Was uns bevorsteht

Der Fortschritt wählt die unterschiedlichsten Wege. Quelle: Bildungsexplosion

Als Michail Gorbatschow den Eisernen Vorhang zerriss, öffnete er keinen Garten Eden. Die Welt sieht sich seither mit vier großen Problemen konfrontiert, die zwar allesamt nicht neu sind, aber andere Nuancen bekommen und sich teilweise erheblich zugespitzt haben:

Hunger. Alle drei Sekunden stirbt ein Mensch an Hunger. Fast eine Millionen Menschen leiden weltweit an Mangelernährung. Die Verteilung des Nahrungsmangels orientiert sich auffällig nah an den beiden Seiten des Äquators. Auch in Süd- und Mittelamerika sowie in Asien hungern Menschen. Am schwersten ist aber der südlich der Sahara gelegene Teil Afrikas betroffen. Einigkeit besteht darin, dass Hunger ein Verteilungsproblem darstellt und die Erde auch mehr als die derzeit sieben Milliarden Bewohner ernähren könnte. Als wichtige wirtschaftliche Ursache des Hungers werden die hochsubventionierten Nahrungsmittel aus den Industriestaaten genannt, welche die landwirtschaftliche Produktion in den Entwicklungsländern verdrängen und diese von Importen abhängig machen. Weil diese den Marktgesetzen unterliegen, kann es gerade nach Dürren zu Preissteigerungen und Hungerkatastrophen kommen.

Krieg, Bürgerkrieg, Terror und Flucht. Vor allem in Afrika gibt es regelmäßig bewaffnete Konflikte. Einer der schlimmsten war der Völkermord der Hutu an den Tutsi, bei dem im ostafrikanischen Ruanda 1994 mehr als eine halbe Millionen Menschen umkamen.

Schon bei der Befreiung Kuweits von der irakischen Armee Saddam Husseins (1937 - 2006), der Operation Desert Storm (1991), sahen sich die Soldaten überwiegend westlicher Staaten mit einem mehrheitlich muslimischen Staat konfrontiert. Aber spätestens seit dem 11. September 2001, an dem etwa 3000 Menschen starben, als von muslimischen Extremisten gekidnappte Verkehrsflugzeuge in das New Yorker World Trade Center rasten, schien der „Clash of Civilizations“ der „Zusammenprall der Kulturen“ Wirklichkeit zu werden, vor dem der amerikanische Autor Samuel Phillips Huntington 1996 in einem Buch gewarnt hatte. Die beiden folgenden Kriege in Afghanistan (seit 2001) und im Irak (2003), bei denen Soldaten mit überwiegend westlich-christlicher Prägung gegen solche aus dem islamischen Kulturkreis kämpften, schienen diese Lagertheorie zu bestätigen. Insbesondere gilt dies auch für den Konflikt zwischen den mit den USA befreundeten Israelis und den Palästinensern, der den Beobachtern als eine wesentliche Keimzelle der fortdauernden Aggression im Nahen Osten gilt.
Doch die Revolutionen des Jahres 2011 in Tunesien, Ägypten und Libyen und der blutige Bürgerkrieg, der seit 2012 in Syrien tobt, zeigten eindrucksvoll, dass sich in der arabischen Welt kein monolithischer Block zum Kampf gegen das Christentum wappnet.  Vielmehr leben hier vor allem junge Menschen, die bereit sind, unter erheblichen persönlichen Risiken für die Erneuerung ihrer Länder zu kämpfen. Wie bei den meisten Revolutionen dürfte es einen ganzen Strauß von Motiven geben - es wäre westliche Vermessenheit anzunehmen, dass nicht vor  allem der Wunsch nach Freiheit und Demokratie die Menschen antriebe.

In Syrien, aber auch im Irak, den die US-amerikanischen Truppen im Jahr 2010 verließen, haben die Regierungen die militärische Kontrolle über weite Landesteile verloren. Dieses Machtvakuum nutzte der Islamischen Staat (IS), eine islamistische Terrororganisation um 2014 im Norden der beiden Länder einen als Kalifat bezeichneten Staat auszurufen. Der IS, der brutal gegen alle vorgeht die seinen archaischen Moralvorstellungen widersprechen,  ermordete im Juni 2014 mehr als 700 irakische Kriegsgefangene - offenbar nur weil sie schiitischen Glaubens waren.

Vor Hunger, Bürgerkrieg und sozialer Not versuchen hunderttausende Menschen aus Nordafrika und dem nahen Osten nach Europa zu fliehen. Beim Untergang überfüllter Boote ertranken in den Jahren 2014 und 2015 über 5000 Menschen im Mittelmeer. Die UN schätzen, dass seit dem Beginn des Bürgerkrieges alleine aus Syrien über vier Millionen Menschen geflohen sind, viele von Ihnen zunächst in die Türkei. Die Europäische Union befindet sich wegen des Streits um die Verteilung der Flüchtlinge in einer veritablen politischen Krise.

