittend nach: »Geben Sie, was Sie wollen, ich bin mit allem zufrieden, nur geben Sie es gleich.« Ein erster Vorschuß wurde am 16. August gezahlt, am 4. September geriet der Ton schließlich flehentlich: »Mein lieber Freund Reimer, Ich bitte um Geld, wenn Sie es entbehren können; denn meine Kasse ist leer.« Kleist erhielt einen zweiten Vorschuß; mit Saldo vom 6. Oktober insgesamt 75 Taler. Zur Messe Ende September 1810 erschien der erste Druck des »Käthchen von Heilbronn«.

Unter dem Titel ›Die Schlacht von Fehrbellin‹ gelangte Heinrich von Kleists letztes Drama ›Prinz Friedrich von Homburg‹ am 3. Oktober 1821 am Wiener Burgtheater endlich zur Erstaufführung. Enthusiastisch hatte Kleist seiner Halbschwester Ulrike schon im März 1810 davon berichtet, daß sein neues Stück »auf die Nationalbühne kommen, und, wenn es gedruckt ist, der Königin übergeben werden« solle. Luise Königin von Preußen starb wenig später, die Arbeit am ›Homburg‹ stockte, überlagert von den erbitterten Auseinandersetzungen um die ›Berliner Abendblätter«. Im Sommer 1811 aber nahm Kleist den Plan wieder auf und führte ihn aus; diesmal richtete sich die Widmung an Prinzessin Wilhelm von Preußen, mithin eine geborene Prinzessin von Hessen-Homburg. Ende Juni 1811 bot er Reimer das Schauspiel zum Druck an. Aber die ideelle und materielle Anerkennung, sein Werk, das »vaterländische (mit mancherlei Beziehungen)«, gedruckt zu sehen, erfuhr Kleist zu Lebzeiten nicht mehr. Mißtrauen und Empörung schlugen ihm statt des erhofften Beifalls entgegen. 1821 erschien der Erstdruck im Rahmen der von Ludwig Tieck veranstalteten Werkausgabe, zehn Jahre nach Kleists Tod. Eine Einzelausgabe des Stücks wurde 1822 gedruckt, ebenfalls unter dem Titel, den das Stück in der Wiener Erstaufführung getragen hatte. Vielleicht versprach man sich dadurch einen größeren Verkaufserfolg, daß das große militärische Ereignis, das den Handlungshintergrund des Stücks bildet, statt des seltsam zögernd-traumsicheren Protagonisten ins Zentrum gerückt wurde. Die Schlacht nämlich war eine für die brandenburgisch-preußische Geschichte entscheidende gewesen: Seit 1672 hatte Brandenburg im Krieg mit Schweden gelegen. Es war eine Auseinandersetzung, die bis 1679 andauerte. Schweden kämpfte an der Seite von Frankreich und England gegen die ihrerseits verbündeten Länder Spanien, Österreich, Holland und Brandenburg. Die Schlacht von Fehrbellin am 18. Juni 1675, bei der sich Schweden und Brandenburg gegenüberstanden, endete mit dem Sieg für Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Seit diesem Sieg nannte man ihn den ›Großen Kurfürsten‹. Auf Seite 94 des Erstdrucks des ›Prinz Friedrich von Homburg‹ aus dem besitz Karl Varnhagen von Enses findet sich eine eigenhändige Anmerkung zu den Versen 1593 bis 1602, die Teil der Rede sind, die der Obrist Kottwitz vom Regiment der Prinzessin von Oranien an Friedrich Wilhelm Kurfürst von Brandenburg richtet. Hier nimmt das Drama seine Wendung – Prinz Friedrich von Homburg hatte ohne fürstliche Order die schwedischen Truppen angegriffen und in der Schlacht von Fehrbellin den Sieg für Brandenburg herbeigeführt; der Kurfürst aber hält am Gesetz fest, läßt den eigenmächtigen Prinzen gefangen nehmen und verurteilt ihn zum Tode. Einer Bittschrift des Heeres‚ überbracht und erläutert durch den Obristen Kottwitz, gelingt es allerdings, den Kurfürsten seine Entscheidung überdenken zu lassen. Der Kurfürst resigniert:  »Mit dir, du alter, wunderlicher Herr, / Werd ich nicht fertig!« – der Prinz, der »sinnverwirrte Träumer«, solle selbst entscheiden, welche Konsequenz seinem Verhalten angemessen ist. Der nun stellt sich auf die Seite von Ordnung und Gesetz, sieht die ihm zugedachte Strafe als die richtige an – und gibt damit dem Kurfürsten die Möglichkeit an die Hand, ihn zu begnadigen, eben weil er den freien Entschluß gefaßt hat, das geltende Gesetz anzuerkennen. Varnhagen befand in der erwähnten Notiz: »Schön! Das Märkische zur Antike gemacht!«

