Großbritannien, europäischer Außenseiter und Weltherrscher

Die Neuzeit war in Mitteleuropa zunächst von der Auseinandersetzung zwischen den Konfessionen geprägt und die gipfelte im Dreißigjährigen Krieg. Ein Jahr nach dessen Ende wurde am 30. Januar 1649 der englische König geköpft. Auf der Insel entstand eine Parlamentsrepublik, aus der sich in den folgenden Jahrhunderten eine stabile Demokratie entwickeln sollte. Der Weg Englands und der übrigen britischen Völker Weg dorthin zeigt - neben inseltypischen Eigenheiten - wie in einer Miniatur wesentliche Elemente der europäischen Geschichte. Sie soll Ihnen darum in einem langen Atemzug erzählt werden:

Als Großbritannien (englisch: Great Britain) wird die Insel zwischen der Nord- und der Irischen See bezeichnet, seit England, Wales und Schottland im Jahre 1707 vereint wurden. So konnte man sie auch sprachlich von der französischen Bretagne unterscheiden, die zuvor ebenso Britannien hieß. Zu den Britischen Inseln (englisch: British Isles) gehören auch Irland und hunderte kleinerer Eilande zwischen Nordsee und Atlantik. Bildungsblitz 

Wie im übrigen Europa auch, sind die Kelten auf der Insel das erste Volk, das namentlich bezeichnet wird. Die Gesellschaften der vorherigen Stein-, Kupfer- und Bronzezeit - die um 3000 v. Chr. auch das berühmte Steinbauwerk von Stonehenge schufen - werden als Kulturen (also nicht als Völker) bezeichnet. So stehen die Kelten in Europa zwischen 900 und 500 v. Chr. für den Übergang von der Vorgeschichte zur Geschichte. Sie verarbeiteten Eisen, das nicht nur härter als Bronze ist, sondern auch viel häufiger als Kupfer und Zinn, die Zutaten der Bronze, vorkommt. Leider verrosten Schwerter und Pflüge aus Eisen schnell und sind darum in den Museen viel seltener als ihre beständigen Vorgänger aus Bronze zu sehen.
Um die Zeitenwende bekamen die britischen Kelten Besuch von den Römern (zuerst 55 v. Chr. durch die Armee Gaius Julius Cäsars) und wurden schließlich Provinz des Römischen Reiches. Die Römer verbesserten die Infrastruktur, verbreiteten die lateinische Sprache und brachten ab dem 2. Jahrhundert auch das Christentum mit. Wie stark die Durchmischung der keltischen und römischen Bevölkerung war, als die Römer ab dem 4. Jahrhundert wieder abziehen mussten, ist nicht bekannt.
Ab dem 3. Jahrhundert erreichten aus dem heutigen Schleswig-Holstein Angelsachsen und Jüten das südliche Britannien. Im Rahmen der germanischen Völkerwanderung kamen sie als kriegerische Eroberer. Teilweise wurden sie aber auch von der keltisch-römischen Bevölkerung zur Verteidigung gegen Stämme gerufen, die aus dem schottischen Norden in den südlichen Teil der Insel drängten. Die Germanen brachten ihre Sprache mit, welche die Grundlage für das Altenglische bildete.
Bis zum 8. Jahrhundert verdrängten die Angelsachsen die ansässige Bevölkerung bis auf Wales, Teile des Südwestens und Schottlands, wo wie in Irland die keltische Kultur und Sprache teilweise bewahrt wurde. Von dort aus erfolgte dann aber als iro-schottische Mission die Christianisierung der Angelsachsen. Auch in diesem Fall ist wenig bekannt (und historisch wenig bedeutend), in welchem Ausmaß sich die keltisch-römische und die angelsächsische Bevölkerung durchmischt haben.
Die einzelnen Territorien der Angeln, Sachsen und Jüten wurden von König Egbert (770 - 839), dem Begründer der Wessex-Dynastie, zu einem Königreich geeint, das sich zunächst heftiger Angriffe dänischer Wikinger ausgesetzt sah. Die Eindringlinge siedelten schließlich im Osten der Insel und auch sie beeinflussten die Entwicklung der englischen Sprache. Vor allem aber führte die über 200 Jahre dauernde Auseinandersetzung mit den aggressiven Migranten von der anderen Seite der Nordsee zur Festigung des neuen Königreiches, das man ab dem 10. Jahrhundert England nannte. Bis ins 11. Jahrhundert regierten angelsächsische und dänische Könige.
Skandinavische Stämme waren im 9. Jahrhundert auch in das nordwestliche Frankenreich eingedrungen, hatten ein eigenes Herzogtum - die Normandie - begründet und die fränkisch-römische Sprache übernommen. Bildungsblitz  
Als die Normannen 1066 unter Wilhelm II. (William the Conquerer) England eroberten, brachten sie die französische Sprache mit, die ihrerseits keltische, lateinische und germanisch-fränkische Wurzeln hat. Die Sprache der neuen normannischen Oberschicht vermischte sich nun langsam mit der angelsächsischen (die ja schon zuvor durch die skandinavischen Siedler erheblich beeinflusst worden war). Damit hatte die englische Sprache ihre wesentlichen Zuflüsse erhalten. Bildungsblitz 

