Vertrocknen wir?

Analoger Niederschlagsmesser. Quelle: Bildungsexplosion

Der Computer, auf dem dieser Text geschrieben wird, steht in Berlin-Friedrichshain, es ist eine 23-Grad-warmer wolkenloser Oktobersonntag. Als sich im Sommer die große Dürre in Deutschland abzuzeichnen begann, kaufte ich einen einfachen Niederschlagsmessbecher und habe ihn auf einer kleinen Wiese vor dem Haus aufgestellt. Man kann die Regenmenge in Millimetern ablesen (s. Abbildung).  Ein Millimeter entspricht einem Liter Niederschlag pro Quadratmeter (1mm = 1l/qm).
In den Tagen zwischen dem 19. Juli und dem 14. Oktober 2018 hat es in meiner Straße – glaubt man diesem einfachen Gerät und seinem Ableser – auf jedem Quadratmeter 26 Liter geregnet. Das ist ein Witz - ein ziemlich trockener Witz, denn normal wären etwa 120 Liter. Natürlich ist das alles andere als eine Beweis für den Klimawandel, es ist eine Eindruck. Die Leugner des menschengemachten Klimawandels würden es alarmistische Panikmache nennen (Lesen Sie dazu die Diskussionen in den unten zitierten Wikipedia-Beiträgen). Während manche Medien hartnäckig über den „Supersommer“ jubeln, machen sich viele Menschen sorgen, wenn sie ihre Spaziergänge an braunen Wiesen vorbeiführen und sie beobachten, wie Traktoren Staubwolken über ausgetrocknete Felder voller Maispflanzenskelette ziehen.
Weil man sich – ohne Landwirt oder Klimaexperte zu sein – gut vorstellen kann, was ausbleibender Regen auf die Dauer für Folgen haben würde, haben wir von Bildungsexplosion mit Hilfe der Wikipedia und anderer Medien (siehe Literatur und Quellen) trockene Wetterextreme der letzten Jahre zusammen getragen.

California Drought. Von Juni des Jahres 2011 bis Anfang 2017 herrschte im US-amerikanischen Bundesstaat Kalifornien eine ungewöhnlich starke und lange Dürrephase die in den Vereinigten Staaten schlicht California Drought genannt wird. Das Kalenderjahr 2013 war in Kalifornien das trockenste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1895. Im Winter 2014/2015 setzte sich die Dürre fort. Der Januar 2015 war der trockenste seit Beginn der Wetterdokumentation.

Satellitenmessungen ergaben, dass es durch die Austrocknung der Landfläche zu einem Masseverlust der amerikanischen Kontinentalplatte  kam, der einem Wasserdefizit von 240 Milliarden Tonnen entsprach (März 2014 im Vergleich zum langjährigen Mittelwert). Der Stand der kalifornischen Wasserspeicher war im November 2014 mit 55 Prozent der durchschnittlichen Füllmenge der niedrigste seit dem Jahr 1977. Nach Analysen der NASA lag im Jahr 2014 die Füllmenge der zwei längsten kalifornischen Flüsse Sacramento und San Joaquin etwa 42 Kubikkilometer unter dem jahreszeitlichen Durchschnitt. Berechnungen zufolge entsprechen die gespeicherten  Wassservorräte noch dem Bedarf von einem Jahr. Eine Baumringanalyse ergab, dass die letzte vergleichbare Dürre in Kalifornien vor etwa 1200 Jahren aufgetreten ist. Anfang April 2017 gab Gouverneur Jerry Brown das Ende der Dürreperiode bekannt nachdem im Winter 2016/17 sehr große Niederschlagsmengen gefallen waren. Gleichwohl kam es im Jahr 2018 unter dem Einfluss von erneuter Trockenheit und starken Winden neben einigen anderen Walbränden zum sogenannten Ranch- und River-Feuer, dem größten bekannten Feuer in der Geschichte Kaliforniens.

Dürrekatastrophe im südlichen Afrika und in Ostafrika seit 2015. In mehreren afrikanischen Staaten führt eine Dürrekatastrophe seit 2015 zur Ausrufung des Ausnahmezustands. Der Osten des südlichen Afrikas wurde wegen des weitgehenden Ausbleibens der sonst üblichen Sommerniederschläge schwer getroffen. Rund 14 Millionen Menschen drohte im Februar 2016 eine Hungersnot. In großen Teilen der Region blieb die Ernte aus, starb Vieh und fielen Flüsse und Wasserspeicher trocken. Die Schwäche der Währungen, besonders des südafrikanischen Rand, führte zu zusätzlichen Problemen durch steigende Preise. Südafrika erlebte die schwerste Dürre seit Beginn seiner Wetteraufzeichnungen von vor über 100 Jahren. Wegen ausbleibender Ernten musste die Hälfte des benötigten Maismehls eingeführt werden.
Die Auswirkungen erfassten auch Bereiche Ostafrikas, am stärksten in Äthiopien, wo im Februar 2016 rund zehn Millionen Menschen von Hunger bedroht waren. In Somalia führte das Ausbleiben von Regenfällen zu einer Hungersnot, die auch 2017 anhielt.
Die Welthungerhilfe berichtet für 2018 „dass es in weiten Teilen der Länder am Horn von Afrika nicht nennenswert geregnet hat“. In den Ländern Südsudan, Somalia Äthiopien und Kenia hungern demnach 23 Millionen Menschen oder sind auf Lebensmittelhilfen angewiesen.