Heinrich von Kleists hochfliegende Pläne bezüglich der Zeitschrift ›Phöbus‹ endeten bald in Verdruß und Konkurs. Sein größtes publizistisches Projekt waren zweifelsohne die ›Berliner Abendblätter‹. Die erste Nummer erschien am 1. Oktober 1810. Erstmals gab es allabendlich eine Zeitung, und erstmals wurden, mit Genehmigung des Polizeipräsidenten Carl Justus Gruner, ausgewählte Neuigkeiten aus den Polizeiberichten abgedruckt. Das Unternehmen versprach ein Erfolg zu werden, rückte aber rasch ins Visier der Zensur. Eine Akte des Staatskanzleramts versammelt Aushänger der ›Abendblätter‹, in denen rote Anstreichungen auf die inkriminierten Passagen verweisen, und Teile der Korrespondenz, so auch ein Schreiben Heinrich von Kleists an August Friedrich Ferdinand Graf von der Goltz vom 15. Dezember 1810. Hier heißt es: »Hochgeborner Graf, Hochgebietender Herr Staatsminister, Ew. Exzellenz haben dem Präsidenten der Polizei, Hr. Gruner, aufgegeben, die Aufnahme politischer Artikel in den Abendblättern nicht zuzulassen. Da Hr. v. Raumer willens ist, in diesem Journal mehrere Fragen, die Maßregeln Sr. Exzellenz des Hr. Staatskanzlers anbetreffend, zu beantworten und zu erörtern, und demselben daher ein möglichst großer Wirkungskreis, wozu obiger Artikel nicht wenig beiträgt, zu wünschen ist: so unterstehe ich mich, Ew. Exzellenz untertänigst um die Aufhebung besagter obigen höchsten Anordnung zu ersuchen. Ew. Exzellenz bitte ich gehorsamst das Versprechen anzunehmen, daß ich selbst, mit der größten Gewissenhaftigkeit, über die politische Unschädlichkeit dieses Artikels wachen werde. Und indem ich mir vorbehalte, Ew. Exzellenz Gnade, die Abendblätter anbetreffend, noch in mehreren anderen Punkten, in einer persönlichen untertänigen Aufwartung in Anspruch zu nehmen, habe ich, in unbegrenzter Hochachtung, die Ehre zu sein, Ew. Exzellenz untertänigster H. v. Kleist. Berlin, den 15. Dez. 1810 Mauerstraße Nr. 53«