Den Nachfahren Williams folgte im 12. Jahrhundert die angevinische Dynastie, die auch über Teile Frankreichs und Spaniens herrschte und deren berühmtester König Richard I. Löwenherz beim dritten Kreuzzug (1190 - 1192) in die Gefangenschaft des römisch-deutschen Kaisers geriet. Bis 1485 stritten die französisch-normannischen Adeligen um die Krone Englands und dieser Rosenkrieg zwischen den Lancasters und den Yorks heißt so, weil beide Königsfamilien eine Rose im Wappen trugen. Die nun folgenden Könige des Hauses Tudor waren zwar auch mit dem normannischen Adel verwandt, stammten aber aus Wales. Sie brachten zwei Herrscher mit Weltbedeutung hervor: Heinrich VIII. (regierte von 1509 bis 1547) und Elisabeth I. (regierte von 1558 bis 1603). Heinrich war ein Scheusal, der zwei seiner sechs Ehefrauen aus Eifersucht hinrichten ließ. Weil der Papst sich weigerte, eine seiner Ehen zu scheiden, sagte Heinrich England von der katholischen Kirche los und machte sich selbst 1534 zum Oberhaupt der neu gegründeten Anglikanischen Kirche.
Auch Elisabeth war nicht zart besaitet, ließ sie doch im Jahr 1587 Maria Stuart, die Königin von Schottland, köpfen, die angeblich ihrerseits Mordpläne schmiedete. Elisabeths Bedeutung für die Weltgeschichte rührt aber vom Widerstand ihrer Flotte gegen die spanische Armada im Jahr 1588 her. König Phillip II. (er ist der Sohn von Luthers Gegenspieler Kaiser Karl V.) hatte die Schiffe geschickt, um England für die katholische Kirche zurückzugewinnen. Die Invasion scheiterte an starken Stürmen und einer unzureichenden Startegie. Nach diesem Misserfolg blieb Spanien zwar eine bedeutende Seemacht, aber nun begann die lange Phase der englischen Vormachtstellung auf den Weltmeeren.

