Säugetiere

Die Kompaktsystematik unserer Klasse

Wolf (Canis lupus) im Tierpark Berlin. Ordnung: Carnivora, Fleischfresser. Foto: Bildungsexplosion


Prüfen Sie es bei Nachbarn, Freunden oder Verwandten: Fordert man Menschen auf, spontan eine Tierart zu nennen, wird fast jeder oder jedem zuerst ein Säugetier einfallen. Zoologen mag das verwundern, handelt es sich doch bei diesen säugenden, behaarten Schlaumeiern keineswegs um die älteste oder die artenreichste Tierklasse. Während die einschlägigen Verzeichnisse nur etwa 5400 rezente Säugetierarten kennen, zählen die Wissenschaftler mehr als 10.000 Vogelarten und vermuten, dass unsere Erde ein Vielfaches der bisher bekannten etwa eine Millionen Insektenarten beheimatet Bildungsblitz.

Dennoch - Aquaristen, Terrarium- und Volierenbesitzer mögen verzeihen - ist kaum zu bestreiten: Homo sapiens aus der Ordnung der Primaten umgibt sich bevorzugt mit anderen Säugetieren. Dieser Beitrag soll Ihnen darum eine kurze Übersicht über die Klasse der Säugetiere (Mammalia) geben. In nur neun prominenten und leicht zu merkenden Ordnungen (das ist das Taxon, das in der biologischen Systematik zwischen Klasse und Familie steht) werden über 90 Prozent aller Säugetiere verzeichnet (siehe Abbildung 1).

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Zwei Superfamilien aus der Ordnung der Fleischfresser (Carnivora) prägen unsere Vorstellung von Tieren besonders: Felidae (Katzenartige) und Canidae (Hundeartige) begleiten  Milliarden von Menschen in Ihrem unmittelbaren Umfeld und bedienen dabei soziale und emotionale Bedürfnisse. Dies gilt interessanterweise auch dort wo der Wolf, Canis lupus, der Urvater aller Hunde oder die Wildkatze (Felis silvestris), die Mutter aller Hauskatzen natürlicherweise gar nicht vorkommen.

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Vor etwa 10.000 Jahren, als die Menschen während der neolithischen Revolution begannen die Samen verschiedener Süßgräser auszusäen und somit Getreide anzubauen (Erfindung des Ackerbaus) fanden sie auch heraus , dass sich etliche  Vetreter der Paarhufer (Artiodactyla) hervorragend zur Produktion von Fleisch, Milch, Wolle und Leder eignen. Seitdem leben viele Menschen mit Ziege, Schaf, Schwein und Rind in mehr oder minder enger Wohngemeinschaft.

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Auf die  Idee, große, wilde Unpaarhufer (Perissodactyla) als Last- und Zugtiere zu halten, und es sich obendrein auf ihrem Rücken bequem zu machen, kam man wohl erst vor etwa 5000 Jahren.  In der Steppe des heutigen Kasachstan wurden damals erstmals Wildpferde (Equus ferus) domestiziert, die dann im 12. Und 13. Jahrhundert die Ausbreitung  des mongolischen Großreiches bis nach Mitteleuropa mit Hilfe der Kavallerie ermöglichten.

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Rattus rattus
, die etwas kleinere Hausratte, bevorzugt den  trockenen Dachboden. Rattus norwegicus die deutlich stärkere Wanderratte hält sich eher im feuchten Keller und in (Abwasser-)Kanälen auf.  Wenn Sie die beiden als unbeliebte aber treue Abgesandte der Nagetiere (Rodentia), dazu noch eine Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros) als Vertreterin der Fledetiere (Chiroptera) und sich selbst in Ihre mentale Arche Noah laden, haben Sie schon sechs bekannte Säugetierordnungen an Bord.  Natürlich dürfen auch Hase (Ordnung: Hasenartige), Igel (Ordnung: Insektenfresser) und Elefant (Ordnung: Rüsseltiere) über den zoologischen Ozean schippern. Mit diesen neun Ordnungen sind nun etwa 4800 der knapp 5400 Säugetierarten auf ihrer animalischen Promi-Yacht repräsentiert (siehe Abbildung 1 und Abbildung 3).

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Treten Sie nun noch an die Reeling, lassen Ihren Blick über den Ozean schweifen und bedenken Sie die drei Säugetierordnungen die in bzw. am Wasser leben: Die Wale mit den beiden Unterordnungen der Zahn- und Bartenwale unterteilen sich in etwa 80 Arten und sind mit Paarhufern (vor allem den Flusspferden und den Wiederkäuern) so eng verwandt, dass sie gemeinsam das Taxon Cetartiodactyla bilden. Robben gehören zu den Carnivora und  die Seekühe (Sirenia) bilden mit vier Arten eine eigene Ordnung.

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Als gebildeter Mensch gehen Sie jetzt schleunigst an Land, schlagen ein Zoologielehrbuch auf und finden dort noch 11 weitere Ordungen der sogenannten Höheren Säugetiere (Eutheria). Die Beutelsäuger (Metatheria), die als eigene Unterklasse neben den Höheren Säugetieren stehen, werden in etwa 320 Arten unterteilt. Kloakentiere sind eine Ordnung mit fünf lebenden Arten, die als einzige Säugetiere Eier legen und früher als Ursäuger (Prototheria) bezeichnet wurden (siehe Abbildung 2).