Energieversorgung und Klimawandel. Vor allem im Karbon, dem Zeitalter von 360 bis 299 Millionen Jahren vor heute, versteckte die Erde energiereiche Kohlenstoffverbindungen in ihrer Kruste. Seit nicht einmal 200 Jahren haben wir in großem Maßstab begonnen, sie in Form von Kohle, Gas und Erdöl wieder hochzuholen und zu verbrennen. Die Menschen nutzen die dabei freiwerdende Energie und entlassen das energiearme Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre. Dort sorgt es dafür, dass Sonnenlicht, welches von der Erdoberfläche als Wärmestrahlung reflektiert wird, nicht ins Weltall verschwindet, sondern in größerem Maße in der Atmosphäre verbleibt. Weil Glasscheiben in der Gemüseproduktion so ähnlich funktionieren, wird das Phänomen Treibhauseffekt genannt. Was dieser langfristig bewirkt, wird von Wissenschaftlern und Politikern heiß diskutiert. Da sich aber Dürreperioden seit 1950 auf der Nordhalbkugel häufen, könnte ein Klimawandels bereits begonnen haben und das dritte Menschheitsproblem, den Hunger, beeinflussen. Bildungsblitz
In Atomkraftwerken werden Urankerne durch Beschuss mit Neutronen gesprengt. Weil Atomkerne durch die starke Kernkraft (eine der vier Grundkräfte) zusammengehalten werden, wird dabei eine große Menge Energie frei und so galt die Kernenergie seit den fünfziger Jahren als ein großer Segen. Weil bei dem Prozess kein CO2 freigesetzt wird, sehen das viele Menschen noch immer so. Als nach der Kraftwerkkatastrophe von Tschernobyl im Sommer 1986 über halb Europa der radioaktive Fallout niederging, hieß es im Westen, die Russen seien eben schlampig und ihre Atomkraftwerke technisch unzulänglich. Doch im Frühjahr 2011 schwappte eine Welle über die Mauern des Kernkraftwerks von Fukushima an der japanischen Ostküste und gab dessen Notkühlsystem den Rest, das bei dem unmittelbar vorhergehenden Erdbeben schwer beschädigt worden war. Als es danach zu einer Kernschmelze kam, musste die Weltöffentlichkeit geschockt beobachten, wie die führende Industrie- und Hightech-Nation Japan ihre Notfallteams mit dünnen Papiermäntelchen an die Strahlenfront schickte und es ihnen somit kaum besser erging, als den Aufräumarbeitern von Tschernobyl, den so genannten Liquidatoren, 25 Jahre zuvor.

Wirtschafts- und Finanzkrise. Als im Jahr 2008 die amerikanische Investmentbank Lehman-Brothers Insolvenz beantragte, hofften Finanzpolitiker, die Krise würde sich auf den Bankensektor beschränken. Verursacht wurde die Pleite und die Schwierigkeiten, in die schnell auch andere Banken gerieten, unter anderem durch Kredite, die in großer Zahl an amerikanische Privatkunden mit oft geringem Einkommen vergeben wurden. Banken und Kunden spekulierten auf steigende Immobilienpreise und die Häuser waren oft die einzige Sicherheit. Für die Kredite wurden Ausfallversicherungen abgeschlossen und diese als Finanzprodukt in die ganze (Finanz-)Welt verkauft. Als im Rahmen der Immobilienkrise viele Häuser ihren Wert verloren, brach das labile Produkt aus Wunschträumen und Gier zusammen. Letztlich mussten die Finanzminister Banken mit Steuergeldern retten. Die dafür notwendigen Minusbeträge addierten sich zu den schon bestehenden Schulden. Im April 2010 beantragte Griechenland Finanzhilfe der Europäischen Union, weil es sonst seinen Verpflichtungen (z.B. Löhne und Gehälter staatlicher Angestellter) nicht mehr hätte nachkommen können. Angesichts der Schulden die im Jahr 2010 mit 273 Milliarden Euro 115 Prozent des Bruttoninlandsproduktes betrugen, erscheint es unwahrscheinlich, dass Griechenland seinen Haushalt jemals aus eigener Kraft sanieren können wird.
Bei dem nun folgenden öffentlich-medialen Kassensturz wurde schnell klar, dass nicht nur andere europäische Staaten in Schwierigkeiten stecken. Vielmehr sind die weltweiten öffentlichen Ausstände im letzten Jahrzehnt erheblich - und nochmal besonders stark nach der Bankenkrise von 2008 - angestiegen und die Staatengemeinschaft hat mittlerweile einen Schuldenberg von mehr als 50 Billionen Dollar aufgehäuft.

Diese vier Problemfelder sollten nicht unabhängig voneinander betrachtet werden, vielmehr sind sie eng miteinander verwoben. Zugleich sind sie die Aufgaben, welche die Menschheit im angebrochenen Jahrhundert herausfordern.

 

2 Kommentare

Joekrüger
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Jedes Zeitalter hat seine Probleme, die unlösbar bleiben.

J.Germann
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Es ist eine große Hilfe, wenn Klarheit über die "wirklich vorrangigen Lebensfragen" geschaffen wird. Als Modifizierung wie Ergänzung wäre hier möglich, den genannten 4 Feldern zur Seite zu stellen:
(5.) diverse Formen und Regionen der Überbevölkerung, (6.) Formen des Rohstoff-Verschleißes und der Rohstoffverschwendung (und deren Vermeidung), (7.) Nutzen und Übervorteilung durch Eliten (und deren Einschränkng), (8.) Formen der familiären, schulischen und medialen Unterversorgung mit Wissen und Verständnis ("Bildung") und Formen des Erwerbs durch Foren ("bildungsexplosion") und Formen der Eigenanstrengung.
J. Germann

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