Von Weimar in das Dritte Reich

Philipp Scheidemann bei einer Rede im Fenster der Reichskanzlei im November 1918. Quelle: Bundesarchiv, Wikipedia

In Deutschland sollten nach dem Krieg, anders als in Russland, Sozialdemokraten regieren. Am 9. November 1918 hatte der Reichskanzler Max von Baden sein Amt auf den Vorsitzenden der SPD Friedrich Ebert (1871 - 1925) übertragen. Phillip Scheidemann (1865 - 1939) rief am gleichen Tag vom Westbalkon des Reichstages die Republik aus.
Im Winter 1918/19 ließ die SPD-Regierung den kommunistischen Spartakusaufstand mit der Hilfe von rechtsgerichteten Freikorps blutig niedergeschlagen. Diese uniformierten Truppen aus ehemaligen und Möchtegern-Frontkämpfern würde man heute wohl als Wehrsportgruppe bezeichnen. Die deutsche Linke, die Vertreter der Arbeiterschaft, war fortan in Sozialdemokraten und Kommunisten gespalten und beide Lager beäugten sich misstrauisch.
Die Sozialdemokraten beeilten sich, den Demokratisierungsprozess unumkehrbar zu machen und aus den ersten Wahlen am 19. Januar 1919 gingen sie als Sieger hervor. Friedrich Ebert wurde Reichspräsident und Scheidemann Kanzler einer Republik, die sich im August 1919 in Weimar eine Verfassung gab - weil in Berlin immer noch bürgerkriegsartige Verhältnisse herrschten. Die Verfassung enthielt fortschrittliche Elemente wie Volksbefragungen und einem Grundrechtekatalog. Zugleich aber versah sie den Reichpräsidenten mit einer Machtfülle, die später wesentlich zum Untergang der Republik beitragen sollte.

Als eine ihrer ersten Amtshandlungen musste die neue Regierung den Versailler Friedensvertrag mit den Siegern des Ersten Weltkrieges unterschreiben. Und die legten der jungen Republik und den Demokraten, die diese tragen wollten, eine schwere Bürde auf. Bei der Unterzeichnung am 28. Juni 1919 (in jenem Versailler Spiegelsaal, in dem 48 Jahre zuvor das Deutsche Kaiserreich proklamiert wurde) legte man fest, dass Deutschland allein den Krieg verschuldet hatte und daher große Teile seines Territoriums einbüßen und gewaltige Reparationszahlungen leisten musste. Die Verträge verhinderten zwar nicht die wirtschaftliche Erholung, hinterließen aber das Gefühl der Demütigung. Die Nationalsozialisten würden es 15 Jahre später erreichen, dieses Gefühl mit Sozialisten, Sozialdemokraten und vor allem mit den Juden zu verbinden.
Dabei gab es sehr wohl  Menschen die bereit waren, die Demokratie zu verteidigen. Ein Umsturzversuch im Jahre 1920 durch rechte Freikorps (Kapp-Lüttwitz-Putsch) scheiterte, weil die Gewerkschaften einen wirkungsvollen Generalstreik organisierten und auch weil die Ministerialbeamten sich querstellten. Den Außenpolitikern gelang es in den zwanziger Jahren Deutschland in die Völkergemeinschaft zurückzuführen und die Folgen des Versailler Vertrages abzumildern. Die Reparationsforderungen konnten 1921 von zunächst 269 auf 132 Milliarden Reichsmark mehr als halbiert werden, Deutschland erhielt amerikanische Kredite und wurde in den Völkerbund aufgenommen. Die Regierung mit  Außenminister Walther Rathenau (1867 - 1922) verständigte sich 1922 mit Russland (Vertrag von Rapallo) und sogar mit Frankreich (Konferenz von Locarno) und erkannte die neue westliche Staatsgrenze an.

In den „Goldenen Zwanzigern“ sanken in der sich entwickelnden modernen Industrie die Arbeitslosenzahlen und moderne Sozialgesetze wie die Arbeitslosenversicherung und das Kündigungsschutzgesetz von 1927 flankierten den wirtschaftlichen Fortschritt. Dazu gehörte eine moderne Schulpolitik, die alle Kinder auf die neugeschaffene vierjährige Grundschule mit einem auch nach heutigen Gesichtspunkten modernen Bildungskonzept schickte.
In dieser Atmosphäre blühte das kulturelle Leben auf. Die expressionistischen Künstler schockierten, indem sie ihre verfremdeten Figuren und Formen in grellen und phantastischen Farben malten. Schriftsteller von Bertold Brecht über Thomas Mann bis Stefan Zweig schufen einen Literaturkanon, dessen Wirkung aus dem deutschsprachigen Schriftgut allenfalls die Weimarer Klassik erreicht hat. Das Bauhaus, eine Kunst- und Architekturschule in Dessau, befreite die Gebäude von - aus ihrer Sicht - überflüssigem Zierrat und ließ stattdessen durch große Fenster und gläserne Fassaden viel Licht in die geometrisch strengen Baukörper. Bald wurden auf der ganzen Welt Häuser mit flachen Dächern und schmucklosen Fassaden gebaut.