Der auf beiden Seiten schonungslos und erbittert geführte Kampf um die ›Berliner Abendblätter‹ hat Heinrich von Kleist im Wortsinn zugrunde gerichtet. Die Parteien schenkten sich nichts – weder der Herausgeber, Redakteur und Hauptbeiträger der ›Abendblätter‹, Heinrich von Kleist, noch die preußische Zensur, vertreten namentlich durch Karl August Fürst von Hardenberg, preußischer Staatskanzler, und Friedrich von Raumer, preußischer Regierungsrat. Rudolf Köpke hat den Verlauf der Streitigkeiten und die damit in Zusammenhang stehende Korrespondenz in Notizen zusammengefaßt. Charakteristisch für die hochemotionale Atmosphäre, in der gestritten wurde, ist der Brief des echauffierten Kleist an Friedrich von Raumer vom 21. Februar 1811, den er zugleich in einer Abschrift an den Staatskanzler schickte: »Ew. Hochwohlgeboren habe ich die Ehre anzuzeigen, daß ich die Zugrundrichtung des Abendblatts ganz allein Ihrem Einfluß, und der Empfindlichkeit über die Verachtung zuschreibe, mit welcher ich, bei unsrer ersten Zusammenkunft, Ihr Anerbieten, Geld für die Verteidigung der Maßregeln Sr. Exzellenz anzunehmen, ausgeschlagen habe. Es ist kein Grund mehr für mich vorhanden, meinen Unwillen über die unglaubliche und unverantwortliche Behandlung, die mir widerfahren ist, zurückzuhalten; und indem ich Ew. Hochwohlgeboren anzeige, daß wenn Dieselben nicht Gelegenheit nehmen, Sr. Exzellenz, noch vor Aufhören des Blattes, welches in diesen Tagen erfolgen soll, von der Gerechtigkeit meiner Entschädigungsforderung zu überzeugen, ich die ganze Geschichte des Abendblatts im Ausland drucken lassen werde, habe ich die Ehre zu sein, Ew. Hochwohlgeb. ergebenster H. v. Kleist.« Raumer antwortete am selben Tag, zynisch-kühl und siegesgewiß: »1) Warum die Abendblätter zugrunde gehen, zeigt ihr Inhalt. 2) Meine geringe Empfindlichkeit beweise ich Ihnen dadurch, daß ich die Wiederholung Ihres großen Irrtums über das Geldanerbieten ruhig ertrage, nachdem Sie selbst jenen Irrtum erkannt und mit der Höflichkeit zurückgenommen haben, welche Ihre jetzige Stimmung Ihnen leider nicht zu erlauben scheint. 3) Für oder wider das Abendblatt habe ich keine Veranlassung mit Sr. Exzellenz zu sprechen, da die Sache hinlänglich besprochen ist, ich werde Ihnen auch Ihr Unrecht nicht nochmals schriftlich auseinandersetzen, weil ich meine Zeit besser benutzen kann. 4) Drucken mögen Sie lassen, was Sie verantworten können.«

Am 19. September 1811 richtete der in seiner Verzweiflung paradoxerweise scheinbar zur Ruhe gekommene Heinrich von Kleist ein letztes Schreiben an Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg. Er wollte den Streit um die ›Abendblätter‹ in der gegenwärtigen Situation – Kleist war überzeugt, daß ein erneuter Krieg Preußens gegen Frankreich unmittelbar bevorstünde – weder in Erinnerung rufen noch erneut entfachen, sondern ihn um etwas anderes bitten: Kleist nämlich hatte sich beim König um eine Wiederanstellung beim Militär beworben: »Da jedoch Sr. Majestät der König geruht haben, mich, durch ein soeben empfangenes allerhöchstes Schreiben, im Militär anzustellen, und mir, bei der beträchtlichen Unordnung, in welche, durch eben jenen Verlust des Abendblatts, meine Kasse geraten ist, die Anschaffung einer Equipage höchst schwierig wird: so wage ich, im Vertrauen auf Ew. Exzellenz vielfach erprobten Patriotismus, Höchstdieselben um einen Vorschuß von 20 Louisdor, für welche ich Denenselben persönlich verantwortlich bleibe, anzugehn. Die Gewährung dieser Bitte wird mir die meinem Herzen äußerst wohltuende Beruhigung geben, daß Ew. Exzellenz Brust weiter von keinem Groll gegen mich erfüllt ist; und indem ich Ew. Exzellenz die Versicherung anzunehmen bitte, daß ich unmittelbar nach Beendigung des Krieges, Anstalten treffen werde, Höchstdenenselben diese Ehrenschuld, unter dem Vorbehalt meiner ewigen und unauslöschlichen Dankbarkeit, wieder zuzustellen, ersterbe ich, Ew. Exzellenz untertänigster H. v. Kleist. Berlin, den 19. Sept. 1811 Mauerstraße Nr. 53«. Hardenberg scheint diesen Brief weder beantwortet noch die Bearbeitung des Anliegens veranlaßt zu haben. Makaber mutet die kühle Notiz Hardenbergs vom 22. November 1811 an, die er auf den Brief Kleists schrieb: »H. v. Kleist bittet um ein Privatdarlehen von 20 St. Fr.or. Zu den Akten, da der p. v. Kleist 21.11.11 nicht mehr lebt.«

 

 
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