Der Gregorianische Kalender

Das Tafelwerk der Neuzeit

Am Frühlingspunkt schneiden sich Himmeläquator und Ekliptik. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Ekliptik User: S.fonsi

Es ging um 11 Minuten. Kalendarisch und astronomisch gesehen.  Gregor XIII. (Pontifikat von 1572 bis 1585) führte im Jahr 1582 einen neuen Kalender ein, der später nach ihm benannt wurde und heute Tage, Monate und Jahre auf fast der gesamten Erdkugel ordnet. Wie sein antiker Vorgängerkalender nutzt auch der Gregorianische Kalender die dreihundert Millionen Kilometer durchmessende Riesenuhr aus Sonne und Erde als astronomische Basis.  Darum wird er zu den solaren Kalendern gezählt.

Papst Gregor hatte wohl vor allem geärgert, dass der Termin des Osterfestes im 16. Jahrhundert nicht mehr so recht zum Frühlingsbeginn passen wollte und berief  deshalb eine Kommission zur Reform des Kalenders. Dabei hatte Julius Cäsar schon 45 v. Chr. mit einem neuen - später nach ihm julianisch genannten - Kalender den Schalttag und die heute noch gültige Verteilung der Anzahl der Tage auf die Monate eingeführt. Schon ein spätantikes Schulkind konnte also mit Hilfe seiner Fingergrundglieder abzählen, aus wieviel Tagen ein Monat besteht.


Erde und Sonne scheren sich nicht um Jahre und Tage. Kalender ordnen und dokumentieren die von Menschen erfahrene und vorgestellte Zeit indem sie diese tabellarisch darstellen. Jeder solare Kalender hat zu berücksichtigen, dass die Zeitspanne einer irdischen Sonnenumrundung nicht ganzzahlig durch die Dauer einer Erdrotation (24 Stunden, ein Tag) zu teilen ist. Tatsächlich benötigt die Erde 365 Tage, 5 Stunden und knapp 49 Minuten für eine 360-Grad-Tour um die Sonne. Cäsar brachte von einem Ägyptenaufenthalt den vierjährlichen Schalttag mit. (Weil die Römer die mündlich angeordneten Kalenderreform missverstanden, wurde bis zum Jahr 5 n. Chr. unter Kaiser Augustus in jedem dritten anstatt in jedem vierten Jahr „geschaltet“.) Er justierte damit die mittlere Dauer des Kalenderjahres auf 365 Tage und sechs Stunden (dreimal 365 Tage im Wechsel mit einem Jahr aus 366 Tagen). Tatsächlich benötigt die Erde aber 11 Minuten weniger, um einmal vollständig um die Sonne zu ziehen. Das Kalenderjahr war also zur Zeit Gregors etwas länger als das astronomische Jahr.

Im Julianischen Kalender war Frühlingsbeginn auf den 21. März festgelegt worden. Nach gut anderthalb Millennien hatte die Überlänge des Kalenderjahres dazu geführt, dass der kalendarische Frühlingstermin gut 10 Tage nach der astronomisch beobachtbaren Tagundnachtgleiche, dem Äquinoktium lag. An diesem Frühlingspunkt (s. Abbildung) schneiden sich die scheinbare Bahn der Sonne am Himmel, die Ekliptik und der Himmelsäquator. Dieser entspricht einer Projektion des Erdäquators an die scheinbare Himmelskugel - also etwa wenn man in den Mittelpunkt einer gläsernen Erdkugel eine Glühlampe stellte

Das Osterproblem. In den biblischen Evangelien stirbt Jesus zur Zeit des Pessachfestes. Zu Ostern gedenken die Christen Jesu Tod (Karfreitag, zwei Tage vor dem eigentlichen Osterfest) und feiern seine Auferstehung (Ostersonntag). Das Pessachfest, welches an den israelitischen Auszug aus der ägyptischen Sklaverei erinnert, liegt im Monat Nisan des jüdischen Kalenders. Letzterer  besteht aus 12 Mondmonaten und wird als lunisolarer Kalender bezeichnet weil in 19 Jahren siebenmal ein Schaltmonat eingefügt werden muss, um die Dauer von Mond- und Sonnenlauf zu synchronisieren.

Am 14. Nisan, dem Tag vor dem Pessachfest, ist der erste Vollmondes im Frühling.  Daher wird das Osterfest seit dem von Kaiser Konstantin im Jahr 325 n. Chr. einberufenen Konsil von Nicäa immer am Sonntag  nach dem ersten Frühlingsvollmond gefeiert. Seit diesem frühen klerikalen Event haben Kirchenobere und Astronomen nach kalendarischen Methoden gesucht, mit deren Hilfe alle Christen am gleichen Tag Ostern feiern konnten. Außerdem sollte sich der Termin für Jahrhunderte im Voraus eindeutig berechnen und festlegen lassen.

Um den Tag des Frühlingsvollmondes für die Zukunft bestimmen zu können, benutzte man den Mondzyklus nachdem der Vollmond nach einer Periode von 19 Jahren des julianischen Kalenders wieder auf das gleichen Jahrestag fällt. Allerdings war dieser Zeitraum etwa 88 Minuten länger als 235 astronomische Monate. Zudem war das durchschnittliche julianische Jahr wie oben beschrieben etwa 11 Minuten länger als ein astronomische Sonnenjahr.