Albert Einstein (1879 - 1955) hatte 1905 erklärt, dass die Zeit in einem Objekt, welches sich schnell bewegt, langsamer fließt als in einem Ruhenden (spezielle Relativitätstheorie). Zudem hatte er die ungeheure Energiemenge, die in jedem Ding steckt und die von dessen Masse abhängig ist, erkannt. In der allgemeinen Relativitätstheorie beschrieb er dann 1916 Gravitation, also beispielsweise die Erdanziehung, als eine Eigenschaft der geometrischen Raumzeit und nicht mehr - wie bei Newton - als bloße Wirkung ihrer Masse. Objekte wie die Sonne krümmen den Raum und zwingen so beispielsweise die Planeten auf ihre Bahn.
In den Zwanziger Jahren wagten sich Wissenschaftler wie Werner Heisenberg, Max Born, Pascual Jordan und Erwin Schrödinger mit der Quantenphysik in einen Kosmos der kleinsten Dinge. Weil sich ein Elementarteilchen in dem Moment verändert, in dem man es misst - nämlich durch die Messung - behaupteten die Forscher, dass man den Ort und den Impuls beispielsweise eines Elektrons nicht gleichzeitig bestimmen könnte. Sie sprachen daher von Unschärfe und Aufenthaltswahrscheinlichkeit. Zusammen mit ihren internationalen Forscherkollegen wie Niels Bohr und Paul Dirac entwickelten sie Modelle vom Atom und seinen Verbindungen, die später halfen, Computer und Laser zu erfinden und der modernen organischen Chemie zugrunde liegen.

Ausgelöst durch erhebliche Kursverluste der New Yorker Börse in der letzten Oktoberwoche 1929 (der schwarze Freitag war der 25. Oktober) kam es zu einer weltweiten Wirtschaftskrise. Amerikanische Banken zogen Kredite ab. Der jungen deutschen Wirtschaft fehlten nun kaufkräftige Kunden im In- und Ausland. Viele Unternehmen erklärten den Bankrott und bald kletterten die Arbeitslosenzahlen. Während die Amerikaner versuchten, die Wirtschaft durch schuldenfinanzierte Investitionen anzukurbeln, suchte Heinrich Brüning, Angehöriger der Zentrumspartei und Reichskanzler von 1930 bis 1932, sein Glück in einer strikten Sparpolitik. Die Arbeitslosenzahlen stiegen zwischen 1928 und 1932 von 1,6 auf über sechs Millionen Menschen. Hatten die Erfolge der zwanziger Jahre es nicht vermocht, die Deutschen zu leidenschaftlichen Demokraten zu machen, gab der Hunger und das politische Chaos - sechs Kanzler in fünf Jahren von 1928 bis 33, sowie bürgerkriegsähnliche Kämpfe zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten - der Republik den Rest. Die Weimarer Verfassung zeigte in dieser Krise ihre Schwäche. Sie erlaubte es dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1847 - 1934) Regierungen ohne Neuwahlen und Parlamentsmehrheit zu ernennen, da sich ab 1930 keine stabilen Koalitionen mehr bilden ließen. Hindenburg, als Sieger der Schlacht von Tannenberg (1914) im Volk hoch angesehen, war kein Verfechter der Demokratie. Noch 1927 schrieb er dem ehemaligen Kaiser unterwürfige Briefe in das Exil. Ein Anhänger Hitlers war er aber nicht und so weigerte er sich dem Emporkömmling die Macht zu übergeben, obwohl die NSDAP bei den Wahlen im Juli 1932 zur stärksten Partei geworden war. Erst als er von seinen konservativen Beratern und dem vormaligen Regierungschef Franz von Papen (1879 - 1969), die behaupteten, Hitler einbinden und kontrollieren zu können, gedrängt wurde, ernannte er Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler.

 

 
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