Nach dem Krieg

Im Zweiten Weltkrieg starben weit mehr als 50 Millionen Menschen. Anders als nach dem Ersten Weltkrieg (dessen Kriegsschulddebatte bis heute nicht völlig verstummt ist) wurde diesmal nicht darüber diskutiert, wer an diesem Inferno schuld war. Auf den ersten Blick wurde Deutschland viel härter bestraft als1918: Das Land wurde besetzt und in vier Sektoren geteilt, seine Anführer abgeurteilt und teilweise hingerichtet. Die Bevölkerung wurde einer großen Umerziehungsaktion der Entnazifizierung unterzogen.

In Wahrheit aber hatte nur der kleinere Bevölkerungsteil unter den Kriegsfolgen schwer zu leiden. Der Osten Deutschlands kam als Sowjetische Besatzungszone (SBZ) unter die Knute des zweiten großen Massenmörders der Weltgeschichte, Josef Stalin. Anders im Westen: Während der Versailler Vertrag das Potential hatte, die Deutschen wirtschaftlich zu Boden zu drücken, half man ihnen nach 1945, in Westdeutschland einen blühenden Industriestaat zu schaffen. Das Wiederaufbauprogramm des amerikanischen Außenministers Georg Marshall für Europa (Marshallplan) versorgte Westdeutschland mit Krediten und Rohstofflieferungen. Die Amerikaner hatten die übrigen Westalliierten davon überzeugt, ihre drei Zonen zu vereinigen und schließlich die Gründung der Bundesrepublik Deutschland (1949) zu erlauben.
Als es der jungen Republik unter ihrem Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876 - 967) gelang, der Montanunion, einer Vorläuferin der Europäischen Union, und 1955 dem Nordatlantischen Verteidigungsbündnis (NATO) beizutreten, hatte sie sich endgültig in den westlichen Kulturkreis eingebunden. Der Marshallplan (1947) und die Einführung der D-Mark (1948) fielen in dem weitgehend zerstörten Westdeutschland, wo nun neue und moderne Maschinen angeschafft wurden, auf fruchtbaren Boden.
Für das später so bezeichnete Wirtschaftswunder der fünfziger und sechziger Jahre spielte aber die umsichtige Einführung der sozialen Marktwirtschaft unter dem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (Minister von 1949 bis 1963) und die Integration in den westlichen Wirtschaftsraum eine ebenbürtige Rolle. Während die Bundesrepublik also wirtschaftlich aufblühte, vermieden es die meisten Deutschen zunächst, sich politisch mit den Ursachen des Nationalsozialismus und ihrer Schuld auseinanderzusetzen. So erhielten viele ehemalige Funktionsträger des Nazi-Regimes nach dem Krieg wieder hohe Staatsämter. Für die Behauptung, der Beamtenapparat der jungen Bundesrepublik sei mit faschistischen Tätern durchsetzt gewesen, sprechen Beispiele wie das des Hans Globke (1889 - 1973), der unter Konrad Adenauer Staatssekretär im Bundeskanzleramt werden konnte, obwohl er 1935 wesentlich an der Erstellung der Nürnberger Rassegesetze mitgearbeitet hatte. Bildungsblitz 

In den Medien, sowie an den Schulen, wurde zunächst nicht gründlich über Deutschlands unmittelbare Vergangenheit diskutiert. Erst 1968, als die Kinder von 500.000 SS-Angehörigen, 7,5 Millionen NSDAP-Mitgliedern und 17 Millionen Wehrmachtssoldaten (die dem Führer unbedingten Gehorsam geschworen hatten) auf den Universitäten ankamen, bebte die Bundesrepublik unter dem Aufbegehren der Nachgeborenen. Die jungen Leute legten den Finger in die Wunden von faschistischer Mittäterschaft und Schuld - und stellten gleichzeitig noch die gesamte bürgerliche Gesellschaft in Frage.
Als Willy Brand (1913 - 1992), der ehemalige antifaschistische Widerstandskämpfer, 1970 als Bundeskanzler vor dem Denkmal für das jüdische Ghetto in Warschau auf die Knie sank und anschließend mit über 45 Prozent ein historisch einmaliges Wahlergebnis für die Sozialdemokratie erhielt, war die politische Katharsis zu einem guten Teil vollzogen. Bildungsblitz 

Letztlich musste Deutschland 44 Jahre warten, innere Kämpfe austragen, seine Friedfertigkeit und Demokratiefähigkeit beweisen, bis ihm 1989 weltpolitische Ereignisse die Möglichkeit eröffneten, seine Teilung zu überwinden und als Ganzes in die Völkergemeinschaft zurückzukehren.
In den vorhergehenden Jahrzenten war den Menschen in Ostdeutschland die individuelle Freiheit und der historisch einmalige Wohlstand des Westens vorenthalten geblieben. Die ostdeutsche SBZ geriet genauso wie Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien unter den direkten Einfluss der Sowjetunion. Rumänien, Deutschlands ehemaliger Verbündeter, hatte 1944 die Seite gewechselt. Die übrigen Staaten wurden zunächst durch die Rote Armee befreit und anschließend besetzt. Stalin sorgte mit harter Hand dafür, dass sich in den, später „Satellitenstaaten“ genannten, Ländern die Kommunisten durchsetzen und Moskau-treue Regime etablierten. Viele Gegner der stalinistischen Herrschaft wurden ermordet. In Ungarn wurden 1947 demokratische Wahlen ignoriert, bei denen die Kommunisten nur 22 Prozent der Stimmen erhalten hatten.

 
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