In Elisabeths Regierungszeit fällt die Geburt William Shakespeares (1564 - 1616). Neben seinen Sonetten - Gedichte deren Verse bestimmten formalen Regeln folgen - überstrahlt die Berühmtheit seiner Dramen alle anderen Theaterstücke der Weltliteratur. Aus dem Hamlet, der Geschichte vom Sohn des ermordeten dänischen Königs, stammt der vielleicht am häufigsten zitierte Satz der Schreibkunst: „To be, or not to be: That is the question. (Sein oder Nichtsein, das ist die Frage.)“ Die Tragödie von Romeo und Julia (Romeo and Juliet), den Liebenden, die nur im Tod zusammenfinden können, weil sie verfeindeten Familien angehören, wurde bald nach ihrer Erstaufführung 1597 zum Inbegriff der Liebesgeschichte und zur Blaupause zahlloser trauriger Romanzen in allen Gattungen der Kunst. Warum tritt Shakespeare auf der Bühne der Schreibkunst vor die Anderen? Er schuf das höchste Produkt der beiden Faktoren, in denen sich großartige von nicht so erhebender Literatur unterscheidet: Unvergessliche Geschichten (für die auch Shakespeare oft Vorlagen nutzte) und eine brillante und beispielhafte Sprache (mit der er half, das Frühneuenglische zum Modern English zu machen, das nun auf englischen Segelschiffen den Globus eroberte).

Im Unterschied zum Heiligen Römischen Reich, wo sich die Kurfürsten zusammenschlossen, um in ihren Territorien möglichst unbehelligt vom Kaiser zu regieren, gab es in England schon seit dem 13. Jahrhundert ein aristokratisches Parlament. Die Adeligen erhoben darin den Anspruch, für das Königreich als Ganzes Mitverantwortung zu tragen und hatten sich in der Magna Carta von 1215 grundlegende Freiheiten gegenüber dem König zusichern lassen. Als Mutter der parlamentarischen Demokratie gilt England aber nicht wegen dieser elitären Versammlung, sondern wegen des zweiten Teiles des Parlamentes: Die Wurzeln des Unterhauses (House of Common, Haus der „Gewöhnlichen“) liegen im 14. Jahrhundert. Zwar waren während des Mittelalters und der frühen Neuzeit in dieser Versammlung nur Vertreter der Städte, Gutsbesitzer und reiche Kaufleute vertreten, aber während im französischen Absolutismus die Adeligen zu höfischen Statisten des Königs degradiert wurden und das Parlament seinen Einfluss verlor, entwickelte sich das Unterhaus in England im 17. Jahrhundert zu einer selbstbewussten Vertretung des Volkes. Und während in Deutschland der Dreißigjährige Krieg tobte, emanzipierte sich in England das Parlament mit zwei Motiven: Steuern sollten grundsätzlich durch das Parlament bewilligt werden und die Wiederannäherung an die katholische Kirche wurde abgelehnt. Viele Abgeordnete beriefen sich auf den schweizer Reformator Johannes Calvin (1509 - 1564). Sie hießen Puritaner, weil sie im Gottesdienst auf allen zeremoniellen Schmuck verzichteten.
Unter seinem militärischen Anführer Oliver Cromwell siegte das Parlament im Englischen Bürgerkrieg über die Monarchisten  und König Charles I. wurde 1649 öffentlich hingerichtet.
Zunächst führte - wie 120 Jahre später auch in Frankreich - diese Revolte in die Diktatur und zur Wiedereinführung der Monarchie. Aber während der Glorious Revolution von 1689 übertrug das Parlament die Königswürde dem Niederländer Wilhelm von Oranien (dem Schwiegersohn des alten Königs), und dieser unterzeichnete die Bill of Rights, in denen die Unabhängigkeit des Parlaments vom König und die Sicherheit vor Strafverfolgung seiner Abgeordneten (Immunität) festgeschrieben wurde. Die Theorie dazu stammt von dem Philosophen John Locke (1632 - 1704), der die vom Souverän, dem Volk, ausgehende Gewalt an zwei Institutionen weitergibt: Das Parlament, die Legislative, beschließt Gesetze und die Exekutive, Regierung und König, führen das Land.
Damit war zwar die Grundlage für ein modernes Parlament gelegt, aber das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen wurde in England erst 1918 eingeführt, also lange nach den USA, wo mit der Verfassung von 1787 das Wahlrecht galt (aber die Afroamerikaner ausgeschlossen waren) und sogar später als in Deutschland, wo Männer seit 1867 wählen durften (aber das Parlament weitgehend machtlos war). 

 
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