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Die Basis der Säugetiersystematik schuf Carl von Linné 1735 im Rahmen seiner Systema Naturae, ohne die molekularbiologischen Grundlagen der Vererbung zu kennen. Und obwohl die mit genetischen Kenntnissen aufgerüsteten Zoologen die Beschreibung der  Verwandschaftverhältnisse an vielen Stellen verfeinert und umgestellt haben, ist Linnés Grundgerüst auch in modernen Kladogrammen deutlich erkennbar (siehe Abbildung 3 und Abbildung 4).

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Die Stammesgeschichte der Säugetiere beginnt vor mehr als 300 Millionen Jahren im Karbon. Damals spaltete sich  die Gruppe der Amnioten, den ersten Landwirbeltieren deren Nachwuchs erstmals nicht als Larven in Wasseransammlungen heranreifte, in zwei Entwicklungslinien auf: Die Sauropsiden erlebten in Mesozoikum (Erdmittelalter: Trias, Jura und Kreidezeit, 247-66 Millionen Jahre vor heute) als Dinosaurier ihre erdbeherrschende Blüte. Der andere Zweig, die Synapsiden waren in dieser Epoche überwiegend zu einem nachtaktiven Dasein gezwungen. Dies führte dazu, dass sie schließlich ihre Körpertemperatur unabhängig von äußerlich zugeführter Wärme aufrecht erhalten konnten, also die Endothermie, die man früher als Warmblütigkeit bezeichnete, hervorbrachten.

Das älteste Fossil, an dem sich eindeutige Spuren eines Fells nachweisen ließ (Castorocauda, der Biberschwanz), stammt aus dem Jura (201 bis 145 Millionen Jahre vor heute). Mit diesen  evolutionsbiologisch neuen Eigenschaften wurden aus den Synapsiden im Erdmittelalter die ersten echten Säugetiere.

Nachdem die Dinosaurier während der Katastrophe am Übergang von der Kreidezeit zum Paläogen vor 66 Millionen Jahen ausgestorben waren, beschränkten sich die überlebenden ehemaligen Sauropsiden als Vögel bzw. Reptilien auf den Luftraum und  die wärmeren Regionen der Erde.  Die Säugetiere besetzten bis zum Ende des Neogen (23 bis  2,6 Millionen Jahre vor heute), das früher mit dem Paläogen als Tertiär zusammengefasst wurde, eine Vielzahl ökologischer Nischen und die 20 Ordnungen der höheren Säuger waren entstandenen.

Diese Einführung in die die zoologische Systematik der Säugetiere soll nicht abgeschlossen werden, ohne die wichtigsten Eigenschaften dieses Taxons zu nennen. Was also unterscheidet die Säugetiere außer  ihrem im Verhältniss zum Körpergewicht großen und leistungsfähigen Gehirn von anderen Tieren? Neben den drei Gehörknöchelchen (Hammer, Amboß und Steigbügel), dem Gebiss aus spezialisierten Schneide-, Eck- und Backenzähnen zeichnet die Säugetiere ihr Fortpflanzungs- und Brutpflegeverhalten und die dazugehörigen anatomischen Strukturen aus: Die nach kurzer Trächtigkeit von etwa 2 bis fünf Wochen in eine Bruttasche (Marsupium, von lateinisch marsupium, Tasche) geborenen Beuteltiere sind bis auf ihre Vorderextremitäten, mit denen sie zu den Zitzen kriechen müssen, zunächst vergleichsweise unterentwickelt.
Bei den höheren Säugetieren wird die befruchtete Eizelle durch eine äußere Zellschicht, dem Trophoblast, vor dem mütterlichen Immusystem geschützt, sodass der ungeborenen Embryo (der nach Ausbildung aller Organe als Fötus bezeichnet wird) monatelang in der Gebärmutter (Uterus) reifen kann. Hier wird der Nachwuchs durch die Plazenta (Mutterkuchen), in der mütterliches und embryonales Blut über Zotten miteineander in Kontakt treten,  mit Sauerstoff und Nähstoffen versorgt.

Die Milch mit der Jungtiere gesäugt  - bzw. Menschenkinder gestillt - werden, wird in Drüsenkomplexen produziert, deren Ausführungsgänge in den Zitzen bzw. den Brustwarzen enden. Je nachdem wieviele Nachwuchs durchschnittlich zu erwarten ist, besitzen die weiblichen Tiere zwei (z.B. Pferde) bis zu mehr als 20 solcher abgrenzbaren Milchdrüsen. Das Weibchen des Großen Tenrek, Tenrec ecaudatus ist mit bis zu 32 Jungtieren je Wurf die Rekordhalterin.

Das Haarkleid aus dem Protein Keratin könnte eineseits erklären warum die meisten Menschen Säugetiere anderen weniger kuscheligen Tierstämmen vorziehen. Das Fell ermöglicht es vielen Säugetieren (ähnlich dem Gefieder der Vögel) ihre Körpertemperatur weitgehend konstant zu halten und trägt zur Anpassung an kühle (aber auch sehr heiße) Umweltbedingungen bei. Anderseits wird ihr dichtstehendes Haarkleid vielen wildlebenden oder in Pelztierfarmen gehaltenen Säugetieren - allen Protesten von Tierschutzorganisatzionen zum trotz – zum Verhängnis. files/Bildungsexplosion/bilder/DSC_0455.jpg

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Die Fotografien der Zootiere wurden mit freundlicher Genehmigung des Tierpark Berlin aufgenommen.

 

Literatur

 
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