Supersommer 2018. Die Dürre und Hitze in Europa 2018 ist eine Wetteranomalie mit unterdurchschnittlichen Regenmengen, überdurchschnittlichen Temperaturen und überdurchschnittlich vielen Sonnenstunden. Insbesondere im nördlichen und mittleren Teil Europas kam es zu zahlreichen Waldbränden, Ernteausfällen und sehr niedrigen Wasserständen vieler Flüsse und Talsperren. Das Phänomen begann im April 2018, als eine sogenannte Omegalage bestand, eine Konstellation bestehend aus einem großen Hochdruck- und zwei flankierenden Höhentiefdruckgebieten. Sie führte zu einem völligen Abreißen der Westwinddrift. Diese sehr langzeitstabilen heißen Hochdruckwetterlagen erstrecken sich über große Teile der Nordhalbkugel  und ändern sich dabei über lange Zeiträume kaum . Sie werden sowohl von Meteorologen als auch von Klimaforschern als sehr ungewöhnlich beurteilt und im Zusammenhang mit dem menschengemachten Klimawandel gedeutet.
In Deutschland war die durchschnittliche Temperatur im Zeitraum April bis Juli mit deutlichem Abstand (3,6 Grad über dem Wert der Referenzperiode 1961–1990) die höchste, die für diese Monate seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen im Jahr 1881 beobachtet worden waren. Ebenso stellt der Deutsche Wetterdienst in seinen Auswertungen fest, dass für diesen Zeitraum noch nie ein so großes Niederschlagsdefizit beobachtet wurde (−110 mm [= l/m²]).

files/Bildungsexplosion/bilder/Trockenheit2018.jpg

Vertrocknetes Gras bei Kaarst (Dürre 2018). Quelle: Mimikry 11, Wikipedia

Insgesamt war der Sommer 2018 deutschlandweit der zweitwärmste (nur 2003 war wärmer) und der zweittrockenste (nur 1911 war trockener) seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881.
In den europäischen Ländern waren aufgrund der langanhaltenden Trockenheit und Hitze historische Ernteeinbußen zu erwarten. In Deutschland mussten viele Bauern ihr Getreide aufgrund starker Anzeichen der Notreife deutlich früher ernten. Niedersachsen rechnet mit der schlechtesten Getreideernte seit 1976. Erwartet wird eine Ernte von 4,69 Millionen Tonnen, was 22 Prozent weniger als 2017 bedeutet.

Die Trockenheit begünstigte Wald- und Feldbrände. Nach vorläufigen Zahlen wurden alleine in Brandenburg mehr als 640 km² Wald Opfer von Bränden. Die Dürre begünstigte einen riesigen Moorbrand nördlich der niedersächsischen Stadt Meppen der im Verlauf mehrerer Wochen etwa 500.000 Tonnen jahrtausendelang im Boden gespeichertes CO2 freisetzte.

In Schweden standen am 22. Juli 2018 insgesamt mehr als 25.000 Hektar Wald in Flammen. Die Behörden gaben an, es könne möglicherweise bis Anfang 2019 dauern, bis alle Brände vollständig gelöscht seien. In Südnorwegen waren im Juli mehr als 350 Wald- und Feldbrände binnen zwei Wochen ausgebrochen, was laut norwegischem Zivilschutzdirektorium die höchste jemals gemessene Zahl solcher Brände war.
Im August 2018 wurden bei einem Waldbrand nahe dem portugiesischen Ort Monchique insgesamt 41 Menschen verletzt und rund 27.000 Hektar Wald vernichtet.

In vielen Wäldern starben junge Bäume, die noch keine tiefen Wurzeln ausbilden konnten, großflächig ab. Für Deutschland wird kalkuliert, dass etwa 85 Prozent der neu angepflanzten Jungbäume vertrockneten. Klimaforscher gehen davon aus, dass der Wald - wie im trockenen Sommer 2003 - nicht wie üblich als Kohlenstoffsenke agiert haben könnte, also netto Kohlenstoffdioxid aus der Luft gebunden hat, sondern stattdessen zu einer Kohlenstoffquelle wurde.

files/Bildungsexplosion/bilder/soese klein.jpg

Die Sösetalsperre im Harz im Oktober 2018. Quelle: Bildungsexplosion

 

Diese Beispiele beweisen nicht, das unser Planet vertrocknet. Zuletzt gab es auch in Europa heftige Regenfälle: Im Oktober 2018 ertranken auf Mallorca 12 Menschen als in wenigen Stunden 220 Liter pro Quadratmeter fielen. Und auch in Deutschland hat es in historischer Zeit Hitzephasen gegeben. Allerdings bleibt die Sorge bestehen, dass sich zumindest in bestimmten Regionen Dürreperoiden häufen und regenreiche Phasen, in denen sich Natur und Menschen davon erholen können immmer kürzer werden. Eine Dürreperiode war wohl tatsächlich noch schlimmer als die aktuelle: im Jahr 1540.

Literatur und Quellen

 

Kommentare

riverblue13
|

Vertrocknen wir jetzt nun?

Hier einloggen oder registrieren, um einen Kommentar zu verfassen.