Das Werk der Reformer. Die beiden  - auf den ersten Blick geringen - Fehler der Mondmonats- und der Jahreslänge hatten dazu geführt, dass sich das Osterdatum zur Zeit Gregors nicht mehr zuverlässig vorhersagen ließ. 

Die vom Papst eingesetzten Kalenderreform-Kommision bestand aus weltlichen Wissenschaftlern aber auch aus Mönchen und dem Kardinal Guglielmo Sirleto (1514 - 1585).  als Vorsitzendem. Die Anwesenheit kirchlicher Würdenträger  hielt die Gruppe nicht davon ab, bei ihrer Arbeit auch das Hauptwerk des Astronomen Nikolaus Kopernikus De revolutionibus orbium coelestium von  1543 zu nutzen  - das Werk in dem das heliozentrische Weltbild beschrieben wird und welches bei seinem Erscheinen von Papst Pau III. als leeres Geschwätz einen mathematisch Unkundigen verspottet wurde.

Dem  Mathematiker und Jesuitenpater Christophorus Clavius (1538 - 1612) wird die mathematische Hauptarbeit zugeschrieben, wobei er die Vorschlägen des Mediziners und Astronomen Aloisius Lilius (1510 - 1576) aufgriff, der noch während der Reformarbeiten verstarb. Die Gelehrten justierten nicht nur die kompliziert zu berechnenden Osterdatumsvorhersagen neu. Indem sie die alte Schaltregel elegant modifizierten führten sie die Länge des neuen, nun gregorianischen, Kalenderjahres  erheblich näher an die astronomische Realität heran. Nach der neuen Vorschrift wird in jedem ersten Jahr eines neuen Jahrhunderts - mit Ausnahme der Jahre die man ganzzahlig durch 400 teilen kann - der Schalttag weggelassen und so die mittlere Jahreslänge auf  356 Tage 49 Minuten und 12 Sekunden verkürzt. Die Jahre 2000 und 2400 sind also Schaltjahre, die Jahre 2100, 2200 und 2300 werden dagegen keinen 29. Februar besitzen. Papst Gregor ordnete das Ganze  in der Bulle Inter gravissimas curas an. Im Jahr 1582 folgte auf Donnerstag den 4. Oktober Freitag der 15. Oktober wodurch die virtuelle Kalender-Welt und die wirkliche Sonne-Erde-Welt wieder weitgehend im Gleichtakt tanzten.

Nachdem auch die protestantischen Christen ihre anfänglichen Vorbehalte gegen die katholische Reform abgelegt hatten trat der Gregorianische Kalender seinen Siegeszug um die Welt an. In der Mitte des 18. Jahrhunderts hatten weite Teile des katholischen und evangelischen Europas, sowie die amerikanischen Kolonien das neue Kalendarium übernommen. 1873 trat das Kaiserreich Japan, 1922 die Sowjetunion und 1949 auch die Volksrepublik China der gregorianischen Zeitrechnungsgemeinschaft bei.
Die orthodoxen Kirchen in Russland, Serbien und Georgien begehen ihr Weihnachtsfest  am 25. Dezember des julianischen Kalenders der derzeit auf den 7. Januar des gregorianischen fällt.  Das Osterfest der orthodoxen Kirchen  wird meistens ein bis fünf Wochen später als von den übrigen Christen gefeiert weil erstere den Ostertermin nach dem julianischen Frühlingsanfang  sowie nach dem Vollmond im Mondzirkel berechnen.

Datumsangaben werden übrigens nach der DIN 8601 normiert, die ihrerseits auf dem Gregorianischen Kalender fußt. Die korrekte Angabe des Datums an dem dieser Beitrag geschrieben wurde lautet 2017-02-03.
Das astronomische Frühjahräquinoktium fällt in diesem Jahr kalendarisch auf den 20. März und an diesem Tag wird - im Bereich der mitteleuropäischen Zeit (MEZ) - auch noch bis zum Jahr 2048 der Frühling beginnen. In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts ist öfter am 19. März Frühlingsbeginn. Im 22. Jahrhundert wird wegen des im Jahr 2100 weggelassenen Schaltjahres der erste Frühlingstag wieder auf einem 21. März liegen - um dann im Laufe des Jahrhunders wieder gemächlich in Richtung des 19. März zu wandern.
Natürlich ist diese formale Verpackung der Zeit in Hüllen aus Monaten, Jahren und Tagen letztlich willkürlich. Kalender geben dem natürlichen Rhythmus von Erde und Sonne einen menschgemachten Takt, dem Sie nicht unterordnen sollten wie Sie die wirklichen Welt erfahren. Gehen Sie also nach draußen in die Frühlingsluft, auf eine duftende sommerliche Wiese, durch einen farbenprächtigen herbstlichen Laubwald und spüren Sie den knirschenden  Schnee unter Ihren Winterstiefeln. Mit anderen Worten: lassen Sie nicht zu, dass Ihre Jahreszeiten nur auf Kalenderblättern stattfinden.

 
Hier einloggen oder registrieren, um einen Kommentar zu verfassen.