Renaissance und Humanismus, die Schwelle zur Neuzeit

David von Michelangelo. Quelle: Rico Heil, wikipedia.org/wiki/David_(Michelangelo)

In der langen Vorgeschichte der europäischen Aufklärung ist das Jahr 1453 ein wichtiges Datum. Die Türken, die sich seit dem Begründer ihrer Fürstendynastie Osman I. im 14. Jahrhundert Osmanen nannten, eroberten Konstantinopel und beendeten damit das tausendjährige byzantinisch-oströmische Reich.
Da die Türken nun den Landweg nach Indien beherrschten, suchten Portugiesen und Spanier nach einem neuen Seeweg. Dabei entdeckte Christoph Kolumbus 1492 den amerikanischen Kontinent. Da Norditalien zuvor durch seine strategische Lage als Tor zum Orient das wichtigste Handelszentrum war und sich hier das Bankwesen entwickelte, konnten die reichen Bürger der Städte Florenz, Venedig, Mailand und Rom Wissenschaftler und Künstler ansiedeln. Viele der griechisch-sprechenden Gelehrten flohen vor den Türken aus Konstantinopel hierher und brachten ihre Kenntnis der griechisch-römischen Antike mit.

In der Mitte des 15. Jahrhunderts begann eine Epoche, welche neben bedeutenden Bauwerken und technischen Erfindungen die vielleicht schönsten und berühmtesten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte hervorbrachte: Die Renaissance. Der Begriff ist eine Mixtur aus Italienisch und Französisch und wird mit Wiedergeburt übersetzt, womit eine Rückkehr der in den vorhergehenden Jahrhunderten vergessenen antiken Kultur gemeint ist. Die Vorstellung, nach der Europa im Mittelalter in völliger geistiger Dunkelheit gelegen habe, ist allerdings falsch. Vor allem die Scholastiker - z.B. der Dominikanermönch und Philosoph Meister Eckhard (1260 - 1328) - hatten das Denken der antiken Philosophen bewahrt, und so auch die Diskursschule des Aristoteles weiterentwickelt.
Vor allem ein Blick auf die Malerei der Renaissance zeigt aber, dass mit ihr durch die Vielfalt der Formsprache und Farbigkeit, sowie das vollendete technische Können vieler Künstler etwas völlig Neues entstanden war, das alles Vorherige an Qualität übertraf. So gelingt durch die Anordnung von Linien, die auf einen Fluchtpunkt zulaufen (Zentralperspektive), erstmals eine räumlichen Darstellung, die das menschliche Auge als natürlich akzeptiert.

Zwei Namen überragen die übrigen Renaissancekünstler. Michelangelo Buonarroti (1475 - 1564) schuf mit seinem David (er steht in Florenz) eine Skulptur, die nicht nur durch anatomische Exaktheit imponiert. Vielmehr erkennt man in dem jungen Mann mit der Steinschleuder, der scheinbar lockeren Muskulatur und dem gewinnenden Blick, die Gewissheit des unmittelbar bevorstehenden Sieges über Goliath. Der Betrachter erahnt den fliegenden Stein und wähnt ihn schon am Kopf des Riesen. Michelangelo gelingt es so, in einer statisch-steinernen Figur eine ganze Geschichte zu erzählen. Später bemalte er im Vatikan noch die Sixtinische Kapelle, in der er Gott Adam erschaffen lässt. Der Moment, in dem sich Gottes Hand und die des ersten Menschen begegnen, ziert heute Millionen von Postkarten und kitschige Kopien in allen Abbildungsformen.
Michelangelo machte sich mit diesen Werken genauso unsterblich wie Leonardo da Vinci (1452 - 1519), der mit der Mona Lisa unzweifelhaft das berühmteste Gemälde der Welt schuf. Seine kaum weniger bekannte anatomische Studie, der „vitruvianische Mensch“, verdeutlicht, welches neue Menschenbild in der Mitte des letzten Jahrtausends entstand: Ein nackter Mann, in zweierlei Körperhaltung und darum aktiv wirkend, im Zentrum eines Kreises. Der Mensch selber, ohne Schmuck und Krone, steht im Mittelpunkt.

Unauflösbar mit der Renaissance verwoben ist die geistige Strömung des Humanismus, dessen Schwerpunkt im ausgehenden 15. Jahrhundert zunächst ebenso in Norditalien lag. Auch der Humanismus stellte den Menschen in den Mittelpunkt und bezog sich auf die Antike. Die Humanisten verstanden sich als Wegbereiter einer umfassenden Bildung, wobei für sie die Sprache ganz im Mittelpunkt stand. Der Humanist Erasmus von Rotterdam (1465 - 1536) übersetzte das biblische Neue Testament vom Griechischen ins Lateinische und schuf so die Grundlage für Martin Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche.
Die Verbreitung des Buchdruckes, der als maschinelle Technik mit beweglichen Lettern um 1450 in Mainz von Johannes Gutenberg erfunden wurde, machte die massenhafte Verbreitung von Bildungsinhalten möglich. Es sollte aber noch bis 1593 dauern, bis im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken das erste Mal auf der Welt die allgemeine Schulpflicht eingeführt und damit etwas dafür unternommen wurde, dass die Menschen auch lesen konnten. Renaissance, Reformation und Humanismus als geistige Strömungen sowie der Buchdruck und die Entdeckung Amerikas als eher technische Leistungen lassen den Zeitraum um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert als eine Art Morgendämmerung erscheinen. So gehen das Mittelalter und die Neuzeit ineinander über und sind nicht durch eine scharfe Kante getrennt. Bildungsblitz 

 
Hier einloggen oder registrieren, um einen Kommentar zu verfassen.